Als Auftraggeber der Handschrift kann Johann II. von Pfalz-Simmern (1492-1557) bestimmt werden, der nicht nur dieses Stundenbuch, sondern ein kurz zuvor entstandenes Bußgebetbuch beim selben Künstler in Auftrag gegeben hatte. Mehrfach erscheint der Besteller auch im Bild. Zuerst in einer opulenten Wappenseite auf, dann aber auch mehrfach in persona in den Miniaturen der Handschrift.

Vor allem in den 20er- und 30er-Jahren des 16. Jahrhunderts tritt der Pfalzgraf als Mäzen auf, bis im Jahr 1535 die von ihm geförderte Kunstproduktion plötzlich abbricht – das Wiener Stundenbuch steht somit am Ende dieser fruchtbaren Periode seines Mäzenatentums. Dieser Einbruch fällt wahrscheinlich nicht zufällig zeitlich mit dem Tod der Gemahlin des Pfalzgrafen Beatrix zusammen, die, und das war durchaus eine Ausnahme in diesem Genre, in der Wiener Handschrift noch mehrfach an der Seite ihres Gemahls dargestellt war.

Wappen des Pfalzgrafen Johann II. von Pfalz-Simmern (1492-1557) und seiner Vorfahren.
Foto: Österreichische Nationalbibliothek

Geschichte der Handschrift

Die für den Pfalzgrafen hergestellte, 1535 vollendete Handschrift gelangte vermutlich bald nach dem Tod des Auftraggebers (1557) auf noch unbekannten Wegen in das Damenstift Hall in Tirol, das der spätere Kaiser Ferdinand I. 1567 für seine ledigen Schwestern gegründet hatte. Der flüchtige Namenseintrag Magdalena, der auf einem Vorsatzblatt des Gebetbuches eingetragen wurde, weist darauf hin, dass eine der Gründerinnen dieses Stiftes, die Erzherzogin Magdalena von Österreich (1532–1590), dieses Buch in ihrem Besitz gehabt hat. Nach der Auflösung des Stiftes im Jahre 1783 gelangte der Codex an die Wiener Hofbibliothek. Kurz darauf wurde es im Zuge der Napoleonischen Eroberungen nach Paris entführt, 1815 aber wieder unversehrt an die Hofbibliothek zurückgestellt.

Der Maler – Albrecht Glockendon

Albrecht Glockendon (um 1495-1545) entstammt einer Malerdynastie. Ihr Stammvater, Georg Glockendon der Ältere (gestorben 1514) ließ sich in den frühen 80er-Jahren des 15. Jahrhunderts in Nürnberg nieder, wo er Wappenbriefe und Bücher illuminierte und Einblattholzschnitte druckte und vertrieb, vielleicht auch selbst herstellte; auch in der Kartografie gilt er als Pionier, der von ihm bemalte, um 1492 hergestellte Globus von Martin Behaim war in diesem Metier sein bekanntestes Werk. Seine Söhne Nikolaus (um 1490-1533/34) und Albrecht (um 1495-1545) traten in die Fußstapfen ihres Vaters. Albrecht übernahm wohl in den 30er-Jahren seine Werkstatt; unter seinen zahlreichen Auftraggebern ist der Pfalzgraf von Simmern wohl der Bedeutendste. Auch Albrecht arbeitete als Buchmaler und Verleger.

Seine Werke

Von Albrecht Glockendon sind neben einem 1532/33 zu datierenden Bußgebetbuch für denselben Auftraggeber Johann II. von Pfalz-Zimmern, heute in der Bayerischen Staatsbibliothek in München, als weiteres Werk noch ein 1542-1544 entstandenes Festbrevier in der Nürnberger Stadtbibliothek erhalten. Die außerordentliche Stellung des Wiener Gebetbuches, das als sein Hauptwerk gilt, muss auch dem Künstler bewusst gewesen sein, der hier ausnahmsweise die Arbeit mit einer verhältnismäßig opulenten Inschrift auszeichnet. Seine Autorenschaft belegen weiters die Initialen "AG", die in die Miniatur der Heimsuchung eingetragen wurden.

