Das Ebola-Virus hätte man 2014 wohl besser bekämpfen können, wenn wissenschaftliche Arbeiten zugänglich gewesen wären.

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Es hätte alles ganz anders laufen können: Als die Infektionskrankheit Ebola 2014 in großen Teilen Westafrikas ausbrach, kamen viele Interventionen zu spät für mehr als zehntausend Menschen. Dabei war schon 1982 ein Paper erschienen, das nicht nur vor dem Ausbruch gewarnt, sondern auch geeignete Gegenmaßnahmen vorgeschlagen hatte.

Einziges Problem: Das Paper war im kostenpflichtigen Journal Annals of Virology erschienen und somit für viele nicht zugänglich. „Es gibt sehr viel Wissen, das hinter Schranken versteckt wird. Dabei ist es in Notfallsituationen lebensnotwendig, dass alle verfügbaren Arten von Wissen umgehend zugänglich werden“, sagt Katja Mayer.

Sie forscht am Zentrum für soziale Innovation ZSI im Rahmen des Projekts S4D4C zu Open Science, also der Idee, dass wissenschaftliche Informationen für alle frei zugänglich sein sollten.

S4D4C, was für „using science for/in diplomacy for addressing global challenges“ steht, wird durch das EU-Programm Horizon 2020 gefördert. Ziel der über zehn Projektpartner sei es, die zwei Welten von Wissenschaft und Diplomatie zu verbinden, sagt Elke Dall, Koordinatorin und Leiterin des Projekts.

Bis Ende nächsten Jahres wollen die Wissenschafter des ZSI in neun Fallstudien Empfehlungen für Politikgestaltung entwickeln und die Rolle der Wissenschaft in der Diplomatie stärken. Kommende Woche werden Teilaspekte bei einem internationalen Workshop der Diplomatischen Akademie präsentiert und diskutiert. Darunter auch Mayers Studie.

Inhalte frei verfügbar

Beim wissenschaftlichen Publizieren gibt es viele Punkte, die zeigen, wie dringend ein Umdenken wäre – bis hin zur generellen Frage, ob wissenschaftliche Inhalte für alle frei verfügbar sein sollten. Mayer: „Viele Akteure wissen, dass das Wissenschaftssystem schon länger in eine falsche Richtung steuert. Das zu ändern, erfordert globale Partnerschaften.“

Gerade im Falle der von Ebola betroffenen afrikanischen Staaten führten altbewährte Praxen zu weiteren Problemen: Wissenschafter aus dem globalen Norden, die etwa in Liberia forschten und das gewonnene Wissen wieder abtransportierten, wurden bald mit Skepsis gesehen.

Da keine lokalen Akteure einbezogen wurden, entstanden bald Impfskepsis und eine Voodoo-Kultur rund um die Interventionen. Ein Grund dafür, solche wissenschaftlichen Prozesse offener und transparenter zu gestalten, sagt Mayer. Doch eine Öffnung dieses Prozesses könnten Forschungsinstitutionen nicht allein vollbringen.

Die Basis dafür könnte ein internationaler, sprich wissenschaftsdiplomatischer Austausch bilden. Im S4D4C-Projekt soll auch das Feld der Wissenschaftsdiplomatie besser definiert werden. Bisher gebe es keine allgemeingültige Definition, sondern lediglich drei unspezifische Kategorien, sagt Elke Dall: Einerseits könne Wissenschaft in der Diplomatie genützt werden, um Diplomaten Informationen für Verhandlungen zur Verfügung zu stellen.

Barrieren überwinden

Auch können wissenschaftliche Kooperationen genützt werden, um internationale Verbindungen zu verbessern und politische Barrieren zu überwinden. Im dritten Bereich gehe es darum, Wissenschaftern in konfliktgeladenen Regionen diplomatische Unterstützung zur Verfügung zu stellen, damit diese dort etwa archäologische Grabungen durchführen können.

Eine erste, allgemeingültige Vision wurde im Dezember vergangenen Jahres als „Madrid-Deklaration für Wissenschaftsdiplomatie“ auf einer Konferenz zu dem Projekt verabschiedet.

Neben dem Ausbau dieser Definitionen gehe es auch um den Abbau von Vorurteilen: „Wissenschafter haben oft ein Problem damit, Diplomaten genannt zu werden. Der Begriff hat für sie einen negativen Beigeschmack, wie etwa eine politische Instrumentalisierung“, sagt Katja Mayer.

Ein weiterer Grund, der sie davon abhalten könnte, Forschungsergebnisse und Daten frei zu kommunizieren. Doch genau das ist eine Fähigkeit, die gerade in einer oft als postfaktisch bezeichneten Ära wichtig sei, so Elke Dall: „Um das Vertrauen zwischen Wissenschaftern und der Gesellschaft aufzubauen, können diese Diskussionen und Schnittstellen zur Diplomatie sehr relevant sein – auch wenn das nicht heißt, dass jeder Wissenschafter in politische Gespräche eintauchen muss.“ (Katharina Kropshofer, 24.11.2019)