Boris Johnson und Jeremy Corbyn im Rededuell.

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London – Knapp ein Monat noch bis zur britischen Unterhauswahl – und die große Aufholdynamik, auf die Oppositionschef Jeremy Corbyn und seine Sozialdemokraten gehofft haben, ist bisher nicht in Schwung gekommen. Premier Boris Johnson hat jüngsten Umfragen zufolge die Führung seiner konservativen Partei sogar etwas ausbauen können. Diese liegt bis zu 17 Prozentpunkte voran.

Für die Opposition ging es bei der ersten TV-Debatte der beiden Parteichefs also schon ums Ganze – und um den Start einer Aufholjagd. Für Johnson hingegen geht es darum, den massiven Vorsprung nicht durch ungeschicktes Auftreten wieder zu verspielen.

Unentschieden und ein kleiner Sieg

Ob Corbyn die Chancen genützt hat, ist nach der Debatte eher fraglich. Beobachter waren sich nach dem eher chaotischen Duell in der Beurteilung uneinig. Eine Umfrage des Instituts YouGov sah einen knappen Sieg Johnsons mit 51 zu 49 Prozent. Über das Ergebnis, so es die tatsächliche Stimmung wiedergibt, könne sich Corbyn trotz seiner formalen Niederlage freuen: Immerhin liegt Labour in Umfragen deutlich weiter zurück.

Unterbrochen wurde die Diskussion immer wieder von Zwischenrufen und Lachern aus dem Publikum – was Beobachter als Alarmsignal für die politische Stimmung in Großbritannien werteren, in denen die beiden Seiten der Brexit-Debatte die Haltung des jeweils anderen nicht mehr ernst nehmen könnten.

Corbyn kündigte gleich zu Beginn der Debatte an, im Fall einer Labour-Regierung binnen drei Monaten einen neuen Deal mit der EU auszuhandeln und dann binnen sechs Monaten ein Referendum darüber durchzuführen. Ob er dann seinen Deal oder "Remain" empfehlen werde, ließ er aber auf mehrere Nachfragen hin offen. Johnson nutzte das immer wieder für Angriffe auf die Urteilsfähigkeit seines Kontrahenten. Dieser wisse selbst nicht, wofür er stehen solle und sei daher nicht fähig, eine Regierung zu führen.

Begeisterung fehlt noch

Labour jedenfalls setzte schon in der Vorbereitung darauf, dass der persönliche Auftritt des Spitzenkandidaten wieder jene Begeisterung auslöst, die Corbyn in manchen Kreisen vor der Wahl 2017 erzeugen konnte. Bisher hat sich die Partei allerdings schwer damit getan, die gleiche Dynamik wieder zu entfachen. Verbale Angriffe auf die wachsende Ungleichheit, Hinweise auf Fälle extremer Armut, die sich in Großbritannien ausbreitet, und auf allerhand Wahlversprechen blieben nicht auf. Außerdem warf er Johnson vor, das Gesundheitssystem NHS bei Geheimverhandlungen mit den USA zum Verkauf gestellt zu haben. Johnson wies das zurück, Corbyn präsentierte später auf Twitter die angeblich zugehörigen Dokumente.

Johnson wiederum empfahl dem Land seinen Brexit-Deal, der allein für ein Ende des politischen Chaos in Großbritannien sorgen könne. Dann könne man sich auch wieder um die Zukunftsthemen für Großbritannien kümmern. Sein Versprechen, Großbritannien könne die Handelsgespräche mit der EU nach dem Brexit bis Ende 2020 beenden, glaubte ihm Corbyn allerdings nicht: Derartige Verhandlungen würden im Schnitt sieben Jahre dauern, nicht elf Monate, sagte er.

Nicht dabei waren jene Parteien, die in der Frage des Brexits eine klar ablehnende Haltung einnehmen: Die Liberaldemokraten und die schottischen Nationalisten von der SNP sind am Montag vor dem britischen Höchstgericht mit einer Klage gescheitert, mit der sie die Teilnahme ihrer Parteichefs Jo Swinson und Nicola Sturgeon erzwingen wollten. (Manuel Escher, 19.11.2019)