Das Referendum über die mögliche Unabhängigkeit Bougainvilles ist noch im Gange, doch die kleine Insel im Südpazifik strebt bereits jetzt nach mehr als bloß nach politischer Souveränität. Die Unabhängigkeit von Papua-Neuguinea soll mithilfe der reichen Rohstoffvorkommen auf eine solide wirtschaftliche Grundlage gestellt werden.

Tatsächlich ist Bougainville eine Schatzinsel, und dieser Schatz soll gehoben werden, wenn es nach Raymond Masono geht. Masono ist Vizepräsident und Bergbauminister der autonomen Regierung der Provinz Papua-Neuguineas. Gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters erklärte er nun, nach dem Referendum werde die Regierung Pläne wiederbeleben, mit denen die Regulierung des Bergbaus auf der Insel überarbeitet werden soll. "Panguna ist das Projekt, das am ehesten Bougainvilles Unabhängigkeit von Papua-Neuguinea finanzieren kann", erklärte Masono.

Die Panguna-Mine steht im Zentrum des Bougainville-Konflikts.
Foto: Reuters

Konflikt um Bodenschätze

Das Unabhängigkeitsreferendum ist ein Zwischenschritt im Friedensplan für Bougainville nach einem Bürgerkrieg mit tausenden Toten.

Einer der wesentlichsten Hintergründe für den Ausbruch des gewaltsamen Konflikts Ende der Achtzigerjahre war die Kupfermine in Panguna. Deren reichliche Gewinne kamen nur zu einem geringen Teil der Bevölkerung Bougainvilles zugute.

Seit 1989 steht Panguna still – eines der reichsten Kupfer- und Goldvorkommen der Welt lagert hier. Mit einer Neuregelung soll nun sichergestellt werden, dass Bougainville von den Bodenschätzen profitiert. Vor dem Konflikt sorgte Panguna für 45 Prozent der Exporte Papua-Neuguineas. 17 Prozent der Steuereinnahmen und zwölf Prozent des Bruttoinlandsprodukts wurden durch die Mine gesichert. Der junge Staat sicherte damals mit Panguna seine Grundlage für die Unabhängigkeit von der Kolonialmacht Australien.

Ein Abstimmungslokal in Arawa auf Bougainville.
Foto: Reuters/Levongo

Bougainville will sechzig Prozent

Dies dient Bougainville, das finanziell praktisch völlig von Papua-Neuguinea und internationalen Geldgebern abhängig ist, nun zum Vorbild. Den Plänen der Autonomieregierung zufolge solle Bougainville sechzig Prozent der Anteile erhalten und allein über die Bergbaulizenzen verfügen. Um die verbleibenden vierzig Prozent könnten sich nun Investoren bemühen. Die Pläne stehen damit einerseits im Widerspruch zu den Interessen der Grundbesitzer in Panguna, deren Unzufriedenheit im Jahr 1988 schon den bewaffneten Aufstand ausgelöst hat. Und andererseits wären auch Papua-Neuguineas Ansprüche mit der Neuregelung ausgeschlossen. Dies könnte die auf das Referendum folgenden Verhandlungen zwischen der papuanischen Regierung in Port Moresby und der Autonomieregierung Bougainvilles zusätzlich verkomplizieren.

"Wir bestimmen die Bedingungen"

Papua-Neuguinea hält große Anteile des früheren Betreibers der Panguna-Mine, der zum Rio-Tinto-Konzern gehörenden Bougainville Copper Limited. Das interessiert die Regierung Bougainvilles allerdings kaum: "Sie besitzen die Lizenzen und die Mine nicht, sie gehören uns, und wir bestimmen die Bedingungen. Die Revolution geht weiter", sagte Masono. Für die Bougainville Copper Limited, die noch immer Anspruch auf Panguna erhebt, schloss Masono Sonderkonditionen aus. Noch im Dezember solle sich Bougainvilles Parlament mit den Bergbauplänen befassen, kündigte der Minister an. Wegen des Referendums und des Widerstandes der Landbesitzer waren diese zuletzt zurückgestellt worden.

