Eine kleine Gruppe von Demonstranten blockiert die Ringstraße am Sonntagabend.

Foto: Flora Mory

In den frühen Morgenstunden stehen den Demonstranten unzählige Amal- und Hisbollah-Anhänger gegenüber. Nur die Armee trennt die Menschenmengen.

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Ein Graffiti der Oktoberrevolution in der nördlichen Küstenstadt Tripoli.

Foto: Flora Mory

Das provisorische DJ-Pult auf einer Gebäuderuine in Tripoli auf dem Sahet-al-Nour (Platz des Lichts).

Foto: Flora Mory

In Zelten neben dem Hauptplatz werden unter anderem die Korruption und die Wirtschaftskrise diskutiert.

Foto: Flora Mory

Auch die Rolle der Frau in der Gesellschaft und der Oktoberrevolution ist Thema in den Zelten.

Foto: Flora Mory

Die Euphorie auf dem Märtyrerplatz ist groß am Nationalfeiertag.

Manu Ferneini

Frauen spielen in der Oktoberrevolution eine wichtige Rolle – viele von ihnen demonstrieren zum ersten Mal in ihrem Leben.

Manu Ferneini

Diese 13-Jährige kämpft auch um ihre Zukunft. Wenn sich das System nicht verändert, schaut es für sie düster aus, sagt sie.

Manu Ferneini

Eine neue Faust wird von den Demonstranten aufgestellt.

Foto: APA/AFP/PATRICK BAZ

"Version 2.0" – auch nach Rückschlägen wollen die Demonstranten weitermachen.

Manu Ferneini

Mülltonnen und kleine Betonsteine – mehr braucht man nicht, um den "Ring" zu blockieren. Das ist jene Straße, die Ost- und Westbeirut verbindet. Wie schon oft in den vergangenen 39 Tagen der sogenannten Oktoberrevolution hat sich dort am Sonntagabend eine kleine Menschenmenge mit libanesischen Flaggen zusammengefunden, um die Protestaktion durchzuführen.

Plötzlich heulen gleichzeitig mehrere Motoren auf. Ein Gruppe von 15 jungen Männern auf Motorrädern nähert sich den Demonstranten. Die Bereitschaftspolizei, die davor nur gelangweilt neben den Protestierenden stand, rennt schlagartig los und stellt sich zwischen die beiden Menschengruppen. Die eine grölt "Shia, Shia, Shia" (Schiiten), die andere "Thawra, Thawra, Thawra" (Revolution).

Auf der linken Seite hält die Armee Amal- und Hisbollah-Unterstützer zurück. Auf der rechten Seite stehen die Demonstranten der Oktoberrevolution.
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Binnen zwanzig Minuten vervielfachen sich die Unterstützer der schiitischen Amal-Partei und von Hisbollah. Sie sind jetzt deutlich in der Überzahl und werfen Betonstücke auf die Demonstranten. Dabei werden einige verletzt. Die Armee muss einschreiten – und einen Korridor zwischen den beiden Gruppen einrichten. Angst, aber auch der Wille, den Männern mit den gelben und grünen Hisbollah- und Amal-Flaggen standzuhalten, liegen in der Luft. Nach vier angespannten Stunden löst die Armee die Menschenmengen mit Tränengas auf.

Flucht per Motorrad

Es ist nicht das erste Mal, dass Gegner der Proteste ihren Unmut kundtun. Auf dem Märtyrerplatz im Zentrum von Beirut, einem der wichtigsten Schauplätze der Proteste, stand am Freitagmorgen eine Säule in Flammen. Ein Mann hatte das dort angebrachte Transparent in den Morgenstunden angezündet – eine riesige Faust mit dem Schriftzug "Thawra" – und dann per Motorrad die Flucht ergriffen.

Das Video der brennenden Faust verbreitet sich via Whatsapp, einen der wichtigsten Kanäle der Demonstranten. Es landet auch bei Nour Hifaoui. Sie hatte anlässlich des Nationalfeiertags den Morgen damit verbracht, einen Hut aus einer libanesischen Flagge zu basteln. Sie hat von Anfang an alles stehen und liegen gelassen, um zu demonstrieren, und schwankt – wie viele Libanesen – zwischen Aufbruchsstimmung und Hoffnungslosigkeit. Ob ein Systemwechsel überhaupt möglich ist, fragt sich die junge Grafikerin, während sie in ihren Bastelutensilien stöbert. "Sollte ich mich lieber wieder auf mein eigenes Leben konzentrieren? Aber was dann?"

