Für Premier Boris Johnson und Herausforderer Jeremy Corbyn gab es bei der ersten TV-Debatte vor der britischen Wahl wenig zu lachen. Immer wieder lachte dafür das Publikum.

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55 Minuten Sendezeit, dazwischen mehrere Minuten Werbung: Das erste Fernsehduell zwischen nur zwei Parteichefs in der britischen Geschichte ließ dem konservativen Premierminister Boris Johnson und seinem Labour-Herausforderer Jeremy Corbyn kaum Zeit, ihre Argumente geordnet vorzubringen. Der Regierungschef wirkte angriffslustiger, überzog dauernd seine Redezeit, weshalb die Moderatorin ihm zunehmend genervt mit "Danke, Mister Johnson" ins Wort fiel. Eine Blitzumfrage der Firma Yougov sah das Land noch schärfer gespalten als beim Brexit-Referendum vor drei Jahren: Die Befragten entschieden sich mit 51:49 Prozent für Johnson als Gewinner.

Im Durchschnitt der Umfragen liegen die Konservativen mit 40 Prozent deutlich vor der größten Oppositionspartei Labour (29) und den Liberaldemokraten (16). Dem Oppositionsführer in dunkelblauem Anzug und roter Krawatte hätte deshalb eine gute Performance geholfen. Stattdessen wirkte Corbyn durch seine dunkle Brille und den etwas mürrischen Gesichtsausdruck zunächst eher genervt von der Sendung, die der Privatsender ITV aus einem Studio in Salford bei Manchester live übertrug. Im Lauf der Sendezeit gewann der 70-Jährige an Sicherheit und brachte seine wichtigsten Argumente vor: Nach neun Jahren Sparpolitik unter den Konservativen brauche das Land nun ein massives Investitionsprogramm, vor allem für das nationale Gesundheitssystem NHS, das durch die Privatisierungspläne der Tories gefährdet sei.

Gelächter in den Rängen

Den Vorwurf wies Premier Johnson im dunkelblauen Anzug mit blaugepunkteter Krawatte empört zurück, bezichtigte im Gegenzug seinen Kontrahenten, diesem fehle eine glaubwürdige Brexit-Politik. Das Publikum schien dem Amtsinhaber recht zu geben: Als Corbyn von der "Klarheit" seiner Haltung zum EU-Austritt sprach, war höhnisches Gelächter zu hören. Allerdings erlebte Johnson dieselbe Demütigung, als es um die persönliche Integrität der beiden Kandidaten ging. Insgesamt wurde das Lachen über die jeweiligen Gegner in sozialen Medien vielfach als schlechtes Zeichen für den Zustand der britischen Politik gewertet.

Mehrfach wiederholte der dritte Chef der seit 2010 konservativ geführten Regierung seine Behauptung, er werde bei einem Wahlsieg den EU-Austritt zum 31. Jänner bewerkstelligen: "Get Brexit Done" ist der wichtigste Slogan im Tory-Wahlkampf, Johnson brachte das Soundbite ein halbes Dutzend Mal unter, zuletzt unter dem Stöhnen der Studiogäste. Corbyn sprach von einer Neuverhandlung binnen drei Monaten und einem Referendum binnen sechs; ob er am Ende für den selbst ausgehandelten Deal oder aber für den EU-Verbleib werben wolle, ließ der eingefleischte Europaskeptiker offen – worauf Johnson immer wieder hinwies.

"A Christmas Carol" für Johnson, EU-Deal für Corbyn

Gefragt nach einem Weihnachtsgeschenk für den Kontrahenten in der ersten Adventwahl seit 1923 nannte Corbyn ein Buch, nämlich "Die Weihnachtsgeschichte" von Charles Dickens (1812–1870). Johnson wollte dem Oppositionsführer zunächst eine Kopie seines Brexit-Austrittsdeals unter den Christbaum legen, entschied sich nach einigem guten Zureden dann aber für ein Glas Zwetschkenmarmelade aus eigener Produktion.

Später am Abend durften dann auch noch die Vorsitzenden der kleineren, schon bisher im Unterhaus vertretenen Parteien auftreten, ergänzt durch den Chef der Brexit Party, die Abgeordnete lediglich im EU-Parlament hat. Sowohl die liberale Parteichefin Joanne Swinson wie auch Nicola Sturgeon, Vorsitzende der schottischen Nationalpartei SNP, hatten den Londoner High Court darum gebeten, die Zweierdebatte für illegal zu erklären, was das Gericht ablehnte. Anders als seit Jahrzehnten in Amerika und seit diesem Jahrhundert auch in Frankreich oder Deutschland war das Format des Duells zwischen Amtsinhaber und Herausforderer auf der Insel bisher kein selbstverständlicher Bestandteil der politischen Auseinandersetzung. Der Dienstagabend dürfte die Skeptiker in ihrer Einschätzung bestätigt haben, dass Fernsehdebatten egal in welcher Zusammensetzung selten neue Erkenntnisse bringen. (Sebastian Borger aus London, 19.11.2019)