Am Sonntag kam es erneut zu Zusammenstößen zwischen einigen Demonstranten und der Polizei.

Foto: REUTERS/ADNAN ABIDI

Hongkong – In Hongkong ist es am Wochenende zu einigen der gewalttätigsten Zusammenstöße der vergangenen fünf Monate gekommen. Demonstranten schossen am Sonntag Pfeile auf Polizisten und warfen auch Molotow-Cocktails. Die Polizei setzte Wasserwerfer mit gefärbtem Wasser und Tränengas ein. Den Ordnungskräften zufolge wurde ein Polizist von einem Pfeil ins Bein getroffen und ins Krankenhaus gebracht.

Einer der Schwerpunkte war die Polytechnische Universität in der Finanzmetropole – die letzte der fünf Universitäten der Stadt, deren Campus noch besetzt ist. Augenzeugen zufolge wirkt die Universität wie eine Festung. Von den Dächern wurden die Pfeile abgefeuert. Laut einer Polizeimitteilung wurde ein Polizist von einem Pfeil ins Bein getroffen und ins Krankenhaus gebracht. Die Polizei in der ehemaligen britischen Kronkolonie sprach von zunehmenden Ausschreitungen.

Die Polizei drohte daraufhin mit dem Einsatz scharfer Munition, falls Demonstranten tödliche Waffen nutzten oder andere Gewalttaten begingen. Die Randalierer sollten die Angriffe mit tödlichen Waffen auf Polizisten einstellen, erklärten die Sicherheitsbehörden am Montag. Andernfalls werde die Polizei Gewalt anwenden und könnte auch scharfe Munition einsetzen.

Zweite Meinung

In der Nacht blieb es einige Stunden ruhig, die Demonstranten schliefen auf dem Rasen und in der Universitätsbibliothek, bis die Polizei am Vormittag erneut Tränengas einsetzte. Daraufhin warfen Protestierende Benzinbomben, einige zündeten Bäume auf dem Campus an.

Die Demonstranten setzen sich für mehr Freiheit ein. Die Polizei gehe sehr gewaltsam vor, sagte ein 23-Jähriger zu Reuters. "Die Demonstranten haben nur auf die Polizei reagiert." Er sei bereit, für seine Überzeugungen ins Gefängnis zu gehen. Diejenigen, die Pfeile abfeuerten, würden sich nur selbst verteidigen. Ein anderer Student sagte: "Wir haben keine Angst." Wenn der Kampf nicht weitergehe, werde die Protestbewegung scheitern.

Zwei deutsche Studenten wieder frei

Zwei bei den Protesten in Hongkong festgenommene deutsche Studenten sind hingegen wieder frei. Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur wurden sie am Samstag wieder auf freien Fuß gesetzt. Auch die "South China Morning Post" berichtete über die Freilassung.

Die beiden 22 Jahre alten Austauschstudenten der Lingnan Universität waren demnach am Freitag wegen der Teilnahme an einer "illegalen Versammlung" festgenommen worden, nachdem sie in einer Gruppe von 50 etwa Studenten weggelaufen waren. Einer der Studenten soll demnach auch gegen das Vermummungsverbot verstoßen haben.

Aufräumarbeiten

Am Vortag hatte der erste Einsatz chinesischer Soldaten bei den seit mehr als fünf Monaten anhaltenden Protesten in Hongkong bei Regierungsgegnern scharfe Kritik ausgelöst. Auf einem Video des Lokalsenders RTHK war zu sehen, wie Männer der Volksbefreiungsarmee am Samstag unbewaffnet in kurzen Hosen und T-Shirts Steine und andere Objekte von der Straße in der Nähe der zuvor von Demonstranten besetzten Hong Kong Baptist University räumten. Dutzende Soldaten beteiligten sich an den Aufräumarbeiten.

Ein ORF-Beitrag über die Demos in Hongkong.
ORF

Der ungewöhnliche Einsatz fand große Beachtung, weil es unter einigen Hongkongern seit Monaten Befürchtungen gibt, dass China sein Militär nutzen könnte, um die Proteste in der Stadt niederzuschlagen. Nach monatelangen Demonstrationen hatte Chinas kommunistische Führung zuletzt zwar angedeutet, den Griff zu verstärken. Eine militärische Niederschlagung der Proteste halten die meisten Beobachter dennoch für unwahrscheinlich, weil China dafür international geächtet würde. Stattdessen sollen Hongkongs Regierung und die Polizei aus Sicht Pekings für Ordnung sorgen.

Mehr als 10.000 Soldaten der Volksbefreiungsarmee sind seit der Rückgabe der britischen Kronkolonie 1997 an China in Hongkong stationiert. Nach unbestätigten Berichten soll die Truppenstärke heimlich aufgestockt worden sein.

Nach geltendem Recht könnte Hongkongs Regierung die Zentralregierung in Peking um militärische Hilfe bitten, um die öffentliche Ordnung wiederherzustellen oder nach Katastrophen zu helfen. Eine solche Anfrage habe es am Samstag jedoch nicht gegeben, teilte die Hongkonger Regierung mit.

"Gemeinnützige Tat"

Wie die Zeitung "South China Morning" berichtete, verurteilten Abgeordnete der Opposition den Einsatz scharf und forderten von der Regierung Aufklärung. Die Garnison der Volksbefreiungsarmee in Hongkong teilte mit, dass es sich um eine "gemeinnützige Tat" gehandelt habe. Die Soldaten wollten lediglich Bewohnern dabei helfen, die Straßen in der Nähe der Kaserne aufzuräumen. Auf Videos ist zu sehen, wie einige Menschen den Soldaten applaudieren.

Die Volksbefreiungsarmee war schon in der Vergangenheit ohne ausdrücklichen Hilfegesuch in Hongkong ausgerückt. So halfen 400 Soldaten im vergangenen Jahr bei der Beseitigung von Schäden durch den Taifun "Mangkhut", wie lokale Medien berichteten.

Auch an anderen Orten begannen Hongkonger am Samstag damit, die Spuren der Proteste der vergangenen Tage zu beseitigen. Hunderte von Anwohnern räumten in der Nähe der University of Hongkong (HKU) Trümmer von den Straßen. Nach einem relativ ruhigen Tag kam es am Abend aber erneut zu vereinzelten Ausschreitungen. Radikale Demonstranten warfen Brandsätze, die Polizei setzte Tränengas und Gummigeschosse ein.

Straßenblockaden

Seit Juni demonstrieren immer wieder Zehntausende Menschen für Demokratie und gegen die Regierung der chinesischen Sonderverwaltungszone, der sie zu große Nähe zur Führung in Peking vorwerfen. Die anfangs friedlichen Proteste arten immer mehr in Gewalt aus – auf beiden Seiten.

Die ganze Woche über blockierten Demonstranten Straßen und sorgten so für erhebliche Verzögerungen im Berufsverkehr. Erstmals wurden auch viele Hochschulen der Stadt zu Brennpunkten, wo sich Studenten verschanzten und es zu teilweise heftigen Kampfszenen zwischen Polizisten und radikalen Demonstranten kam.

Die seit mehr als fünf Monaten anhaltenden Proteste in der chinesischen Sonderverwaltungsregion richten sich gegen die Regierung. Die Demonstranten fordern freie Wahlen, eine unabhängige Untersuchung von Polizeibrutalität sowie Straffreiheit für die bereits weit mehr als 4000 Festgenommenen. Auch der Rücktritt von Regierungschefin Carrie Lam gehört zu ihren Forderungen. (red, APA, 17.11.2019)