Der Mann, der Boris Johnson doch noch in den Graben befördern könnte, ist 25 Jahre alt und trägt einen schwarzen Vollbart. 5.000 Stimmen trennten seine Partei, Labour, bei der letzten Unterhauswahl 2017 von den Konservativen, für die im Wahlkreis Uxbridge and South Ruislip am nordwestlichen Stadtrand Londons der Premierminister höchstselbst antritt. 2015 waren es noch 10.000. Dreht sich der Wind, könnte der Nobody mit iranischen Wurzeln und zweifelhafter politischer Vergangenheit dem blonden Wirbelwind aus der Downing Street politisch den Garaus machen.

Ali Milani auf Wahlkampftour durch Uxbridge.
Foto: REUTERS/Will Russell

Auch wenn es die Umfragen derzeit für eher unwahrscheinlich halten: Johnson wäre der erste amtierende Premierminister Ihrer Majestät, der sein Parlamentsmandat verliert. Egal wie stark die Torys im Rest des Landes abschneiden, ein Regierungschef ohne Sitz im Unterhaus ist für viele Briten völlig undenkbar. Ali Milani rührt dafür seit Wochen unermüdlich die Werbetrommel, organisiert "Unseat Boris"-Partys in dem kleinen, wohlhabenden Vorort am Nordende der Metropolitan-Underground-Linie. Was ihm Johnson als TV-Personality an Bekanntheit und Geld voraushat, will Milani mittels Klinkendrücken wettmachen. Einem "Guardian"-Bericht zufolge investierten die Konservativen allein im vergleichsweise winzigen Uxbridge an einem Tag mehr als 1.100 Pfund (1.300 Euro) in Facebook-Werbung, die möglichen Wechselwählern Johnson schmackhaft machen soll.

Was es dagegen heißt, mit wenig Geld auszukommen, muss Milani nicht erst nachlesen. Er war fünf, als er mit seiner Mutter, einer Alleinerzieherin, aus Teheran nach London kam, die Hauptstadt, die er kennenlernte, hatte wenig mit einer Glitzermetropole gemein, in den Council Flats von Wembley im Nordosten der Stadt fiel der junge Iraner ohne Englischkenntnisse kaum auf.

Dies sollte sich ändern, als er sich an der renommierten Brunel University unweit seines heutigen Wahlkreisbüros für internationale Beziehungen einschrieb: Milani avancierte rasch zum Funktionär, 2015 bis 2017 war er Präsident der Studentenvereinigung.

Corbynista

Er war 19, als er der Labour-Partei beitrat, günstiges Wohnen, progressive Klimapolitik, ein leistbares Gesundheitswesen, das waren die Themen, die den jungen Ali Milani an die damals dahinsiechenden Roten banden. Als dort Jeremy Corbyn ans Ruder kam, engagierte er sich in dessen "Momentum"-Bewegung, die als Grassroots-Bewegung junger, linker Aktivisten den Boden für Corbyns Machtübernahme bereiten sollte.

Spätestens als er im Mai 2018 einen Gemeinderatssitz im Stadtteil eroberte, wurde aber auch die dunkle Seite des Ali Milani ruchbar: In seiner Jugendzeit betätigte er sich bei der antisemitischen Boykottbewegung BDS, die Israel den Wirtschaftskrieg erklärt hat, und wollte sich in einem Interview nicht entscheiden, ob er den ökonomischen Kampf gegen den jüdischen Staat einem bewaffneten vorziehe.

Auf Twitter folgten weitere Jugendsünden, wie er es heute nennt: Milani sprach Israel das Existenzrecht ab und nutzte "Jew", also Jude, als Schimpfwort. Seither sei viel Wasser die Themse hinuntergeflossen, beteuert er heute, er habe sich aufrichtig entschuldigt, habe von seinen "vielen jüdischen Freunden" gelernt und die KZ-Gedenkstätte Auschwitz besucht.

Gut möglich, dass Ali Milanis Vergangenheit ihn an diesem Donnerstag an der Wahlurne einholt. (Florian Niederndorfer aus London, 12.12.2019)