Den höflichen Tonfall der Diplomatie wird sich Jeanine Áñez Chávez erst zu eigen machen müssen: Denn bisher hielt sich die bolivianische Senatorin kaum zurück, wenn sie über Präsident Evo Morales und dessen Unterstützer wetterte. Auf Twitter las man zuletzt von "Feiglingen", "Schwachköpfen", "Verbrechern", ja sogar von "Mördern".

Jeanine Áñez folgt interimistisch dem zurückgetretenen Evo Morales.
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Sich selbst bezeichnet Áñez als "Demokratin, Autonomiebefürworterin, Mutter und Verteidigerin von Freiheit und Demokratie". Nun muss ihr Twitter-Profil wohl um "Übergangspräsidentin der Republik Bolivien" ergänzt werden.

Direkt angestrebt dürfte die 52-Jährige aus Beni im Amazonas-Tiefland das Amt nicht haben. Weil aber mit Morales auch der Vizepräsident, die Präsidentin des Senats und der Präsident der Abgeordnetenkammer zurückgetreten waren – einer von ihnen hätte laut Verfassung die Amtsgeschäfte übernehmen müssen –, erklärte sich Áñez bereit, die Präsidentschaft interimistisch anzutreten.

Ihr einziges Ansinnen sei es, so versicherte die Politikerin der bürgerlichen Opposition bei einem tränen reichen Auftritt im Fernsehen, das Land – es ist das ärmste Lateinamerikas – innerhalb von drei Monaten zu Neuwahlen führen zu wollen. "Diese müssen transparent sein, das Volk verdient sich das."

Áñez arbeitete nach ihrem Jusstudium bei einem TV-Sender, ab 2006 wirkte sie dann an der Verfassungsnovellierung mit. 2010 wurde sie in den Senat gewählt, dem sie seitdem ununterbrochen angehört.

Bekannte Morales-Kritikerin

Anfangs gehörte Áñez der oppositionellen Rechtskoalition PPB-CN an, nach deren Auflösung 2014 wechselte die mit einem konservativen Politiker verheiratete Senatorin zu der im Jahr zuvor gegründeten Sozialdemokratischen Bewegung, die (ihr Name würde es kaum vermuten lassen) eher im liberalen Mitte-rechts-Spektrum angesiedelt werden kann.

Unitel Bolivia

Dort wurde Áñez als vehemente Gegnerin des damals noch fest im Sattel sitzenden Präsidenten Morales bekannt. Sie forderte den "Tyrannen" mehr als einmal zum Rücktritt auf. Erst vor wenigen Monaten wurde Áñez Vizepräsidentin des Senats und nahm somit Platz fünf in der Ämterhierarchie ein – und nunmehr Platz eins.

Schon einmal, von November 1979 bis Juli 1980, hatte eine Frau Bolivien regiert: Die interimistische Präsidentschaft von Lidia Gueiler Tejada endete aber dramatisch: Sie musste infolge eines Militärputsches, der ausgerechnet von ihrem Cousin angeführt wurde, ins Exil fliehen. (Gianluca Wallisch, 12.11.2019)