"Mada"-Redakteur Shady Zalat wurde verhaftet.

Foto: Mada Masr via AP

Ägyptens Militärregime setzte seine Repressalien gegen die freie Presse im Land – oder gegen das, was davon noch übrig ist – am Wochenende mit einer beispiellosen Attacke gegen die Nachrichtenplattform "Mada Masr" fort. Am Sonntag erstürmten Sicherheitskräfte die Büros des bekannten Medienportals in Dokki, einem Bezirk in Gizeh. Handys des anwesenden Personals sowie zahlreicher Journalisten wurden konfisziert, herbeieilenden Anwälten und Vertretern der französischen Botschaft wurde Zutritt zu den Räumlichkeiten verwehrt.

Nach der mehrere Stunden andauernden Durchsuchung von Büros, Mobiltelefonen und Laptops und den „aggressiven“ Befragungen mehrerer Journalisten zogen die Sicherheitskräfte, die sich geweigert hatten, sich auszuweisen, wieder ab. "Madas"-Chefredakteurin Lina Attalah und die Journalisten Mohamed Hamama und Rana Mamdouh wurden verhaftet, aber noch am Sonntagabend wieder entlassen. Ein während der Razzia anwesendes Team des französischen TV-Senders France 24, das ein Interview mit Attalah geplant hatte, wurde ebenfalls befragt und nach Abzug der Polizei dem französischen Botschaftspersonal übergeben.

Erst am Vortag war "Mada"-Redakteur Shady Zalat in seiner Wohnung in Kairo verhaftet worden, bis Sonntag wurde er ohne Zugang zu Anwälten oder seiner Familie an einem unbekannten Ort festgehalten. In zivil gekleidete Beamte hatten Zalat am frühen Morgen mitgenommen, Computer und Mobiltelefone konfisziert und seiner Frau mitgeteilt, er würde auf ein Polizeihauptquartier in Gizeh gebracht werden. Dort jedoch war er zunächst nicht aufzufinden, erklärte "Mada" in einer kurz vor der Razzia veröffentlichten Stellungnahme. Am Sonntagabend wurde er schließlich auf einer Autobahn außerhalb Kairos freigelassen.

Kein Haftbefehl

Nach Angaben des Anwalts Hassan Al-Azhari hätten die Beamten bei Zalats Festnahme weder Ausweise noch einen Haftbefehl vorgelegt, seien aber in Begleitung uniformierter und bewaffneter Sicherheitskräfte gewesen. Nur Stunden vor der Razzia bezeichnete "Mada" die Verhaftung des seit 2014 für das Nachrichtenportal arbeitenden Zalat als „existenzielle Bedrohung“ für das oft durch regierungskritische Investigativrecherchen Schlagzeilen machende Unternehmen, Mitarbeiter und Reporter seien fortan in Gefahr. Zu den Hintergründen dieser beispiellosen Attacke des Regimes auf "Mada" gibt es bisher nur Spekulationen.

Seit Jahren gilt "Mada Masr" als das einzige lokale unabhängige Nachrichtenportal, das trotz der systematischen Repression durch das autoritäre Regime von Präsident Abdelfattah Al-Sisi gegen Opposition, Zivilgesellschaft und freie Presse noch in der Lage und mutig genug war, offen und kritisch über die Entwicklungen im Land zu berichten. Schon seit 2017 ist "Madas" Internetseite in Ägypten blockiert und kann nur mit Hilfstools wie Proxy- oder VPN-Servern im Land aufgerufen werden. Ägyptens Staats- und Privatpresse ist weitgehend gleichgeschaltet. Über ein Netz an Firmenbeteiligungen kontrolliert der Sicherheitsapparat zahlreiche TV-Sender und Zeitungen sogar direkt. Aufgedeckt wurde das von keinem Geringeren als "Mada Masr". (Sofian Philip Naceur, 24.11.2019)