Wie kaum ein anderes Bauwerk in Südtirol symbolisiert das Siegesdenkmal in Bozen den Machtwillen der faschistischen Epoche. Jahrzehntelang war das "Wahrzeichen der Italianität" Ziel von Anschlägen, Startpunkt von Aufmärschen und Gegenstand von Volksabstimmungen. Doch erst seit wenigen Jahren werden Besucher dort in einem Museum durch die Wirrnisse der Südtiroler Geschichte geführt – und zwar völkerverbindend in drei Sprachen.

Silvius Magnago, jahrzehntelang maßgeblicher Gestalter der Südtiroler Autonomie.
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Und kein geschichtliches Ereignis spaltete die Südtiroler so tief und folgenschwer wie die "Option" von 1939, mit der sich Hitler und Mussolini auf eine radikale Lösung des Südtirol-Problems einigten: Die deutschsprachige Bevölkerung sollte ins Reich übersiedeln. 86 Prozent entschieden sich im Zuge einer beispiellosen Propagandakampagne für die Aufgabe ihrer Heimat und die Abwanderung in eine ungewisse Zukunft nördlich des Brenners.

"Lei net rogeln!"

Die "Option" führte jahrzehntelang zu einem tiefen Riss mitten durch die Bevölkerung, auch durch viele Familien. Als sich 1989 in Bozen eine Ausstellung erstmals diesem brisanten Thema widmete, warnte Landeshauptmann Silvius Magnago: "Lei net rogeln!" Bloß nicht herumstochern! Und als Bergsteigerlegende Reinhold Messner ein Buch über die Option als "zeitgeschichtliches Lehrstück" publizierte, musste er sich heftige Angriffe gefallen lassen.

Für Mussolini war die Maßnahme eine willkommene Gelegenheit zur Bereinigung der ihm lästigen Südtirol-Frage. Für Hitler war dagegen der Einsatz dieses "im Grenzlandkampf erprobten Menschenmaterials" zur Absicherung des "Lebensraums im Osten" wichtig. Das Thema wirkt bis heute nach, ersichtlich auch am Zeitzeugen-Projekt Option – Letzte Spuren der Erinnerung auf den Vereinigten Bühnen Bozen.

Es wirkt wie ein Zufallsspiel der Geschichte, dass Südtirol in diesen Wochen gleich zwei entscheidende Gedenktage begeht: den Friedensvertrag von St. Germain 1919, der die traumatische Teilung Tirols besiegelte – und genau 50 Jahre später jene historische Abstimmung in Meran, mit der die damals wie heute dominante Südtiroler Volkspartei (SVP) 1969 das zwischen Wien und Rom ausgehandelte Autonomiepaket akzeptierte.

Ein langer Weg seit 1946

Alles in allem verging ein halbes Jahrhundert bis zur endgültigen Verwirklichung jenes Abkommens, das die Außenminister Karl Gruber und Alcide De Gasperi im September 1946 in Paris unterzeichnet hatten. Statt der versprochenen Autonomie für Südtirol hatte Rom zunächst bloß eine künstliche Region "Trentino – Tiroler Etschland" verwirklicht, in der die italienische Sprachgruppe über eine massive Mehrheit verfügte. Das Tauziehen zwischen Rom und Wien währte noch lange.

1957 demonstrierten Zehntausende auf Schloss Sigmundskron bei Bozen gegen die anhaltende "italienische" Zuwanderung. Der damals neue SVP-Obmann Silvius Magnago forderte: "Los von Trient!" Im Juni 1961 kam es in der "Feuernacht" zur größten Attentatswelle auf 40 Hochspannungsmasten und Gebäude des italienischen Staates. Im Land herrschte Belagerungszustand, rund 20.000 Soldaten bewachten öffentliche Einrichtungen. Verhaftungen waren an der Tagesordnung.

137 Schutzbestimmungen

Im September brachte dann Österreich die Südtirol-Frage vor die Vereinten Nationen. In zwei Uno-Resolutionen wurde Italien aufgefordert, den Vertrag von 1946 umzusetzen. In jahrelangen Verhandlungen wurde schließlich ein Paket mit 137 Schutzbestimmungen vereinbart, das in der Nacht vom 22. auf den 23. November 1969 auf einem SVP-Parteitag im Meraner Kurhaus nach 18-stündiger Redeschlacht genehmigt wurde: mit 583 gegen 492 Stimmen.

Im November 1969 gehörte der spätere Landeshauptmann Luis Durnwalder zu den Gegnern von Magnagos Paketlösung.

Magnago, zuvor in Höchstform argumentierend, stimmte dafür; dessen späterer Nachfolger Luis Durnwalder (1989–2014), damals junger Bürgermeister von Pfalzen, dagegen. Die Partei drohte zu zerreißen – bis es dann zum freundschaftlich-versöhnenden Handschlag zwischen Magnago und Peter Brugger, dem Wortführer der unterlegenen Fraktion, kam.

In den folgenden Jahren erreichte die SVP durch geschickte Unterstützung verschiedener italienischer Regierungen im römischen Parlament wesentlich mehr als die damals vereinbarten Zu geständnisse. Magnago, der 2010 starb, konnte als einer der wenigen europäischen Politiker von sich behaupten, ein Lebenswerk vollendet zu haben: Aus dem dürftigen zweiseitigen Vertrag von 1946 wurde eine Lösung, die heute als internationale Modellautonomie anerkannt ist.

Und diese wird gefeiert, wenn am Wochenende Italiens Staatspräsident Sergio Mattarella auf Schloss Tirol bei Meran seinem österreichischen Amtskollegen Alexander Van der Bellen die Hand reicht – auf den Tag genau 50 Jahre nach dem historischen Handschlag zwischen Magnago und Brugger, der fortan die Zusammenarbeit besiegeln sollte. (Gerhard Mumelter aus Bozen, 23.11.2019)