Das Friedensabkommen von 1998 regelt zwar detailliert den Friedensprozess. Wahlen in der Region, Autonomierechte und schließlich das Referendum sind darin festgeschrieben. Doch über die Zukunft der Panguna-Mine sagt das Abkommen nichts. Rio Tinto hatte jedenfalls den Regierungen Papua-Neuguineas und Bougainvilles die Eigentümerrechte an Panguna überschrieben, beide halten jeweils 36,4 Prozent der Anteile.

Für die schweren Umweltschäden durch die Mine, die ein Mitauslöser des gewaltsamen Konflikts waren, erklärte sich Rio Tinto jedoch als unzuständig. Durch den Abbau in Panguna wurden in den Siebziger- und Achtzigerjahren Böden und Gewässer vergiftet, eine Sanierung würde Milliarden kosten. Für eine Neueröffnung der Mine wären strenge Umweltauflagen vonnöten.

Abstimmungslokale geschlossen

Das Referendum geht unterdessen seinem Abschluss entgegen. Am Dienstagmorgen (MEZ, 18 Uhr Ortszeit) wurden die letzten der 829 Abstimmungslokale geschlossen.

"An alle eingetragenen Wähler, die ihre Stimme noch nicht abgegeben haben: Jetzt ist Ihre letzte Chance", erklärte die Kommission des Bougainville-Referendums (BRC) am Montag. Die drei Regionalzentren Buka, Arawa und Buin waren am Dienstag noch bis 18 Uhr geöffnet.

Präsident John Momis gab seine Stimme schon am ersten Tag des Referendums ab.
Foto: APA/AFP/Kerton

Warten auf die Briefwahlstimmen

Schon am Freitag hatte BRC bekanntgegeben, dass bereits 99 Prozent der Sprengel abgeschlossen seien. Bis 7. Dezember können noch Briefwahlstimmen eintreffen, dann erst werden die Wahlurnen geöffnet und die Stimmen ausgezählt.

Die Briefwahl ist ein Novum für Papua-Neuguinea, 316 Personen beantragten diese Abstimmungsmöglichkeit. Ein Ergebnis soll um den 20. Dezember feststehen – dieses ist jedoch nicht bindend. Allgemein wird eine hohe Zustimmung zur Unabhängigkeit erwartet. Dann muss das Parlament Papua-Neuguineas sich mit dem Resultat befassen.

In Buka wurde anlässlich des Referendums mit Bambusrohren musiziert. Geschlagen werden die Instrumente mit Schuhsohlen.
Foto: APA/AFP/Kerton

Eine Herausforderung für die BRC war die Organisation der Abstimmung in abgelegenen Landesteilen. Doch die Kommission streicht das besondere Anliegen heraus, allen Wählern die Abstimmung zu ermöglichen, etwa Krankenhauspatienten und auch Häftlingen. Auch für 15 sogenannte Upes wurden daher besondere Vorkehrungen getroffen. Upes werden junge Männer genannt, die im Zuge ihres Initiationsritus für längere Zeit fern ihrer Dorfgemeinschaften im Busch leben. Dabei tragen sie einen ballonartigen Kopfschmuck, den Upe. Erst wenn der Upe mit ihren Haaren gefüllt ist, kehren sie zurück. In dieser Zeit dürfen sie nicht von Frauen gesehen werden. Die Kommission setzte daher ein eigenes aus Männern bestehendes Team für den Abstimmungstermin bei den Upes ein.

Upes leben für längere Zeit abgeschieden. Die Abstimmung beim Referendum wurde ihnen dennoch ermöglicht.
Foto: AP/Jeremy Miller/Bougainville Referendum Commission

Die Tradition wird nur noch von wenigen Gemeinschaften gelebt, dennoch ziert ein Upe sowohl die Flagge als auch das Emblem Bougainvilles. Letzteres wird durch eine Garamut genannte Schlitztrommel ergänzt. Die autonome Regierung misst diesen Traditionen eine hohe Relevanz bei, und so konnten Upes erstmals in der Geschichte Papua-Neuguineas an einer Wahl teilnehmen.

(Michael Vosatka, 3.12.2019)