"Schuldig" heißt das neue Buch von Thomas Middelhoff (Adeo-Verlag). Darin beschreibt er sein Scheitern und Wiederauferstehen.

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Thomas Middelhoff war einer der bekanntesten Manager in Deutschland, erst bei Bertelsmann, dann bei Arcandor. Kurz nach seinem Abgang im Jahr 2009 war der Konzern (Karstadt, Quelle, Thomas Cook) pleite. Im Zuge des Insolvenzverfahrens wurden auch Middelhoffs finanzielle Zuwendungen (Boni, Flüge, Sponsoring) unter die Lupe genommen, im November 2014 wurde "Big T." wegen Untreue und Steuerhinterziehung zu drei Jahren Haft verurteilt.

STANDARD: Wenn Sie heute auf den Thomas Middelhoff in seinen Spitzenpositionen zurückblicken, erkennen Sie sich noch?

Thomas Middelhoff: Ja, die guten, aber auch die schlechten Seiten. Positiv war, dass ich mich immer bedingungslos eingesetzt habe für die Unternehmen, für die ich verantwortlich war. Die schlechte Erinnerung ist hingegen, dass ich mit der Zeit die Erdung verloren habe, nicht mehr authentisch war und nur noch die Rolle des Spitzenmanagers gespielt habe. Aber heute kann ich mit Abstand und auch einem Stück Sarkasmus auf mein früheres Leben schauen.

STANDARD: Was lief schief?

Middelhoff: Wenn Sie Karriere machen – und das wollte ich unbedingt, weil ich unternehmerisch gestalten wollte –, dann beanspruchen Sie immer mehr Handlungsspielraum. Wenn jemand über lange Jahre erfolgreich managt, dann kommt auch immer mehr die Ansicht: Ich brauche keine Gremien, weil ich alles selbst am besten weiß. Natürlich gibt es bei Aktiengesellschaften Regelungen, aber die kann man immer noch ein Stück weiter ausdehnen. Das habe ich gemacht und wurde dabei völlig maßlos. Alle Ansprüche mussten sofort erfüllt werden: das Essen sofort auf dem Tisch, als Erster ins Flugzeug,

STANDARD: Gab es kein Korrektiv?

Middelhoff: Nein, ich habe alle anderen zurückgelassen, verlangte auch von der Familie absolute Flexibilität ab. Bei der Geburt meines vierten Kindes war ich im Kreißsaal dabei, da rief meine Sekretärin an, wie lange es noch dauere – schließlich müsse ich den Flieger nach Barcelona erreichen. Das ist irre in der Rückschau. Ich habe fünf Kinder, alle sind gesund, aber ich Idiot konnte dieses Glück nicht sehen.

STANDARD: Wie war Ihr Verhältnis zu Geld?

Middelhoff: Stark geprägt hat mich die Geschäftstätigkeit meines Vaters. Seine Familie kommt aus dem Textilbereich, ich habe daheim immer gehört, dass die Firma vorgeht. Auch die hochbegabte Mutter erwartete Leistung von ihren Kindern. Aber zu Geld hatte ich später ein abstraktes Verhältnis. Es war nicht wichtig, es zu sehen oder zu fühlen. Als die Boni kamen, hab ich das nur als Eingang auf dem Konto registriert. Als Spitzenmanager braucht man auch kein Bargeld, es gibt ja einen Apparat, der alles bezahlt. Einmal gab es in der Reiseplanung eine Panne, ich hätte Kosten zunächst selbst übernehmen sollen. Ich war völlig hilflos.

STANDARD: Aber Sie häuften materielle Dinge an. Machte das irgendwie Spaß?

Middelhoff: Nein, es war völlig freudlos. Mehr Geld brachte nicht mehr Glück, das weiß man ja auch aus der Forschung, dass die Kurve irgendwann nicht mehr ansteigt. Es ging nur noch darum, welchen Wohlstand dokumentierst du nach außen. Also musste es nicht irgendein Haus an der Côte d’Azur sein, sondern das größte. Auch ein Boot musste her – nicht, um mit den Kindern Spaß zu haben, sondern gleich eine Yacht. Ich bin völlig aus der Kurve gelaufen.

STANDARD: Sie haben doch Unmengen verdient. Warum haben Sie sich die Flüge mit dem Hubschrauber von Ihrem Wohnort Bielefeld nach Essen, zur Konzernzentrale von Arcandor, zahlen lassen? Dafür sind Sie später ja verurteilt worden.

Middelhoff: Vorher, bei Bertelsmann, flogen wir oft mit dem Hubschrauber. Es sparte Zeit, man konnte mit mehr Mitarbeitern reden. Bei Arcandor war das mit den Hubschrauberflügen nicht mal meine Idee. Aber das ist heute egal, ich musste es verantworten. Meine Gedanken damals waren: "Ich opfere mich hier für den Konzern auf, –wenn ich so hart arbeite, dann habe ich auch einen besonderen Anspruch." Ich war ein unleidlicher und aufgeblasener Kerl.

STANDARD: Wann kam die Einsicht?

Middelhoff: Natürlich war ich geschockt, als der Richter sein Urteil sprach und mich zu drei Jahren verurteilte, ich war im schlimmsten Fall von Bewährung ausgegangen. Ich wurde auch sofort im Gerichtssaal verhaftet und konnte mich nicht mehr von meiner Familie, die bedingungslos zu mir gehalten hat, verabschieden.

STANDARD: Da wurde Ihnen klar, dass es aus ist?

