Die Bambuszahnbürsten stammen aus der "allerersten Produktionsreihe", die Verpackung sei "etwas eingedellt".

Foto: Getty Images / Gelia

"Das muss natürlich alles noch abgemacht werden", sagt Jessica Könnecke und reißt beherzt die Papierbanderole von einem Duschgel. Osterhasen sind auf der Lasche zu sehen, was eher weniger zur Vorweihnachtszeit passt. "Aber das Pflegeprodukt können wir noch sehr gut verkaufen", meint die 27-Jährige und stellt den Karton ins Regal.

Dort befinden sich noch andere Produkte, die in den Augen ihrer Hersteller nicht gut genug für den klassischen Verkauf sind: Brotdosen in zerrissenen Verpackungen und To-go-Kaffeebecher mit schlammfarbenen Deckeln. Deren Farbton hätte eigentlich mehr ins Goldene gehen sollen, doch es hat nicht geklappt.

Die Ware selbst ist tadellos zu gebrauchen. Eigentlich. Aber sie hat eben kleine Mängel. Macken, wie die Deutschen sagen. Die fair gehandelte Schokolade aus Afrika beispielsweise mit ihrem 80-prozentigen Kakaoanteil wiegt 90 Gramm. Auf der Verpackung aber stehen 100 Gramm. Ein Missgeschick, das bei der der Produktion passiert ist. "Das macht die Schokolade aber nicht schlechter", sagt Könnecke.

"Unperfekte Ware"

Sie hat sich auf fehlerhafte Gegenstände spezialisiert, die sie aber nicht so nennt. "Unperfekte Ware" gefällt ihr besser. "Why so perfect, honey?", heißt das Motto, es steht auch auf Einkaufsbeuteln, die es im Laden in der Nürnberger Südstadt gibt.

Die Idee kam Könnecke vor zwei Jahren auf einem Berliner Markt. Sie hatte in Schweden ihren Master für internationales Marketing gemacht und wusste: Für einen großen Mainstreamkonzern möchte sie lieber nicht arbeiten.

Da sah sie auf dem Markt in einer Kiste, versteckt unter einem Tisch, Keramik mit winzigen Fehlern. Verkauft wurden die Teller und Tassen ebenso wenig wie jene Musterteile einer Designerin, die Könnecke in Berlin kennenlernte.

Sie begann nachzuforschen und kam mit immer mehr Firmen in Kontakt, die auf Produkten mit kleinen Fehlern saßen und diese eigentlich nur noch wegwerfen konnten. Könnecke hingegen wollte diese Dinge retten und gründete einen speziellen Versandhandel für Ausschussware. Er hat den selbsterklärenden Namen "Mit Ecken und Kanten".

Gründerin im Keller

Als Gründerin startete Könnecke buchstäblich ganz unten: "Im ersten Jahr bin ich täglich im Keller meiner Mutter gestanden und habe Päckchen gemacht." Zunächst bekam sie die Ware von den Unternehmen auf Kommission, mittlerweile bezahlt sie im Voraus dafür.

Nach einem Jahr lief das Geschäft so gut, dass Könnecke eigene Räume anmieten und ihren kleinen Laden eröffnen konnte. Gleich daneben befindet sich das Lager, wo sich die Kisten bis an die Decke stapeln. Es gibt gerade jede Menge Bambuszahnbürsten, warum diese im Angebot sind, wird auf der Website erklärt: Sie stammen aus der "allerersten Produktionsreihe", die Verpackung sei "etwas eingedellt".

Informationen, warum die "unperfekte Ware" bei ihr zu finden ist, bietet Könnecke auf der Website zu jedem Produkt. Alles verkauft sie aber nicht weiter, in ihren Versand beziehungsweise Laden kommen nur Produkte, die fair und nachhaltig hergestellt wurden.

Beitrag zur Ressourcenschonung

Ihre Geschäftsidee sieht sie als Beitrag zur Ressourcenschonung: "Es wird so viel produziert und gleich wieder weggeworfen. Wir arbeiten gegen die Verschwendung." Die Unternehmerin will aber noch ein anderes Statement setzen: "Nicht alle Produkte müssen perfekt sein. Der Mensch ist es ja auch nicht – selbst wenn viele das auf Instagram so darstellen wollen."

Und natürlich darf der finanzielle Aspekt nicht fehlen: "Der eine Teil unserer Kunden freut sich über Nachhaltigkeit, der andere aber ganz klar, dass man sparen kann." Denn die B-Ware ist selbstverständlich günstiger.

"Viele Leute glauben ja, wir bekommen die fehlerhafte Ware geschenkt", sagt Könnecke. Aber das sei nicht der Fall. Bei jedem einzelnen Stück wird so lange gerechnet, bis beide Seiten zufrieden sind: die Hersteller, weil sie ja Know-how und Produktion zu verantworten haben. Ebenso Könnecke und ihr Team, weil sie mit den reduzierten Produkten verdienen – mittlerweile so gut, dass sechs Leute beschäftigt sind.

Bald zieht Mit Ecken und Kanten in Nürnberg in größere Räume. Doch das soll nur die nächste Etappe sein. Langfristig hat Könnecke noch größere Ziele: "Ich möchte gerne in mehreren Städten Läden eröffnen." (Birgit Baumann, Portfolio, 2019)