Nasen wie diese waren einst weltweit verbreitet. Heute gibt es nur noch fünf Tapir-Arten, eine in Südostasien und vier in Mittel- und Südamerika.
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Vor einigen Monaten veröffentlichte ein internationales Forscherteam in "Nature Geoscience" eine Studie darüber, wie sich Elefanten auf den Amazonas-Regenwald auswirken würden. Die Kurzfassung: langfristig positiv. Die riesigen Säuger, die Pflanzen ja nicht nur fressen, sondern auch düngen sowie deren Wachstum beeinflussen und Samen verbreiten, haben sich in den Regenwäldern Zentralafrikas und Südostasiens als regelrechte Ökosystem-Ingenieure erwiesen.

Nun gibt es in Südamerika allerdings keine Tiere aus der Elefantenverwandtschaft (mehr). Man muss also mit dem arbeiten, was da ist – und das ist nicht viel. Die Ausbreitung des Menschen am Ende der Eiszeit hat sich auf die südliche Hälfte des amerikanischen Doppelkontinents nämlich mindestens so stark ausgewirkt wie auf die nördliche. Binnen kurzer Zeit sind damals so gut wie alle großgewachsenen Säugetierarten verschwunden – also auch fast alle, die ein Ökosystem ähnlich prägen können, wie es Elefanten tun.

Die Nummer 1 im Regenwald

Mit Bisons, Elchen und Wapitis gibt es in Nordamerika immerhin noch ein paar Pflanzenfresser, die wenn schon nicht riesig, dann wenigstens stattlich sind. Südamerika muss es eine Nummer kleiner geben: Das größte Säugetier ist hier der Tapir, gut zwei Meter lang und 150 bis 300 Kilogramm schwer.

Vom Süden Mexikos bis nach Kolumbien lebt der Mittelamerikanische Tapir (Tapirus bairdii), südlich daran anschließend der etwa gleich große Flachlandtapir (Tapirus terrestris). Beide sind typische Waldbewohner und fressen Pflanzen, die sie sich mit ihrem ikonischen Merkmal – der rüsselartigen Oberlippe – greifen.

Am liebsten leben Tapire in der Nähe von Wasser.
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Brasilianische Forscher haben sich die ökologische Rolle des Tapirs nun näher angesehen und dabei auf den Flachlandtapir fokussiert, da sein Verbreitungsgebiet riesig ist: Es umfasst praktisch das gesamte Amazonasbecken und reicht im Süden bis in die Sumpfgebiete und Feuchtsavannen Argentiniens.

Und überall, wo er vorkommt, gestaltet der Tapir die Pflanzenwelt, bilanziert das Team um Mauro Galetti und Nacho Villar von der Universidade Estadual Paulista. Tapire äsen Blätter und Früchte, wandern über längere Strecken und verteilen mit ihrem Kot die Samen der Pflanzen. Die Forscher haben im Rahmen eines seit zehn Jahren laufenden Projekts die Pflanzengemeinschaften in verschiedenen Regionen untersucht und dabei festgestellt, dass die Anwesenheit von Tapiren die botanische Vielfalt erhöht – und das, obwohl die tendenziell einzelgängerischen Tiere die Wälder nur dünn besiedeln.

Die Flexibilität des Rüssels kann Tapiren eine recht interessante Mimik verleihen.
Foto: APA/EPA/TRACEY NEARMY

Allerdings ist der Tapir nur eine von zwei Komponenten, wie sich gezeigt hat. Die andere ist das ebenfalls sehr weit verbreitete Weißbartpekari (Tayassu pecari). Pekaris sind eng mit den Schweinen der Alten Welt verwandt und gehen auch einem vergleichbaren Lebensstil nach: Sie fressen, was ihnen vor die Schnauze kommt, und wühlen dabei kräftig den Boden auf. Da sie in Großgruppen von teilweise über 100 Tieren leben, wirken sich die im Schnitt 20 bis 50 Kilogramm schweren Allesfresser entsprechend stark auf ihre Umwelt aus.

Daraus ergibt sich laut den Forschern ein buchstäblich fruchtbares Zusammenspiel: Die Pekaris pflügen den Boden um, in dem dann junge Pflanzen gedeihen können, wenn ein Tapir als Sämann vorbeikommt. Die beiden Spezies haben komplementäre ökologische Funktionen, fassen die Forscher den Ablauf zusammen. Und das Ergebnis sei eindeutig: Die pflanzliche Vielfalt sei in Regionen, in denen entweder Pekaris oder Tapire vorkommen, etwas höher als in solchen, in denen beide Arten fehlen. Eine deutliche Erhöhung der pflanzlichen Biodiversität könne man aber dort feststellen, wo beide Arten leben.

Eine kleine Rotte Pekaris – die Familienverbände dieser Tiere können noch wesentlich größer werden.
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Aus diesem Grund ist es laut den Forschern wichtig, das, was von der südamerikanischen Megafauna noch übrig geblieben ist, zu schützen – nicht nur um der Tiere selbst willen, sondern auch dem Lebensraum Wald als ganzem zuliebe. Sowohl bei Pekaris als auch bei Tapiren sind die Bestände in den vergangenen Jahrzehnten stark zurückgegangen – teils durch Bejagung, vor allem aber durch das Schrumpfen ihres Lebensraums. Beide Arten werden von der Weltnaturschutzunion als gefährdet eingestuft. In einigen Regionen ihres ehemaligen Verbreitungsgebiets sind sie sogar bereits ausgestorben.

Villar abschließend: "Ein Verschwinden dieser Pflanzenfresser aus den tropischen Wäldern Südamerikas könnte bedeutende Auswirkungen auf die Dynamik des Ökosystems haben – vergleichbar möglicherweise mit der Ausrottung von Elefanten in den afrikanischen und asiatischen Wäldern oder der Gnus in der Savanne." (jdo, 29. 12. 2019)

Typisch für alle Tapirarten ist das mit Punkten und Streifen versehene Tarnkleid der Jungtiere. Wird der Regenwald abgeholzt, ist es mit dem Verstecken allerdings vorbei.
Foto: Frank Augstein/AP/dapd