Sieben Jahrzehnte sind seit dem Tod André Gides vergangen. Et nunc manet in te – die letzten autobiografischen Schriften waren noch erschienen: Ainsi soit-il ou Les jeux sont faits(So sei es oder Die Würfel sind gefallen). Am 19. Februar 1951 stirbt Gide 81-jährig in Paris. Man begräbt ihn in Curverville, an dem Ort, an dem er einen Teil seiner Kindheit verlebt hat.

André Gide, ein Klassiker der modernen Literatur, der „kühne Experimentator auf dem Gebiet des Romans, Bekenner und Moralist von Geblüt“ – wie ihn Thomas Mann in einem Nachruf ehrte –, von diesem Großen der französischen Literatur hatte man im deutschsprachigen Raum kaum Notiz genommen. Man wusste, dass es sich um einen bedeutenden Schriftsteller handelt, aber eine literarisch interessierte Öffentlichkeit hat das Œuvre Gides im Grunde nicht mehr gefunden.

"Ich lasse allen Widersprüchen in mir freies Spiel", Gide, der Humanist und Kosmopolit, hatte lange Zeit ein Faible für den Kommunismus, blieb aber seinem aristokratischen Gestus verpflichtet.
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Er war ein Gottsucher und gleichzeitig ein erbitterter Gegner des Christentums, es war etwas Doppeldeutiges und schwer Fixierbares, das seine Persönlichkeit charakterisierte. Stirb und werde, die intime und ebenso ausführliche Schilderung der ersten 26 Lebensjahre, hatte Gide veröffentlicht, als er bereits doppelt so alt war. Was ein solcher Schritt für einen Autor bedeutete, der die Disparität zwischen seiner gesellschaftlichen Stellung und seinen Empfindungen der Privatheit zum dominierenden Thema seines literarischen Werkes gemacht hat, kann man nur vermuten. Er galt als ein kühler Zyniker, der sich im Rausch des Lebensgenusses verzehrte.

Homoerotische Erfahrungen

Er bekannte sich zu seiner Homosexualität, berichtete ausführlich von seinen homoerotischen Erfahrungen während einer Nordafrikareise – ein Unbekannter war dieser Schriftsteller damals schon nicht mehr. Und damit war schon der Skandal in der Welt. Auch im eigenen Land galt Gide stets als ein äußerst umstrittener Schriftsteller. Doch nach dem Zweiten Weltkrieg waren all die Kämpfe um Person und Werk abgeflaut. Das führte auch dazu, dass der fast 80-jährige André Gide nach dem Krieg sowohl national als auch international eine herausragende Stellung einnahm. Als er dann im Jahr 1947 den Nobelpreis für Literatur erhielt, wurde diese Entscheidung weltweit begrüßt.

In seinem Werk geht es immer wieder um den Wandel der Gefühle, vor allem um den vergeblichen Kampf um Aufrichtigkeit. Ein Intellektueller, der „unfähig ist zur Auflehnung oder Empörung“, sei ein Geist ohne Wert, behauptet er, hält für sich selbst, aber auch sogleich eine Rechtfertigung parat: Ein Genie steht für ihn außerhalb jedes Systems, es trägt es gewissermaßen in sich – und damit außerhalb moralischer Zwänge: Gide, der Immoralist. Der gleichnamige Roman aus dem Jahr 1902 über einen jungen, puritanisch erzogenen Geschichtsprofessor, der mehr aus Achtung vor seinem sterbenden Vater denn aus Neigung heiratet und die Frau ins Verderben stürzt, stellt früh das Dilemma des Autors um die Wahrheit in einen biografischen Kontext.

Auf den Index gesetzt

Die Wahrheit ist für Gide das Erkennen von Verlogenheit in den menschlichen, in den gesellschaftlichen Beziehungen. Für ihn handelt es sich um „steinzeitliche Lebensformen“, aus denen er erst spät ausbricht, dann aber in voller Radikalität: „Mir liegt vor allem daran, frei denken zu können.“ So wird der Roman DieFalschmünzer einmal die zentrale Stellung im Gesamtwerk Gides einnehmen, wobei gerade dieses Buch viele Kritiker zu dem Fehlurteil veranlasst hat, in Gide einen Nihilisten zu sehen.

In Wirklichkeit aber war es ihm bitterernst um die Klärung ethischer Probleme: „Alles, was ich sehe und erkenne, alles, was das Leben der anderen und mein eigenes mich lehrt, das alles möchte ich in dieses Buch gießen ...“ Doch wird man dies nicht „hochrechnen“ dürfen auf die später folgenden Tagebücher Gides, die unter anderem eben auch bezeugen, wie sehr sich der Autor zeit seines Lebens um eine eigene Stellung zum Christentum bemüht hat.

Sämtliche Werke Gides wurden ein Jahr nach seinem Tod von der katholischen Kirche auf den Index gesetzt. Gide, so der Vatikan, habe sich in der Rolle des verlorenen Sohnes gefallen, er habe es genossen, immer wieder gerufen zu werden, aber dennoch nicht zurückzukehren ... Der so Gescholtene hatte sich zwischen 1923 und 1939 unmissverständlich mit dem dogmatischen Denken der katholischen Kirche auseinandergesetzt und ihr vorgeworfen, zu glauben, ein Monopol auf die Tugend zu besitzen. (Wolf Scheller, ALBUM, 23.11.2019)