Ein humanoider Roboter diente als Ausstellungsexponat in der Londoner Schau "AI: More than Human".

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Der Glaube daran, dass technische Lösungen anderen Alternativen überlegen sind, ist tief in unserer Gesellschaft verankert, sagt die Expertin für künstliche Intelligenz Meredith Broussard. Das habe einerseits mit jahrzehntelangem Marketing zu tun, andererseits mit verstecktem Sexismus.

Als Gegenmittel zu Minderwertigkeitskomplexen gegenüber Computern empfiehlt Broussard jedem, einen alten Computer einmal auseinanderzunehmen.

STANDARD: Sie attackieren die weitverbreitete Annahme, dass Technik die beste Lösung für alles sei. Warum hängen so viele Menschen dem Technikchauvinismus an?

Broussard: Technikchauvinismus hat uns seit mindestens 20 Jahren begleitet. Da steckt auch Marketing dahinter. Denn wenn Menschen meinen, dass Technologie den Menschen überlegen ist, kaufen sie mehr Computer. Es gibt Marktinteressen, den Glauben zu befördern, dass Technik alle Probleme der Menschheit lösen wird. Es ist schwierig, gegen 20 Jahre an Marketingslogans anzukämpfen. Ich bin aber zuversichtlich, dass die Leute immer mehr hinterfragen werden, ob Technologie wirklich gleichbedeutend mit Erlösung und Gerechtigkeit ist.

"Es gibt so vieles, was einfach zu verstehen ist. Die Leute wollen sich nicht die Zeit nehmen, komplizierte Dinge zu verstehen", sagt die KI-Expertin Meredith Broussard.
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STANDARD: Sie sagen, dass Technikchauvinismus auch mit Sexismus zu tun hat – warum?

Broussard: Es gibt sehr starke Bezüge zwischen Sexismus, Rassismus, Gendervorurteilen und Technikchauvinismus. Hinter dem Glauben, dass Technik überlegen ist, versteckt sich oft der Glaube, dass die Menschen, die die Technik entwickelt haben, überlegen sind gegenüber anderen Menschen. Und wer entwickelt Technologien? Es sind großteils weiße Männer in den Computerwissenschaften tätig. Um das zu ändern, müssen wir mit langanhaltenden rassistischen und sexistischen Benachteiligungen in diesem Feld aufräumen.

STANDARD: In Ihrem Buch erwähnen Sie, dass Ihnen schon als junger Studentin aufgefallen ist, was die Gründe sind, warum so wenige Frauen in den Computerwissenschaften sind. Welche Probleme sehen Sie, was müsste getan werden?

Broussard: Sexismus und Rassismus in den Computerwissenschaften unterscheidet sich nicht von Sexismus und Rassismus in anderen Bereichen. Wir haben sehr gute Arbeit dabei geleistet, zu erforschen, wie es zu den Ungleichheiten kommt. Wir wissen auch, was dagegen getan werden kann. Sexismus und Rassismus sind keine Probleme, die nach einer technischen Lösung verlangen. Wenn Frauen auf jeder Karrierestufe verlorengehen, ist es wichtig, in Kinderbetreuungseinrichtungen zu investieren. Viele Probleme, die manche mit Technik lösen wollen, brauchen eigentlich soziale oder politische Lösungen.

STANDARD: In Ihrem Buch legen Sie großen Wert darauf, zwischen einer speziellen und einer generellen künstlichen Intelligenz (KI) zu unterscheiden – worin liegen die Differenzen?

Broussard: Spezielle künstliche Intelligenzen gibt es seit langem. Sie bieten Lösungen für sehr spezielle Anwendungen und sind im Prinzip nichts anderes als Statistik. Eine generelle künstliche Intelligenz, wie wir sie aus Hollywoodfilmen wie Terminator kennen, gibt es in Wirklichkeit nicht.

STANDARD: Wenn von KI die Rede ist, denken dennoch die meisten eher an "Terminator" als an Statistik. Woran liegt das?

Broussard: Die Leute verwechseln spezielle und generelle künstliche Intelligenz, und der Grund dafür liegt darin, wie unser Gehirn funktioniert. Wir sehen etwas in einem Hollywoodfilm, und es ist so eine überzeugende Geschichte, dass es uns in Erinnerung bleibt. Spezielle künstliche Intelligenz dagegen – das ist schwer verständliche Mathematik. Es gibt so viele Dinge auf der Welt, die einfach zu verstehen sind. Die Leute wollen sich daher nicht die Zeit nehmen, komplizierte Dinge zu verstehen.

STANDARD: Sie plädieren dafür, dass jeder einmal einen Computer auseinandergenommen haben sollte, um die Technikkompetenz zu fördern – warum?

Broussard: Mir geht es darum, dass sich Menschen ermächtigt fühlen, wenn es um Computer geht. Denn viele Menschen fühlen sich erniedrigt von Computern. Wenn etwas nicht funktioniert, tendieren sie dazu, sich selbst die Schuld zu geben. Ich würde sagen: Geben Sie nicht sich selbst die Schuld daran, sondern dem Computer oder dem Designer oder dem Programmierer! Wenn man einen Computer auseinandernimmt, versteht man, dass das nur ein Haufen von verschiedenen Metallen ist. Das entmystifiziert den Computer ungemein. Man hat dann viel weniger das Gefühl, Computer seien etwas Magisches.

STANDARD: In Ihrem Buch betonen Sie auch, dass es bei künstlicher Intelligenz Grenzen gibt, die wir nicht überschreiten sollten. In welchen Bereichen haben wir diese bereits erreicht?

Broussard: Ein Beispiel, das durch die Medien gegangen ist, ist die Idee, Amokläufer mithilfe der Daten aus sozialen Netzwerken zu identifizieren. Das ist eine dumme Idee, die nicht funktionieren wird und die wir nicht weiterverfolgen sollten. Algorithmen, um das herauszufiltern, funktionieren noch nicht so gut, wie uns ihre Entwickler gern glauben lassen möchten. Wir würden sehr viele falsche Resultate bekommen. Anstatt zu denken, dass Technik die Lösung für alle Probleme ist, sollten wir uns stärker darauf konzentrieren, Technik gemeinsam mit sozialen, politischen und ökonomischen Lösungen einzusetzen, um eine bessere Welt zu schaffen. Es sind etliche Apps programmiert worden, um Obdachlosigkeit zu bekämpfen. Doch Obdachlosigkeit bekommt man nicht in den Griff, indem man eine App programmiert, sondern indem man Menschen ein Zuhause gibt. (Tanja Traxler, 19.11.2019)