In London musste Thiem dem Sieger Tsitsipas gratulieren, er geht davon aus, dass bald wieder einem Sieger namens Thiem gratuliert werden muss.

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London/Wien – Dominic Thiem hat London am Montag trotz der knappen Finalniederlage gegen Stefanos Tsitsipas mit vielen neuen Erkenntnissen und gestiegenem Selbstvertrauen verlassen. Bei der dieswöchigen Premiere des Daviscup-Finalturniers in Madrid fehlt Österreich, fehlt somit auch Thiem. Damit ist die Saison für den aktuell erfolgreichsten heimischen Sportler vorbei.

Die in London verbuchten 800 Punkte bleiben nun ein Jahr, als zusätzliches Turnier, in Thiems Punktekonto stehen. Er ist an der Themse unter die ersten vier zurückgekehrt, ein Vorteil für die Setzung bei den Australian Open. So kann er nicht vor dem Halbfinale auf die Rafael Nadal, Novak Djokovic und Roger Federer treffen. "Er hat in Australien wenig zu verteidigen. Da gibt es noch viel Potenzial", sagte Manager Herwig Straka. Sein Schützling hatte bei den letzten Australian Open in Runde zwei angeschlagen aufgeben müssen.

"Es geht auch so"

Vielleicht wird Thiem in so einer verkühlten Situation dann anders auftreten. Denn das richtige "Mindset" kann ihn auch, wenn er angeschlagen ist, gefährlich machen. London lieferte den Beweis. Am Dienstag hatte Thiem vor dem Sieg über Djokovic wegen seiner starken Verkühlung nach dem Aufwachen schon an eine Heimreise gedacht. Dann zeigte er eine seiner besten Leistungen.

ATP Tour

"Das ist auch eine Sache, die mich sehr glücklich macht und zuversichtlich, falls das in der Zukunft wieder passiert. Ich habe mir selber bewiesen, dass es auch so geht", sagte Thiem. Mitnehmen von seinem ersten Endspiel beim ATP-Saisonshowdown wird er aber auch die Bestätigung seiner Steigerung auf Hartplatz in diesem Jahr.

"Noch einen Schritt machen"

Den ersten Triumph bei einem Masters-1000-Turnier im vergangenen März in Indian Wells wollte er da gar nicht ganz oben hinstellen. "Weil ehrlich, in Indian Wells ist der Hartplatz sehr langsam, fast wie auf Sand. Aber hier, in Wien, Peking oder Shanghai, wo ich wirklich gut gespielt habe: Das sind alles Beläge, auf denen ich in der Vergangenheit große Probleme gehabt habe. Ich habe einen Riesenschritt in die richtige Richtung gemacht", ist Thiem überzeugt. "Somit gehe ich auch mit einem sehr guten Gefühl in die Saisonvorbereitung. Weil ich genau weiß, was ich trainieren muss und was ich verbessern muss. Ich hoffe, dass ich da noch einen Schritt nach vorne mache und voll ready bin, wenn es in Australien losgeht."

Die Saisonplanung ist optimiert. Straka formuliert es so: "Wir werden dieses Wechselspiel aus Pause und Hochleistung ein bisserl stärker inszenieren." Also weniger Turniere spielen und alles rund um die größten Turniere ausrichten. Das soll auch helfen, die Achillesferse Thiems, seine Anfälligkeit für virale Infekte, einzudämmen.

"Halt hin und wieder krank"

Thiem bemühte sich, das Thema auch runterzuspielen. "Wenn ich ehrlich bin, bin ich echt glücklich mit meinem Körper und wie er ist. Auch ein Djokovic war in Paris verkühlt, hier auch sehr viele Spieler. Der Mensch ist halt hin und wieder krank", sagte Thiem und erinnert auch an die Belastungen gerade im Tennis, wo die Spieler die ganze Welt bereisen, und in kürzester Zeit Jetlag, Zeitzonen und Klimawechsel verkraften müssen.

"Es läuft für den Lebensstil, den ich führe, eh sehr gut. Wir sind die ganze Zeit an der Grenze mit dem harten Training und den Reisen. Mit einer ein bisserl besseren Planung glaube ich, dass ich da vor allem bei den großen Turnieren keine Ausfälle mehr haben werde."

Relativ kurz kommen wird auch 2020 die Rasensaison, außer Thiem sollte in Paris wider Erwarten früh ausscheiden. Der volle Fokus liegt auf den French Open. Aktuell ist wie dieses Jahr nur Wimbledon selbst eingeplant.

