Bei einer Demo gegen das Rauchverbot genoss Strache die öffentliche Bühne, seine Fans machen auf Facebook für den Ex-FPÖ-Chef mobil.

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Mit Urlauben von Heinz-Christian Strache macht die FPÖ keine guten Erfahrungen. Derzeit sorgt die Abwesenheit des ehemaligen Vizekanzlers dafür, dass sich der von allen Parteigranden herbeigesehnte Ausschluss Straches weiter verzögert. Noch am Samstag hatte Klubobmann Herbert Kickl auf einen raschen Rauswurf des ehemaligen Parteichefs binnen Stunden gedrängt. Im Endeffekt dürften es allerdings mehr als hundert Stunden werden.

Der offizielle Grund: Das Schiedsgericht, das die FPÖ Wien einberufen hat, um die endgültige Entscheidung vorzubereiten, hat Strache zur Anhörung geladen. Er soll persönlich zur Spesenaffäre Rede und Antwort stehen, damit formal alles korrekt abgewickelt werden könne. Und da Strache bis Freitag auf Urlaub weilt, wird die Anhörung erst kommende Woche stattfinden können, bestätigte Landesparteisekretär Michael Stumpf am Dienstag.

Hinter der Zauderei der Wiener Landesgruppe dürften freilich gewichtigere Motive stecken als nur formelle Bedenken. Ein Blick auf die Facebook-Seiten der Partei zeigt, dass in der Causa Strache ein tiefer Riss durch die blaue Wählerschaft geht. Da mag die FPÖ-Spitze noch so vehement betonen, dass sie keine Angst vor einer eigenen Liste Strache hat, und noch so oft prophezeien, dass diese zum Scheitern verurteilt sei. Die Treuebekundungen für Strache in den sozialen Netzwerken lassen die Partei nicht kalt. Zuletzt gab es sogar unter einem Posting von Herbert Kickl – selbst ein Liebling der freiheitlichen Basis – deftigen Widerspruch zu dessen Kritik an Strache. Der Tenor: Es sei unehrenhaft und illoyal, dass die FPÖ jenem Mann in den Rücken falle, dem sie so viel Erfolg zu verdanken habe.

Verstoßung aus der Familie

Die jahrelang von der FPÖ betriebene emotionale Aufladung des politischen Zusammenhalts im Zeichen der sogenannten "freiheitlichen Familie" wird für die Partei nun zum Problem. Der dräuende Ausschluss wird von Strache und seinen Getreuen zur Verstoßung eines verdienten Mitglieds aus dem Familienverbund stilisiert. "Wir halten zu Dir", "Wir lassen Dich nicht im Stich", liest man unzählige Male.

In dieselbe Richtung gingen auch die Aussagen des Wiener FPÖ-Gemeinderats Karl Baron am Dienstag im Gespräch mit oe24.TV. Er verteidigte Strache und drohte mit einer Spaltung der FPÖ, sollte der frühere Obmann tatsächlich ausgeschlossen werden. "Viele FPÖ-Funktionäre wollen, dass Heinz-Christian Strache wieder zurück an die Spitze der Wiener FPÖ kommt", sagte Baron.

Die von der FPÖ kultivierte Verquickung von Opfernarrativ und Verschwörungstheorien wird von Straches Gefolgschaft nun gegen die Partei selbst gerichtet. Eine Frau, die laut eigenen Angaben seit dreißig Jahren FPÖ wählt, sagt im STANDARD-Gespräch: "Die Ibiza-Affäre war ein abgekartetes Spiel, vielleicht waren auch Drogen dabei. Strache ist ein Vollblutpolitiker, dem solch ein Fehler nicht passiert. In meinen Augen wollten Hofer und Kickl nur das Ruder übernehmen. Sie haben die FPÖ-Wähler bewusst hinters Licht geführt und dabei immer von Zusammenhalt und Familie gesprochen", meint die 57-jährige Mattersburgerin.

Gefallener Held

In dieser Erzählung hat die FPÖ durch die Abgrenzung von ihrem gefallenen Helden nun selbst auf die Seite derjenigen Elite gewechselt, die sie vormals zu bekämpfen vorgab. Parteichef Norbert Hofer und Kickl erscheinen plötzlich als Vertreter des ungeliebten Establishments, das sich gegen den ewigen Underdog Strache verbündet.

Auch Straches Einsatz gegen das Rauchverbot in Lokalen wird ihm von seinen Fans hoch angerechnet, zumal es sich dabei um ein Projekt der vermeintlichen Eliten zulasten der kleinen Leute handle. "H.-C. ist der Einzige, der dagegen ist. Ich bin eine starke Raucherin, daher trifft mich das besonders hart. Dass er bei der Raucherdemo in Wien gesprochen hat, fand ich gut und wichtig. Nur dank seinem Auftritt wurde die Demo überhaupt ziemlich oft in den Medien erwähnt", vermutet eine 54-jährige Waldviertlerin, die auf Facebook in den vergangenen Tagen immer wieder zur Verteidigung Straches ausgerückt war. Meistens sei sie überhaupt nicht wählen gegangen. Aber um die Zerstörung von Gasthäusern zu verhindern, habe sie im September die FPÖ gewählt. Den gesundheitlichen Schaden durch Passivrauchen hält sie für eine "Lüge, die man nur oft genug wiederholt hat und mit der man uns in eine Diktatur geführt hat". Bei wissenschaftsfeindlichen Verschwörungstheoretikern genießt Strache immer noch Glaubwürdigkeit. Und fischt auch so im Wählerreservoir der FPÖ. (Theo Anders, 3.12.2019)