Herstellungsvermerk von Albrecht Glockendon:
Foto: Österreichische Nationalbibliothek

Die Bilderzyklen

Dem Gebetbuch ist ein illustrierter Kalender vorangestellt. Die Monatsblätter sind dabei immer auf zwei gegenüberliegenden Seiten angeordnet; im unteren Bereich werden jeweils die sogenannten Monatstätigkeiten dargestellt. Die breit angelegten Bilder werden dabei für zeittypische Genrebilder genützt; so wird etwa für den Dezember das Schlachten der Schweine thematisiert. An den seitlichen Rändern des Kalenders sind die jeweiligen Sternzeichen wiedergegeben:

Kalenderbild zum Monat Dezember. Schlachten der Schweine – Sternbild Steinbock.
Foto: Österreichische Nationalbibliothek

Inhaltliche Erweiterungen: Neues Testament – Altes Testament

Bei der Darstellung der Szenen aus der Lebensgeschichte Christi, die mit der Darstellung der Verkündigung an Maria einsetzt, entwickelt der Maler nicht nur seinen detailreichen Erzählstil, sondern erweitert typischerweise den Inhalt der Hauptszenen, indem er an den Blatträndern Bezüge zu alttestamentarischen "Vorbildern" einfügt. So beispielsweise in der im Lukasevangelium erzählten Heimsuchung, die die Begegnung der beiden schwangeren Frauen, Maria und ihrer Kusine Elisabet, zum Inhalt hat. Die Gruppe wird von zwei Frauen begleitet und ist in eine weite Landschaft mit Stadtdarstellungen eingefügt. Die Identifizierung der an den Rändern dargestellten Frauengestalten wird durch die Beifügung der entsprechenden Bibelstellen ermöglicht.

Die inhaltliche Klammer dieser vier Frauengestalten aus dem Alten Testament stellen die Lobpreisungen dar. Demnach ist links die Prophetin Mirjam dargestellt, die Schwester Moses, die nach dem Durchzug durch das Rote Meer den Triumphzug der Frauen Israels anführt und, darauf weisen die Trommeln in ihren Händen hin, dem Herrn ein Lied singt. Darunter erscheint die Prophetin Debora, die nach der Vernichtung der Kanaaniter das Debora-Lied anstimmt. Rechts oben ist Hanna mit ihrem Sohn Samuel, dargestellt; sie trägt ein Danklied vor, das in Zusammenhang mit der Lobpreisung Mariens zu sehen ist. Darunter erkennt man Judith mit dem Haupt des Holofernes; die angegebene Textstelle weist darauf hin, dass auch sie ein Loblied singt.

Heimsuchung – alttestamentarische Szenen.
Foto: Österreichische Nationalbibliothek

Der Darstellung der Heimsuchung folgen ganzseitige Miniaturen mit der Anbetung der Hirten, der Darbringung im Tempel, der Anbetung der Könige, dem Bethlehemitischen Kindermord und der Flucht nach Ägypten, mit der der Zyklus der Kindheitsgeschichte Christi abgeschlossen wird.

Im Fokus – die Geschichte des Königs David

Eine Besonderheit innerhalb der Bilderreihen des Gebetbuches stellt der reich illustrierte David-Bathseba-Zyklus dar. Am Beginn wurden zwei Miniaturen ausgeschnitten, doch lässt sich die Bildfolge aufgrund seiner Nähe zur Münchner Handschrift rekonstruieren. Die erhaltenen fünf Miniaturen zeigen David und Uria, die Ermahnung zur Buße durch den Propheten Nathan sowie Davids Buße und seinen Tod. 

Davids Tod – Papst krönt einen König.
Foto: Österreichische Nationalbibliothek

Da auch in der für denselben Auftraggeber hergestellten Münchner Handschrift ein ungewöhnlich reicher David-Zyklus dargestellt wird, ist anzunehmen, dass der Pfalzgrafen selbst Einfluss auf die Bildauswahl genommen hat.

Passion und Heiligenverehrung

Weitere umfangreiche Bildzyklen sind der Passionsgeschichte entnommen. Ihr gehören etwa die Darstellung von Christus am Ölberg und die Beweinung und Grablegung Christi an. Wie bei den Miniaturen aus der Kindheitsgeschichte Christi werden die Darstellungen um typologische Bezüge aus dem Alten Testament ergänzt.