Middelhoff: Noch immer nicht. Ich hatte noch den Impetus: "Du bist Manager, das kannst du korrigieren." Es war auch sehr hart, sich dann nackt in der Umkleidekammer des Gefängnisses wiederzufinden. Aber selbst in der Zelle glaubte ich noch, dass das alles ein Irrtum sei, nach dem Motto: "Ich lege Beschwerde ein, meine Anwälte regeln alles." Aber dann kam der Moment, in dem mir klar wurde: Du bist jetzt hier allein und kommst nicht raus. Dein altes Leben ist vorbei.

STANDARD: Wie erlebten Sie die erste Zeit in Haft?

Middelhoff: Ich habe mich wahnsinnig geschämt vor den Kindern und Freunden – dafür, dass ich es hingekriegt habe, dass der deutsche Staat mich ins Gefängnis schickt. Beim ersten Hofgang zog ich mir im nieseligen Novemberwetter die Kapuze des dünnen Mantels ganz tief ins Gesicht und hoffte, nicht erkannt zu werden. Das hat natürlich nicht geklappt. Aber ich habe mich nie bei Gott beschwert. Man hat mich nicht brechen können, ich bin stärker aus dem Gefängnis gekommen.

STANDARD: Kam der Glaube im Gefängnis?

Middelhoff: Nein, den gab es auch vorher schon, aber er war verschüttet. Ich habe den Katholizismus formal praktiziert und ging in die Kirche. Aber ich hatte nicht den Zugang zu Gott, den ich heute spüre. Irgendwann kam in Haft der Manager durch, und ich sagte mir: Du brauchst Strukturen. Also habe ich nach dem Aufstehen um fünf Uhr in der Bibel gelesen, dann meine Liegestütze und Sit-ups gemacht und an meinem Buch geschrieben.

STANDARD: Als Freigänger arbeiteten Sie dann in einer Einrichtung für Behinderte. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

Middelhoff: Die meisten Freigänger arbeiten nicht in sozialen Einrichtungen. Ich aber wollte der Gesellschaft etwas zurückgeben. Zudem ist die jüngere Schwester meiner Frau behindert, und ich hatte früher nie Zeit für sie gehabt. In dieser Einrichtung in Bethel habe ich mehr gelernt als sonst wo.

STANDARD: Was nahmen Sie mit?

Middelhoff: Wärme, Demut, Dankbarkeit. In meinem früheren Leben habe ich mich in Davos beim Weltwirtschaftsforum vor die Bundeskanzlerin gedrängt und ein Essen mit Colin Powell (Ex-US-Außenminister, Anm.) verlassen, weil es mir zu langweilig schien. Aber dann saß ich in Bethel neben Dimitri, einem querschnittsgelähmten jungen Griechen. Man muss sich diesen Gegensatz vorstellen.

STANDARD: Wie leben Sie heute?

Middelhoff: Ich habe eine neue Partnerin und lebe mit dieser in einer Dreizimmerwohnung in Hamburg. Das finanziere ich vom nichtpfändbaren Teil meiner Bertelsmann-Rente. Ich bin heute glücklich und zufrieden.

STANDARD: Verspüren Sie noch den Wunsch, reich zu sein und einen draufzumachen.

Middelhoff: Nein, den gibt es nicht, ich brauche keine Millionen mehr. Und es ginge ja sowieso nicht mehr, da ich all mein Geld verloren habe. Ich empfinde vielmehr das, was ich jetzt tue, als intellektuell bereichernd und herausfordernd.

STANDARD: Sie haben ein Buch über Ihr Scheitern und Wiederauferstehen geschrieben und halten Vorträge. Manche sagen: Middelhoff ist jetzt auch beim Büßen der Größte.

Middelhoff: Das ist zutiefst unchristlich und hämisch. Ich bereue nicht vor Menschen, sondern vor Gott. Aber andere Menschen, vor allem junge, davor zu warnen, meine Fehler zu wiederholen, das mache ich mit der gleichen Empathie und Leidenschaft, die ich immer gehabt habe. Ich will nicht mehr der Größte sein, aber mich freut es, wenn ich aus einem Hörsaal herausgehe und merke, da ist was hängengeblieben.

STANDARD: Was wollen Sie konkret vermitteln?

Middelhoff: Achtet darauf, dass eure charakterlichen Prägungen nicht völlig verschüttet werden. Bei mir haben die Relationen nicht mehr gestimmt. Vor wichtigen Entscheidungen in der Firma wurde alles von oben nach unten analysiert. Aber in der Familie habe ich – aus Zeitmangel – binnen Sekunden entschieden.

STANDARD: Ihr Buch heißt "Schuldig". Sie halten Ihr Urteil aber für juristisch fragwürdig. Was soll der Titel aussagen?

Middelhoff: Ich persönlich halte mich für charakterlich schuldig. Aber für die Gesellschaft bin ich sowieso schuldig, also konnte ich das Buch auch gleich so nennen. Aber wenn man so ein Scheitern verarbeiten will, dann muss man sich das auch eingestehen.

STANDARD: Fänden Sie Änderungen bei der Vergütung von Spitzenmanagern sinnvoll?

Middelhoff: Nicht bei den Boni, denn der Markt für gute Führungskräfte ist knapp. Aber in den Pensionswerken deutscher Konzerne müsste sich etwas ändern. Wenn Herr XY als Chef eines Dax-Unternehmens hervorragend verdient, dann kann er sich – wie in den USA – auch selbst um seine Altersvorsorge kümmern und muss nicht dem Unternehmen auf der Tasche liegen. (Birgit Baumann, Portfolio, 2019)