Auslöser Whatsapp-Steuer

Nach Jahren der Rezession ist die Arbeitslosenquote hoch und das Leben zu teuer. Auch der Staat braucht dringend Geld. Die Regierung wollte es sich von den Bürgern holen. Mit einem Reformpaket, mit dem sie auch Whatsapp-Telefonate besteuern wollte, löste sie aber eine nie da gewesene Protestbewegung aus. Die Steuer wurde zurückgezogen, doch die Menschen aus allen politischen Lagern blieben auf den Straßen. Der gemeinsame Vorwurf an die nach Konfessionen aufgeteilte Staatsspitze: "Haramyye!" (Ihr Diebe!). Das Triumvirat aus dem christlichen Präsidenten (der Maronit Michel Aoun), dem zurückgetretenen Premier (der Sunnit Saad Hariri) und dem Parlamentspräsidenten (der Schiit Nabih Berri) habe die Staatsverschuldung vorangetrieben und sei öffentliche Leistungen schuldig geblieben. Das Stromnetz funktioniert nur einige Stunden pro Tag. Bildungs- und Gesundheitswesen sind so teuer, dass sie nur den wenigsten zugänglich sind.

Viele Familien sind von Gefälligkeiten der Parteien abhängig: ein paar Stunden mehr Gratisstrom pro Tag, ein OP-Termin im Krankenhaus, ein Job für den Sohn. Deshalb unterstützen nicht alle die Proteste. "Im Südlibanon sind viele Menschen auf die Amal-Partei oder die Hisbollah angewiesen, sodass sie sich nicht mehr auf die Straßen trauen oder es gar nicht wollen", sagt der Arzt Ali Kowayes aus Tyre. Er protestiere weiter, obwohl man auch ihm und seiner Familie gedroht habe, nachdem er bei einer Kundgebung das Wort ergriffen hatte.

Musik der Oktoberrevolution

Anders ist die Lage in der nördlichen Küstenstadt Tripoli, der ärmsten Stadt an der Mittelmeerküste. Dort lebt laut Weltbank knapp die Hälfte der Haushalte unter der Armutsgrenze, das heißt, von zwei Dollar pro Tag. Jeden Tag finden sich zahlreiche Bewohner im Zentrum um ein provisorisches DJ-Pult ein, um bei lauter Musik Parolen gegen die Regierung zu skandieren. Daneben wird in Zelten über Zukunft und Vergangenheit diskutiert.

Der Sahet-al-Nour (Platz des Lichts) ist der wichtigste Schauplatz der Proteste in Tripoli. Jeden Abend ist hier etwas los.
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"Schlimmeres steht uns auf jeden Fall bevor", sagt Diana Kallas vom Recherchezentrum Kulluna Irada. Denn es gebe Anzeichen dafür, dass auch die Banken und die Zentralbank knapp bei Kasse seien. Die libanesische Lira ist mit einem fixen Wechselkurs an den US-Dollar gekoppelt. Weil im Libanon wenig produziert wird, müssen die meisten Güter importiert werden. Dafür gebe es nicht mehr genug Dollar im Land, so Kallas. Deshalb wurden die Getreidereserven bereits gefährlich knapp, die Preise der Grundgüter steigen. Kallas befürchtet, dass Reiche ihr Geld ins Ausland schaffen und die Ärmsten leer ausgehen.

Leerstehende Neubauten

Auch der Enthüllungsjournalist Habib Battah kritisiert den Unwillen der Regierung, die Banken zu regulieren. "Man darf mit dem Finger aber nicht nur auf die politische Elite im Land zeigen", so Battah. Dieses System hätten auch ausländische Regierungen mit Zahlungen und Krediten bedient; und von der Misswirtschaft auch viele internationale Firmen profitiert. Battah zeigt auf die leerstehenden Neubauten, die den Märtyrerplatz in Beirut säumen – die Aufträge dafür bekamen hauptsächlich ausländische Stararchitekten und Bauträger.

Jenen, die wegen Alter und Krankheit nicht an der Oktoberrevolution teilnehmen konnten, wurde vorgeschlagen, täglich um Punkt 20 Uhr in ihren Wohnungen mit Pfannen und Töpfen Lärm zu machen – am Nationalfeiertag wurde die Geste auf dem Märtyrerplatz aufgegriffen.
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Die Proteste haben die leeren Straßen im unbewohnten Downtown Beirut wieder belebt. Auch am Nationalfeiertag tummeln sich Tausende zwischen den Glasfassaden. Die Regierung hat die übliche Militärparade anlässlich der Proteste in ein abgeriegeltes Areal verlegt. Stattdessen marschieren Menschen auf und ab. Im Zeichen des gewaltfreien Ungehorsams schlagen sie Pfannen und Töpfe aneinander. Auch Nour Hifaoui ist dabei – wegen ihres Huts ist sie von weitem erkennbar. Sie will weiterhin für ihre Zukunft kämpfen.

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Die Entschlossenheit und die Euphorie stehen allen ins Gesicht geschrieben – vor allem als sich ein großer Lkw durch die Menschenmenge quetscht. Auf seiner Ladefläche liegt eine neue Faust. Darauf steht: "Thawra Version 2.0". (Flora Mory aus Beirut, 25.11.2019)