Oleg Sokolow befindet sich in St. Petersburg in Haft. Das Bild zeigt ihn bei Gericht im Glaskasten für Beschuldigte sitzend im Gespräch mit seinem Rechtsvertreter.

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Einen unerwarteten und schaurigen Fund hat die Wasserschutzpolizei in St. Petersburg gemacht, als sie am Wochenende einen betrunkenen Mann aus dem Newa-Nebenfluss Moika fischte. Im Rucksack des 63-Jährigen entdeckten sie die abgesägten Arme einer jungen Frau.

Wie sich herausstellte, handelte es sich bei dem Betrunkenen um den renommierten Petersburger Geschichtsprofessor Oleg Sokolow, der als Experte für die Napoleonischen Kriege auch internationales Ansehen genießt und einige Jahre an der Pariser Sorbonne eine Gastprofessur unterhielt. Er war ins Wasser gefallen, als er die Leichenstücke im Fluss versenken wollte.

Beim Opfer handelt es sich um seine 24-jährige Doktorandin Anastassija Jeschtschenko, mit der Sokolow mehrere Bücher geschrieben hat, aber auch privat eine Beziehung unterhielt. Bei der Wohnungsdurchsuchung des Professors stieß die Polizei auf weitere Körperteile der Leiche, die Sokolow zersägt haben soll.

Tötung gestanden

Sokolow hat bereits gestanden. Die Anwälte des Historikers versuchen, die Tat als Affekthandlung darzustellen. Vor Gericht führte der Angeklagte bereits ein Spektakel auf, er weinte, winselte, schlug mit dem Kopf an die Gitterstäbe des Käfigs im Gerichtssaal und nannte seine getötete Geliebte ein "Monster", das eifersüchtig auf seine Kinder aus zweiter Ehe sei. Mit ihren Aggressionen habe sie ihn zur Weißglut getrieben, behauptete er. Nach dem Verschwindenlassen der Leiche habe er sich selbst im Napoleon-Kostüm vor Touristen in der berühmten Peter-und-Paul-Festung töten wollen, fügte er hinzu.

Sollte Sokolow mit seiner Version eines Totschlags im Affekt durchkommen, würde seine Haftstrafe wohl maximal drei Jahre betragen. Allerdings ist Sokolow nicht nur als Historiker, sondern auch als Darsteller bekannt: Bei den in Russland beliebten Nachstellungen historischer Schlachten verkörperte er bei vielen Veranstaltungen ebenjenen französischen Kaiser Napoleon, den er so ausgiebig studiert hat.

Ließ sich mit "Sire" anreden

Sokolow ist sogar einer der Begründer der Bewegung zur historischen Schlachtennachstellung in Russland. Berichten zufolge soll er so in seiner Rolle aufgegangen sein, dass er sich mit "Sire" anreden ließ. Bekannte bezeichneten ihn daher als Exzentriker.

Allerdings gehen die Ermittler inzwischen einem Bericht nach, wonach Sokolow bereits in einer früheren Beziehung – ebenfalls mit einer Studentin – Gewalt angewendet haben soll. Als sie ihn verlassen wollte, habe er sie geschlagen und mit einem Bügeleisen bedroht, behauptet eine Zeugin. (André Ballin, 12.11.2019)