Unten am Eingang steht noch ein Wachmann, obligatorisches Merkmal aller russischen Bürogebäude. Im vierten Stock hingegen führt schon ein Scanner an der gläsernen Eingangstür die „Fejskontrol“ bei Ntechlab durch. „Unsere Mitarbeiter erkennt er in jeder Verkleidung, ob mit Sonnenbrille, hochgezogenem Schal oder wucherndem Vollbart“, sagt Generaldirektor Alexander Minin stolz.

Gesichtserkennung hilft den Behörden bei der Verbrechensbekämpfung ebenso wie bei der Kontrolle der Bevölkerung.
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Gesichtserkennung ist das Thema, mit dem Ntechlab bekannt geworden ist. 2016 ließ der Algorithmus Findface des NtechLab-Gründers Artjom Kucharenko bei einem internationalen Wettbewerb zur Wiedererkennung von Internetfotos die Konkurrenz von Google ganz alt aussehen. Für Minin ist das Schnee von gestern: Längst habe die Firma bei weiteren Ausscheidungen gewonnen, verweist er auf die Urkunden an der Wand. „Der Kampf um die Spitze wird von Unternehmen aus China, Russland und teilweise Israel geführt“, sagt Minin. Amerikaner und Europäer seien wegen ihrer Gesetzgebung und ihrer „Vorstellung vom Schutz persönlicher Daten“ Nachzügler.

Ntechlabs wichtigstes Geschäftsfeld liegt in der sogenannten nichtkooperativen Erkennung, wenn die Person nicht direkt ins Objektiv schaut und halb verdeckt ist, die Kamera weit entfernt und die Beleuchtung schlecht ist. „Hier liegt die Zukunft, hier gibt es große Projekte“, schwärmt Minin. Das sieht die staatliche Rüstungsholding Rostech ähnlich, die sich 2018 bei Ntechlab einkaufte.

Die umschwärmte Technologie sieht folgendermaßen aus: Sie greift die Bilder einer Kamera ab und sucht das beste heraus. Daraus erstellt sie ein digitales Abbild. Für jeden Menschen ist dieser digitale Code einmalig. Dieser Code wird dann in eine Datenbank eingespeist, die allerdings laut Ntechlab keine weiteren persönlichen Daten enthält.

Mächtiger Algorithmus

Je besser das Foto, desto mehr Details kann das System in die Berechnung einbeziehen. „Derzeit können wir Gesichter erkennen, die zu 40 Prozent verdeckt sind, selbst im Motorradhelm erkennen wir Sie wieder“, meint Minin.

Interessant ist das für die Polizei. Russlands Sicherheitsorgane haben den Algorithmus bereits in ihr Überwachungssystem aufgenommen. Etwa 170.000 Kameras sind an das Videoüberwachungssystem in Moskau angeschlossen; in praktisch jedem Hauseingang gibt es sie. Laut Rostech-Chef Sergej Tschemesow, ein langjähriger Vertrauter Wladimir Putins aus gemeinsamen Agententagen, sind derzeit bereits 1500 von ihnen mit der Technologie ausgestattet. Bis Jahresende sollen die übrigen Kameras ebenfalls an das System angeschlossen werden.

Mittels der Findface-Funktion können diese Kameras nun Straftäter auf der Straße leichter wiedererkennen – oder Demonstranten identifizieren, wie die Polizei zuletzt nach Protesten in Moskau mit einer schnellen Strafverfolgung eindrucksvoll bewies.

Doch gegen „Big Brother“ erhebt sich Widerstand. Die Moskauerin Aljona Popowa hat im Oktober Klage eingereicht: Die Gesichtserkennung verstoße gegen ihr Recht auf Privatsphäre, argumentiert sie. Popowa hatte im April 2018 eine Mahnwache vor der Staatsduma gehalten und wurde deswegen zu einer Ordnungsstrafe verurteilt. Während des Prozesses hatte das Gericht Aufnahmen von Überwachungskameras genutzt, auf denen das Gesicht Popowas fixiert und vergrößert worden war. Diese allgemeine Überwachung sei aber von der Verfassung nicht gedeckt, sagt Popowa.

Der Kreml hingegen hat keine Bedenken bezüglich der Gesichtserkennung. Das Gericht müsse über die Klage entscheiden – das System sei aber wichtig beim Kampf gegen Terrorismus und Kriminalität, betont Putins Sprecher Dmitri Peskow.

Auch Minin selbst hebt die gestiegene Sicherheit dank der neuen Technologie hervor:„Unser System ändert die Sicherheitslage prinzipiell. Die Kriminalität kann damit innerhalb weniger Monate um 30 bis 40 Prozent gesenkt werden. Denn das System ermöglicht es, praktisch in Echtzeit jede Sicherheitsaufgabe zu lösen“, so der Ntechlab-CEO. Er verweist dabei auf einen erfolgreichen Piloteinsatz bei der Fußball-WM in Russland und hofft zugleich auf ein Nachfolgeprojekt in Katar.

Weltweit erfolgreich

Schon jetzt macht das Unternehmen 80 Prozent seines Umsatzes im Ausland. In Lateinamerika, im Nahen Osten, in Südostasien und China ist die Firma erfolgreich. Nun richtet sich der Blick auf Europa. Minin meint, wegen des Flüchtlingsstroms und steigender Sicherheitsprobleme eine veränderte Wahrnehmung beim Datenschutz auszumachen.

Moralische Bedenken lässt Minin nicht gelten: Die Kameras gebe es ohnehin: „Der Algorithmus automatisiert nur den Erkennungsprozess.“ Für Ntechlab ist die Gesichtserkennung erst der Anfang neuer Sicherheitstechnologien, die zugleich den Menschen gläsern machen. Das Unternehmen will heuer noch ein System zur Erkennung von Silhouetten auf den Markt bringen. Genau wie Gesichter sind auch die Umrisse des Menschen einzigartig – und damit identifizierbar.

Selbst Früherkennung von Verbrechen will Ntechlab gemeistert haben. Kameras sollen auf Anhieb aggressive Handlungen, Waffen oder auch das Rauchen an der Tankstelle als gefährlich erkennen und an die Polizei weitermelden, die eingreifen kann, noch bevor das Verbrechen geschieht. Das Szenario erinnert schon fast an den Science-Fiction-Film Minority Report. Für Minin ist der Algorithmus lediglich ein Instrument. Ein mächtiges Instrument für denjenigen, der es in den Händen hält. (André Ballin, 23.11.2019)