Ein Bub läuft im Asylanhaltezentrum von San Diego in Kalifornien einen Gang hinunter. In den USA werden pro Jahr bis zu 100.000 Kinder in Migrationshaft genommen.

Foto: AP / Gregory Bull

Genf/Wien – Auf weggesperrte Kinder und ihre Leiden sei er weltweit schon während seiner Missionen als UN-Sonderberichterstatter über Folter gestoßen, sagt der Menschenrechtsexperte Manfred Nowak im Gespräch mit dem STANDARD. In autoritär geführten Waisenhäusern und Kinderheimen habe er sie ebenso vorgefunden wie in Gefängnissen, wo sich aufgrund eines sehr niedrigen Strafmündigkeitsalters sogar Acht- bis Zehnjährige aufhielten.

Auch heute noch liegt das Strafmündigkeitsalter in weltweit 120 Staaten entgegen Empfehlungen der Uno unter 14 Jahren..

Bestrafungen, kein Lernen, Einzelhaft

"In Uruguay zum Beispiel besuchte ich ein Jugendgefängnis, in dem ein rein auf Bestrafungen basierendes System herrschte. Für die Kinder gab es keinerlei Lern- oder Arbeitsmöglichkeiten und keine Resozialisierungsmaßnahmen. Die Buben mussten täglich 22 Stunden in den Zellen verbringen. Das einzige Mädchen befand sich de facto in Einzelhaft", schildert Nowak.

In Kasachstan wiederum habe er ein Kinderheim für Buben inspiziert, in dem sogar Dreijährige rasierte Köpfe hatten und in dem es täglich körperliche Bestrafungen gab. Die Kinder seien zum Teil Waisen gewesen oder zwangsweise von ihren Eltern getrennt worden, etwa weil man sie auf der Straße aufgegriffen habe.

"Die Kinder waren eingeschüchtert"

"Die Kinder waren extrem eingeschüchtert. Sie tischten tolle Geschichten auf, von täglichen Fußballspielen und Ähnlichem. Erst als wir sie überzeugen konnten, dass sie im Gespräch mit uns nicht abgehört wurden, erzählten sie, wie sie wirklich leben mussten", sagt Nowak.

Ihrer Freiheit beraubte Kinder seien eine Realität, wusste der Menschenrechtsexperte der Universität Wien also schon Mitte der 2010er-Jahre. Doch valide Zahlen und präzises Wissen über die Einsperrbedingungen und deren Folgen für die Betroffenen existierten nicht. Alles, was es beim UN-Kinderhilfswerk Unicef zu erfahren gab, waren Schätzungen, laut denen weltweit rund eine Million Minderjährige in Zusammenhang mit Strafjustiz inhaftiert waren.

Auftrag kam 2016

Daher sagte er zu, als er 2016 gefragt wurde, ob erim Auftrag der Uno-Generalversammlung eine globale Studie über Kinder in Unfreiheit leiten wolle; englischer Titel: "Global Study on Children Deprived of Liberty".

Nach einer 1996 veröffentlichten Globalen Studie über Kinder in bewaffneten Konfikten und einer 2006 publizierten Globalen Studie über Gewalt gegen Kinder ist dies die dritte globale Studie über Kinderpro Jahr. In der Hoffnung, dass Staaten ob der Ergebnisse Maßnahmen setzen.

Tatsächlich lassen zentrale Erkenntnisse der 758 Seiten umfassenden, dem STANDARD vorliegenden Expertise viel Änderungsbedarf erkennen. Demnach ist es weltweit 7,2 Millionen Menschen, die jünger als 18 Jahre sind, verboten, die Einrichtung, in der sie sich befinden, nach freiem Willen zu betreten und zu verlassen.

Die höchste Rate eingesperrter Minderjähriger wurde in den USA erhoben. Allein in Migrationshaft befinden sich dort pro Jahr rund 100.000 Kinder. Sie stammen meist aus Mittel- und Südamerika und wurden vielfach von ihren Eltern getrennt. Der Weltöffentlichkeit wurde ihr Schicksal in den vergangenen Monaten durch Fotos großer, vergitterter Zellen bekannt, in die sie nach dem Aufgriff gebracht werden.

Konservativ erhobene Daten

Die in der Studie genannten Zahlen (siehe Grafik) seien sehr konservativ erhoben worden, sagt Nowak. Berücksichtigt wurden primär Minderjährige, die von Behörden und Staat eingewiesen wurden. Minderjährige, die aus anderen Gründen in Internaten und Heimen leben und dort de facto in ihrer Freiheit eingeschränkt werden, wurden auf Basis einer weltweiten Schätzung dazugezählt.

Erstellt wurde die Studie von einer Vielzahl internationaler Experten, den Mitarbeitern von 170 NGOs sowie verschiedenen Uno-Einrichtungen.. Auch 274 Kinder, die zu Gesprächen über ihre Erfahrungen bereit waren, machten mit.

19 Empfehlungen

Der Staatengemeinschaft gibt die Studie 19 Empfehlungen mit auf den Weg; unter anderem wird die Auflösung von Heimen bei gleichzeitigem Aufbau von anderen Unterbringungsmöglichkeiten und sozialer Arbeit angeregt.

Viele der Beteiligten arbeiteten ohne jede Bezahlung, denn das Projekt war von extremem Geldmangel gekennzeichnet. Gestartet habe er die Studie mit einer Zusage über 120.000 Schweizer Franken, mehr nicht, schildert Studienleiter Nowak.

Schweiz und Österreich halfen

Von der Schweiz und Österreich abgesehen hätten die reichen Staaten große Zurückhaltung geübt. Ein Umstand, den Nowak mit einem der Schwerpunkte der Expertise erklärt, der vor allem in Europa heiß umstritten ist: der Lage von Kindern in Schub- und Migrationshaft. (Irene Brickner, 20.11.2019)