Opulent ist auch die Reihe der Heiligenbilder ausgeführt, die durchwegs ganzseitige, szenisch erweiterte Miniaturen aufweisen. Auch hier ist der Einfluss des Auftraggebers bemerkbar, da nur seinem Namenspatron Johannes (des Evangelisten) zwei Bildseiten zugestanden werden.

Gebetbuch zwischen den Konfessionen

Bei den Bildinhalten ist bemerkenswert, dass mehrfach Darstellungen aufgenommen wurden, die als antikatholisch beziehungsweise proreformatorisch einzustufen sind. Hervorzuheben ist eine Papst- und Klerikersatire, die am unteren Rand der Anbetung der Könige eingefügt wurde und dem Evangelium des Johannes folgend das Gleichnis vom Schafstall Christi illustriert: demnach werden diejenigen, die den Schafstall nicht durch die Tür betreten, als Diebe und Räuber diffamiert. Der Papst und die Kleriker versuchen aber durch das Dach oder durch einen Mauerdurchbruch einzusteigen. Dem weniger reformgeneigten Leser war diese Auslegung aber zu drastisch und er hat die Figuren getilgt.

Anbetung der Könige – alttestamentarische Szenen.
Foto: Österreichische Nationalbibliothek

Desgleichen wird auch der Ablasshandel in den Miniaturen kritisiert: gleich zwei Miniaturen bringen diese bei den Reformatoren verpönte Praxis ins Bild – im zweiten Fall hat der gegenreformatorisch gesinnte Leser wieder versucht die Szenen unkenntlich zu machen.

Dem reformatorischen Gedankengut entspricht schließlich auch die Darstellung der Kommunion in beiderlei Gestalt. Merkl hat darauf hingewiesen, dass diese Auslegung wohl der religiösen Ausrichtung des Auftraggebers geschuldet ist, der mit den Lutheranern sympathisierte und nur oberflächlich und aus vermeintlich politischen Gründen dem Katholizismus anhing. In einem inoffiziellen, privaten Gebetbuch konnte er wohl relativ gefahrlos seine eigentliche religiöse Anschauung zum Ausdruck bringen.

Randerscheinungen

Die Bordüren und Initialen werden gelegentlich von Tieren, Menschen und "Wesen" (zum Beispiel Wildleuten) bevölkert, die offensichtlich keinen unmittelbaren Textzusammenhang aufweisen. Ein zentrales Thema dieser als Drolerien bezeichneten Darstellungen ist die "verkehrte Welt" in der etwa die Hasen den Jäger erlegen und grillen:

Bordüre: Hasen "erlegen" einen Jäger und braten ihn am Spieß.
Foto: Österreichische Nationalbibliothek

Bedeutung

Das Wiener Gebetbuch gilt nicht nur als das Hauptwerk von Albrecht Glockendon, sondern als eine der reichsten und schönsten Miniaturenhandschriften, die wir überhaupt kennen. Seine Schönheit und sein Reichtum offenbaren sich nur den wenigen Privilegierten, denen man in Wien den Zugang zum Original gewährt. (Andreas Fingernagel, 13. Dezember 2019)

Andreas Fingernagel ist Direktor der Sammlung von Handschriften und alten Drucken der Österreichischen Nationalbibliothek.

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Das besondere Objekt" kann Glockendons Wiener Gebetbuch noch bis 6. Jänner im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek besichtigt werden. 

Literaturhinweise

Ulrich Merkl: Buchmalerei in Bayern in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Regensburg 1999.

Sinaida Schuller: Das Gebetbuch Johanns II. von Pfalz-Simmern: Miniaturen zwischen den Konfessionen. Diplomarbeit an der Universität Wien. Wien 2008.

Ulrich Merkl (Kommentar): Bußgebetbuch von Albrecht Glockendon. Nürnberg 1532/33 im Auftrag von Johann II. von Pfalz-Simmern. Handschrift Clm 10013 der Bayerischen Staatsbibliothek, München. Gütersloh/München 2010.

Weitere Beiträge im Blog