Rien ne va plus heißt es wegen des Generalstreiks auf vielen Straßen Frankreichs, in diesem Fall in Marseille.
DER STANDARD

Paris/Wien – In Frankreich hat der Generalstreik gegen die geplante Pensionsreform von Präsident Emmanuel Macron zu massiven Verkehrsbehinderungen geführt. Neben dem Bahnverkehr waren auch Flugverbindungen betroffen. So sagte etwa die AUA ihren Frühflug nach Paris sowie den damit verbundenen Rückflug ab. Der Bahn-Fernverkehr aus Deutschland wurde komplett eingestellt.

ORF

Die staatliche französische Bahngesellschaft SNCF strich 90 Prozent der TGV-Schnellzüge und 80 Prozent der Regionalzüge. In Paris lag der Verkehr auf elf der 16 Metrolinien lahm. Wegen des eingeschränkten öffentlichen Verkehrs stiegen viele Pendler im Frühverkehr auf Autos um. Vor allem in der Hauptstadtregion Paris stauten sich in der Früh die Autos, berichteten französische Medien.

Präsident Macron sieht sich mit den bisher größten Protesten seiner Amtszeit konfrontiert. Bis zum Nachmittag beteiligten sich mehr als 510.000 Menschen an Kundgebungen in rund 70 Städten, fast doppelt so viele wie auf dem Höhepunkt der "Gelbwesten"-Krise vor einem Jahr. Die größte Kundgebung in Paris war dabei noch nicht eingerechnet. Dort gingen nach Angaben der Gewerkschaft CGT 250.000 Menschen auf die Straße. Angaben der Präfektur gab es vorerst nicht.

Zwei Stunden Verspätung

Der AUA-Frühflug aus Paris war am Donnerstagvormittag fast zwei Stunden verspätet, weitere Flüge der Lufthansa-Tochter sowie von Level und Air France sollten wie geplant abheben. Die Deutsche Bahn sagte alle ihre Fernverbindungen nach Frankreich ab, darunter etwa die ICE-Verbindungen aus Frankfurt und München nach Paris sowie den TGV von Frankfurt nach Straßburg. Es sei unklar, wie es in den kommenden Tagen weitergehe, hieß es. Die Lufthansa strich neun Flüge aus Deutschland.

Fahrräder sind eine geeignete Möglichkeit, um dem Verkehrschaos weitgehend zu entkommen.
Foto: Reuters

Insbesondere im Schienenverkehr dürften die Proteste fortgesetzt werden. "Ich denke, dass diese (Protest-)Bewegung in den kommenden Tagen andauern wird", sagte Verkehrsstaatssekretär Jean-Baptiste Djebbari dem Nachrichtensender BFMTV.

Ausschreitungen in Paris und Nantes

Dem Ausstand bei der Bahn und im Pariser Nahverkehr wollen sich am Donnerstag unter anderem Feuerwehrleute sowie Mitarbeiter von Schulen, Krankenhäusern und der Müllabfuhr anschließen. Es wird mit den größten Protesten seit Beginn der Gelbwesten-Krise vor gut einem Jahr gerechnet. Fast 250 Kundgebungen sind angemeldet. In Nantes kam es laut Medienberichten bereits zu Ausschreitungen – die Polizei soll Tränengas gegen Demonstranten eingesetzt haben.

Der Eiffelturm bleibt geschlossen, da nicht ausreichend Personal zur Verfügung steht.
Foto: AP Photo/Rafael Yaghobzadeh

Bei den Demonstrationen in Paris ist es ebenfalls zu Ausschreitungen gekommen. Fahrzeuge gingen am Donnerstagnachmittag in Flammen auf und Vermummte schlugen Scheiben ein, wie auf Fernsehbildern zu sehen war. Randalierer versammelten sich am Nachmittag vor allem auf dem Place de la République im Zentrum der Stadt. Die Polizei nahm bis 15.30 Uhr 31 Menschen fest und kontrollierte mehr als 9000.

Die massiven Streiks treffen auch Paris-Touristen: Das Wahrzeichen der Hauptstadt, der Eiffelturm, bleibt am Donnerstag geschlossen. Wie die Betreibergesellschaft Sete mitteilte, gibt es nicht ausreichend Personal, um die Touristenattraktion an der Seine zu öffnen. Der 130 Jahre alte Turm wird jährlich von rund sieben Millionen Menschen besucht.

Museen teilweise geschlossen

Große Pariser Museen wie der Louvre hatten bereits vor den Streiks vor möglichen Einschränkungen für Besucher gewarnt. Das Impressionisten-Museum Musée d'Orsay bestätigte, es bleibe geschlossen.

Das Innenministerium befürchtet Ausschreitungen und hat die Sicherheitsvorkehrungen massiv verschärft. Allein in Paris sind rund 6.000 Polizisten im Einsatz. Die Proteste richten sich gegen Macrons Pensionsreformpläne. Im Kern zielt die Reform auf die Abschaffung der "Spezialregime" für 42 Branchen. Davon profitieren gut eine Million Angestellte im öffentlichen Dienst, von der Staatsbahn SNCF über den Energiekonzern EDF bis hin zu den Pariser Opernhäusern. Sie können teils schon mit Anfang bis Mitte 50 in Pension gehen, bei hohen Bezügen.

Arbeitnehmer aus dem öffentlichen und dem privaten Sektor protestieren gegen die geplante Pensionsreform.
Foto: EPA/GUILLAUME HORCAJUELO

Macron verspricht ein gerechteres System, bei dem "jeder eingezahlte Euro die gleichen Rechte für alle" bietet. Zugleich will er das Defizit der Pensionskassen bekämpfen, das bis 2025 auf bis zu 17 Milliarden Euro steigen könnte. Das gesetzliche Pensionsantrittsalter von 62 Jahren will die Regierung zwar nicht antasten. Aber die Reform könnte dazu führen, dass viele länger einzahlen müssen, wenn sie keine Abschläge in Kauf nehmen wollen. (APA, red, 5.12.2019)