Bei einem Einbruch in das Historische Grüne Gewölbe in Dresden sind drei Juwelengarnituren von besonderem Wert entwendet worden.

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Der Tatort des spektakulären Juwelendiebstahls bleibt weiter abgeriegelt, nicht einmal die Kuratoren der Staatlichen Kunstsammlung Dresden haben Zutritt. Die im sogenannten Grünen Gewölbe in Dresden beheimatete Schatzkammer, die in Hinsicht auf Qualität, Güte und mit 3000 Objekten vor allem den den Umfang betreffend in Europa ihren Vergleich sucht, wurde aufgrund des Einbruchdiebstahls vorerst geschlossen.

Theoretisch könnte man sie über den virtuellen Rundgang besuchen, mit 360 Grad Rundumblick und Zoom-Option etwa auf die einzelnen Vitrinen im Juwelenzimmer, dem Herzstück der Sammlung, in dem Gold, Bergkristall, Diamanten und auch andere Edelsteine um die Wette funkeln und aus dem Objekte gestohlen wurden. Praktisch scheitert man in den Stunden nach dem Diebstahl, da die Website den Zugriffen teils nicht mehr gewachsen war. Sonst gibt der virtuelle Besuch einen guten Überblick – und dies wohl auch für Kriminelle, die ihren späteren Tatort und die Beute in aller Ruhe ausspähen konnten. Ob dies der Fall war, werden die Ermittlungen zeigen.

Die Spurensicherung sucht weiterhin nach Hinweisen.
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Bisher kein Thema für die Versicherung

In der Versicherungsbranche war das bislang noch kein konkretes Thema, bestätigt Nikolaus Barta, spezialisiert auf Kunstversicherungen, auf Anfrage. Tatsächlich könnte man einen künftigen Tatort ja im Zuge eines regulären Museumsbesuches inspizieren, liefe aber Gefahr, über die laufende Videoüberwachung später identifiziert zu werden.

Solche Aufzeichnungen werden in der Regel als Erstes überprüft, auch aktuell. Tatsächlich wurde der Einbruch in den frühen Montagmorgenstunden offenbar so überhaupt erst in der Sicherheitszentrale des Museums bemerkt. Ob andere Elemente der Alarmsicherung manipuliert wurden, wird derzeit ermittelt. Einen konkreten Hinweis gibt es: einen Stromausfall, der durch den Brand eines Schaltkastens in der Nähe des Gebäudes hervorgerufen wurde. Zum Tatzeitpunkt war deshalb auch die Straßenbeleuchtung ausgefallen. Vom Eingang des Notrufs gegen fünf Uhr früh bis zum Eintreffen der Polizei waren keine zehn Minuten vergangen. Die Täter waren zu diesem Zeitpunkt bereits in einem Auto geflüchtet.

Einbruch durchs Fenster

Den Zutritt hatten sie sich über ein Seitenfenster verschafft: Wie sie die gusseisernen Fenstergitter durchtrennten, ist ebenso noch Gegenstand von Ermittlungen wie die Frage, warum das Sicherheitsglas der Fenster so einfach eingeschlagen werden konnte. Den Videoaufzeichnungen zufolge waren die zwei Täter zielgerichtet auf eine Schauvitrine zugegangen, diese wurde eingeschlagen und drei wertvolle Juwelengarnituren aus dem 18. Jahrhundert entwendet: Sie bestanden jeweils aus 20 bis 37 Objekten aus Gold, in denen unzählige Diamanten und Brillanten verarbeitet worden waren. Ihr kunsthistorischer Wert ist wegen des vollständigen Erhalts als historische Ensembles bedeutend höher als ihr materieller, betonte SKD-Direktorin Marion Ackermann.

Das Grüne Gewölbe in Dresden lockt mit seinen Ausstellungsstücken viele Besucherinnen und Besucher an.
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Im Hutschmuck verarbeitet

Der "Grüne Dresden", der mit 41 Karat größte geschliffene und von Natur aus grüne Diamant gehört nicht zu den gestohlenen Objekten. Er wurde als Teil der sächsischen Kronjuwelen in einem Hutschmuck verarbeitet, der derzeit im Metropolitan Museum in New York gastiert. Auf dem freien Markt sind solche gut dokumentierten Juwelen, mit denen sich der prunksüchtige Kurfürst August der Starke zu schmücken beliebte, nicht verkäuflich. Zur Verwertung müssten die Edelsteine ausgebrochen und umgeschliffen und müsste das Edelmetall eingeschmolzen werden. Der reinste Albtraum für die Dresdner Kunsthistoriker und Sammlungsleiter. Ob das die Motivation für die partielle Plünderung war, ist nicht erwiesen. Es könnte sich auch um einen Auftragsdiebstahl oder einen Fall von Artnapping handeln.

Es sei eine geläufige Fehlannahme, dass bekannte Museumswerke nicht in den Markt geschleust werden können, so Barta. "Es gibt Länder, da interessiert das keinen", und solche Objekte sind im internationalen Drogenhandel oder in Mafiakreisen als Zahlungsmittel geläufig. Und Artnapping? "Offiziell gibt es die erpresserische Entführung von Kunstwerken gar nicht, weil ja auch niemand Lösegeld bezahlt oder mit Terroristen verhandelt", kann sich der Versicherungsexperte leisen Spott nicht verkneifen.

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel stattete der Dresdner Institution auch bereits einen Besuch ab.
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Internationale Ermittlungen

Hinweise darauf gibt es keine. Die Ermittlungen laufen auch auf internationaler Ebene auf Hochtouren. Demnächst sollen erste Fahndungsfotos veröffentlicht werden, und man hofft auf Hinweise aus der Bevölkerung.

Versichert waren die Objekte übrigens nicht. Sie gehören dem Freistaat Sachsen, "der versichert sich nicht selbst" meint Ackermann, vielmehr seien sie "Teil der Staatshaftung". Es handelt sich um ein Modell, das auch bei öffentlichen Museen in Österreich üblich ist. (Olga Kronsteiner, 25.11.2019)