Seit heuer hat unser mysteriöser Verwandter endlich auch ein Gesicht: So haben Forscher der Hebräischen Universität das Aussehen einer Denisova-Teenagerin rekonstruiert.
Foto: AP/Maayan Harel/Hebrew University

Wien/Innsbruck – Die Frage, wohin der Neandertaler verschwunden ist, ist längst geklärt: in unser Erbgut. Unsere Ahnen haben sich mit der eiszeitlichen Menschenart gepaart, und zu einem kleinen Prozentsatz sind die heutigen Menschen – zumindest diejenigen außerhalb Afrikas – somit auch Neandertaler-Nachfahren.

Ähnliches gilt für einen anderen nahen Verwandten, den erst 2010 als eigene Art identifizierten Denisova-Menschen. Dieser hat sich mindestens zweimal mit dem Homo sapiens gekreuzt, berichtet nun ein Forscherteam mit österreichischer Beteiligung im Fachjournal "Nature". Der Nachweis gehört zu den ersten Ergebnissen des Projekts "GenomeAsia 100K", das sich zum Ziel gesetzt hat, das Genom von 100.000 Menschen in Asien zu sequenzieren.

Wie der Denisovaner ins Spiel kam

Aus früheren Studien war bereits bekannt, dass manche Bevölkerungsgruppen in Asien bis zu fünf Prozent Denisovaner-Erbgut in sich tragen. Dieser Anteil ist bei den Melanesiern und den Aeta am höchsten, berichten die Forscher. Erstere leben auf den Inseln Melanesiens (Fidschi, Neuguinea, Neukaledonien, den Salomonen und Vanuatu), letztere in isolierten Bergregionen der Insel Luzon auf den Philippinen.

Laut der neuen Studie erfolgte die erste Vermischung von Denisovanern und modernen Menschen bei einem gemeinsamen Vorfahren der Melanesier und Aeta während der letzten Kaltzeit. Damals war der Meeresspiegel niedriger als heute, sodass in Südostasien eine als Sundaland bezeichnete zusammenhängende Landmasse existierte, wo heute nur noch einzelne Inseln aus dem Wasser ragen.

Die Aeta von Luzon haben aber zusätzliche Denisova-Erbgutteile und sind mit benachbarten Gruppen ohne hohes Denisovaner-Erbe teils näher verwandt als mit den Melanesiern. Daraus folgern die Forscher, dass es bei ihnen später noch zu einem weiteren fruchtbaren Kontakt mit Denisovanern gekommen sein muss.

Die Sache mit der Hautfarbe

Auch in einem weiteren Punkt brachten die Genom-Vergleiche interessante Ergebnisse. In mehreren süd- und südostasiatischen Regionen – etwa auf den Andamanen, auf der malaiischen Halbinsel oder auf den Philippinen – gibt es dunkelhäutige Bevölkerungsgruppen, für die der heute als rassistisch abgelehnte Sammelbegriff "Negritos" geprägt wurde.

Die Aeta auf den Philippinen gehören zu einer ganzen Reihe asiatischer Ethnien, die wegen ihrer dunklen Hautfarbe fälschlich als "Negritos" zusammengefasst wurden. Eine direkte Verwandtschaft zwischen diesen Völkern besteht aber offenbar nicht.
Foto: REUTERS/Romeo Ranoco

Die aktuelle Studie deutet jedoch darauf hin, dass diese Menschen nicht auf direkte gemeinsame Ahnen zurückgehen. Sie zeigen zu ihren hellhäutigeren geografischen Nachbarn jeweils mehr Verwandtschaft als zu anderen "Negrito"-Gruppen. Also ist die dunkle Hautfarbe bei ihnen eine unabhängig entstandene Anpassung an die Umweltbedingungen, vor allem an viel Sonnenlicht. Die einstmals als grundlegendes Unterscheidungsmerkmal betrachtete Hautfarbe erweist sich damit einmal mehr als eine Eigenschaft im Fluss.

Hintergrund

Mit "GenomeAsia 100K" will das internationale Team, dem unter anderem Christian Fuchsberger, Lukas Forer und Sebastian Schönherr vom Institut für Genetische Epidemiologie der Medizinischen Universität Innsbruck angehören, eine Lücke schließen: Nicht-Europäer wären in humangenetischen Studien bisher vernachlässigt worden, die vorhandenen Daten somit vielleicht nicht ausreichend repräsentativ.

Mit den Genom-Sequenzen von 1.739 Personen konnten nun die ersten Projektergebnisse veröffentlicht werden. Unter anderem identifizierten die Forscher neue Varianten von Krebsgenen, zudem konnten sie die Verbreitung von Genen eruieren, die für das Ansprechen auf bestimmte Medikamente wichtig sind. (red, 5. 12. 2019)