Semyon Bychkov ist seit 2018 Chefdirigent der Tschechischen Philharmonie.

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Man schätzt die Nachbarn aus dem Norden nicht nur wegen ihres freundlichen, verlässlichen Wesens, sondern auch wegen ihrer Küche. Der Schweinsbraten mit Sauerkraut und Petersilerdäpfeln mit zerlassener Butter, die gefüllten Knödel, die Liwanzen…

Deftige, kalorienreiche Klangkost kredenzten die Tschechische Philharmonie und Semyon Bychkov auch beim zweiten von drei Gastspielabenden im Musikverein, die alle Peter Iljitsch Tschaikowsky gewidmet waren. Obwohl: Renaud Capuçon servierte dessen Violinkonzert eher in Allerweltsmanier. Der Franzose fegt durch die beiden Ecksätze, nicht immer hundertprozentig intonationssicher, und präsentierte die poetischen Melodien des Russen in eher gleichförmiger, verwechselbarer Weise.

Der Kammermusiker Renaud Capuçon gilt als einer der bedeutendsten Violinisten der Gegenwart.
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Die technisch anspruchsvollen Passagen ging der 43-Jährige wie ein Bodenturner an, der seine mit Saltos, Schrauben und Flickflacks gespickten Sprungbahnen absolviert – und dies fallweise unter Mühen. Auf Charakterzeichnung und Seelenschau hoffte man meist vergebens. Im langsamen Mittelsatz fesselte Capuçon jedoch mit einer idealen Mischung aus Intimität und Intensität, und selbst das leiseste Flüstern in der Canzonetta war präzise artikuliert.

Leise war danach bei Tschaikowskys Pathétique nicht sehr viel. Die tumultösen Vorgänge vor dem verklärenden Ende des Kopfsatzes waren von apokalyptischer Gnadenlosigkeit und elementarer Kraftentfaltung – kurz vor der Körperverletzung. Sämig und sinnlich wurde das Hauptthema im zweiten Satz angerührt, ein paar Gran mehr an Grazie hätten gut getan. Im dritten Satz wurde bald mit dicken Waden und in voller, blechbewehrter Montur marschiert: schwergewichtige Dramatik wie in einer Verdi-Oper.

Zu Beginn des Finalsatzes erinnerten die Tschechen an einen Chor von top-motivierten Klageweibern, um sich kurz danach mit der physischen Präsenz von Ringkämpfern ins letzte Gefecht mit dem Schicksal zu stürzen. Bychkovs Deutungen waren mal von der exaltierten Tragik einer Stummfilmtragödie, mal einfach nur geil laut. Der Schluss war kein Verlöschen, kein Aushauchen, sondern harthölzerne Widerborstigkeit bis zum letzten Pizzicato. Jubel. (Stefan Ender, 20.11.2019)