Muster? "Die Chemie passt"

Einen Boost für Thiem könnte es schon im Jänner durch Berater Thomas Muster geben, der zunächst beim neuen ATP Cup als Kapitän für Österreich auf der Bank sitzt. Wie sieht Straka, der ja auch Muster managt, die Chancen? "Die Chemie passt, der wahre Test wird der ATP Cup sein. Dann wird auch Thomas wissen, ob es was ist, was er sich vorstellen kann. Wir haben auch schon überlegt, welche Aufgabengebiete infrage kommen würden", sagte Straka.

Der Job von Nicolas Massu als Haupt-Coach sei gar nicht infrage gestellt. "Es geht einfach um ein paar Bereiche, wo er etwas sieht, und sich einbringen kann. Das wäre sicher eine Bereicherung, aber es muss Thomas passen", erläuterte Straka. Der Steirer, der Thiem kurz vor den diesjährigen French Open als Manager von Günter Bresnik übernommen hatte, sieht den Herbst bei Thiem als "Riesenschritt".

"Keine fünf Wochen Urlaub"

Nun geht es für Thiem in einen kurzen Urlaub. "Wir haben keine fünf Wochen Urlaub wie ein normaler Angestellter", sagte Straka. Thiem bleibt noch ein paar Tage in Österreich, urlaubt dann eine Woche im nicht genannten Ausland. Dann geht es Anfang Dezember in Miami bei Fitnesscoach Duglas Cordero um Fitness und Ausdauer. Am 20. Dezember geht es bereits nach Australien, wo auch Hauptcoach Nicolas Massu dazustoßen wird.

Ob dann eine Prophezeiung Thiems (und auch von Alexander Zverev) Realität wird? "Ich bin ziemlich sicher, dass wir nächstes Jahr einen neuen und jungen Grand-Slam-Champion sehen werden." Er selbst steht dazu in der Poleposition. (APA, red, 18.11.2019)

ATP-Finale seit 1990:

1990 Frankfurt: Andre Agassi (USA) – Stefan Edberg (SWE) 5:7, 7:6, 7:5, 6:2
1991 Frankfurt: Pete Sampras (USA) – Jim Courier (USA) 3:6, 7:6, 6:3, 6:4
1992 Frankfurt: Boris Becker (GER) – Courier 6:4, 6:3, 7:5
1993 Frankfurt: Michael Stich (GER) – Sampras 7:6, 2:6, 7:6, 6:2
1994 Frankfurt: Sampras – Becker 4:6, 6:3, 7:5, 6:4
1995 Frankfurt: Becker – Michael Chang (USA) 7:6, 6:0, 7:6
1996 Hannover: Sampras – Becker 3:6, 7:6, 7:6, 6:7, 6:4
1997 Hannover: Sampras – Jewgenij Kafelnikow (RUS) 6:3, 6:2, 6:2
1998 Hannover: Alex Corretja (ESP) – Carlos Moya (ESP) 3:6, 3:6, 7:5, 6:3, 7:5
1999 Hannover: Sampras – Agassi 6:1, 7:5, 6:4
2000 Lissabon: Gustavo Kuerten (BRA) – Agassi 6:4, 6:4, 6:4
2001 Sydney: Lleyton Hewitt (AUS) – Sebastien Grosjean (FRA) 6:3, 6:3, 6:4
2002 Shanghai: Hewitt – Juan Carlos Ferrero (ESP) 7:5, 7:5, 2:6, 2:6, 6:4
2003 Houston: Roger Federer (SUI) – Agassi 6:3, 6:0, 6:4
2004 Houston: Federer – Hewitt 6:3, 6:2
2005 Shanghai: David Nalbandian (ARG) – Federer 6:7, 6:7, 6:2, 6:1, 7:6
2006 Shanghai: Federer – James Blake (USA) 6:0, 6:3, 6:4
2007 Shanghai: Federer – David Ferrer (ESP) 6:2, 6:3, 6:2
2008 Shanghai: Novak Djokovic (SRB) – Nikolaj Dawydenko (BLR) 6:1, 7:5
2009 London: Dawydenko (RUS) – Juan Martin del Potro (ARG) 6:3, 6:4
2010 London: Federer – Rafael Nadal (ESP) 6:3, 3:6, 6:1
2011 London: Federer – Jo-Wilfried Tsonga (FRA) 6:3, 6:7, 6:3
2012 London: Djokovic – Federer 7:6, 7:5
2013 London: Djokovic – Nadal 6:3, 6:4
2014 London: Djokovic – Federer w. o.
2015 London: Djokovic – Federer 6:3, 6:4
2016 London: Andy Murray (GBR) – Djokovic 6:3, 6:4
2017 London: Grigor Dimitrow (BUL) – David Goffin (BEL) 7:5, 4:6, 6:3
2018 London: Alexander Zverev (GER) – Novak Djokovic (SRB) 6:4, 6:3
2019 London: Stefanos Tsitsipas (GRE) – Dominic Thiem (AUT) 6:7 (6), 6:2, 7:6 (4)