Désirée Waterstradt beschäftigt sich mit Elternschaftsforschung und erklärt die gesellschaftlichen und familiären Folgen der Kindzentrierung.

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Familie ist heute vielgestaltig wie nie. Vor allem aber gilt: Familie ist da, wo Kinder sind.

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Die Minimaldefinition für Familie lautet heute: Familie ist da, wo Kinder sind. Wie Familie gelebt wird und welche Rollen die Beteiligten darin haben, vor allem, wer im Zentrum des familiären Geschehens steht, unterlag im Laufe der Zeit aber großen Veränderungen. Die Geschichte der Familie zeigt, wie die äußeren Rahmenbedingungen die innere Neuorganisation von Familienstrukturen beeinflussten, erklärt Elternschaftsforscherin Désirée Waterstradt.

STANDARD: Familie ist laut der Jugendwertestudie 2019 für Jugendliche der absolut wichtigste Lebensbereich. 76 Prozent der 1000 Befragten zwischen 16 und 29 nannten sie an erster Stelle. Die Studienautoren schreiben: "Eine absolute Renaissance unter Jugendlichen erlebt die Familie." Ist das so?

Waterstradt: Das sehen nicht nur Jugendliche so. Angesichts globaler Verflechtung und wachsenden Konkurrenzdrucks ist es wichtig, einen Rückhalt zu haben. Wir erleben, wie Wohlfahrtsstaaten an Leistungsgrenzen stoßen. Doch Menschen waren immer abhängig von Institutionen, die ihr Überleben sicherten. Hierzulande war das lange das "Haus", zu dem etwa auch das Gesinde gehörte. Wie heute beim Gewaltmonopol des Staats, ging es bei der Schutzherrschaft oder Gewalt des Hausvaters um Überleben, Hierarchie und Ordnung, nicht primär um Gefühl oder verwandtschaftliche Nähe.

STANDARD: Wie kam es dazu?

Waterstradt: Im Mittelalter setzte der Grundherr zur Bewirtschaftung der Hauswirtschaftsgemeinschaften ein Arbeitspaar als Doppelspitze ein. Hausvater und Hausmutter waren im Deutschen die "Älteren", heute die "Eltern". Kinder waren Arbeitskräfte, sozialisiert durch Mitarbeit. Sie verließen spätestens mit zwölf bis vierzehn Jahren das Elternhaus, um als Magd, Knecht oder Lehrling in einem anderen Haus zu arbeiten beziehungsweise zu lernen. Auch das Christentum war ein wichtiger Einflussfaktor, da Liebe nicht mehr zwingend der Abstammungsgemeinschaft, sondern dem Nächsten zugewandt wurde. Diese Entfamiliarisierung des Sozialen begünstigte viele Entwicklungen: die Entstehung einer Jugendphase, Individualisierung, Mobilität oder Alterssicherung durch das Haus und nicht durch die Kinder. Nur Adelshäuser konnten Abstammung als wichtiges Privileg pflegen.

STANDARD: Mit dem Bürgertum entstand dann allerdings auch ein neues Familienmodell.

Waterstradt: Ja, zum Ende des Mittelalters änderten sich viele Rahmenbedingungen. Es entwickelten sich Frühkapitalismus und Wachstumswirtschaft mit den Prinzipien von Eigennutz und Konkurrenz. In der entstehenden bürgerlichen Mittelschicht wurde die wirtschaftliche Funktion des Hauses nachrangig. Die emanzipatorische Wirkung des freien Marktes zu nutzen wurde zum männlichen Privileg. Der Vater war zunehmend außer Haus tätig. Die Sozialisation der Kinder wurde zur Aufgabe der Mutter, die väterliche Autorität ging auf Experten als neue "geistige" Väter über. Frauen blieben Gemeinnutz und Solidarität moralisch verpflichtet, ihre Arbeit verschwand hinter den Kulissen privater Repräsentation. Das Gesinde gehörte nicht mehr dazu. Für die neue Lebensform kam das französische Wort "famille" auf. Sie sollte die Gegenwelt zu Eigennutz und Konkurrenz sein, die Mutter deren Hüterin, in aufopfernder Sorge für Mann, Haushalt und Kind.

STANDARD: Was kennzeichnete die bürgerliche Familie?

Waterstradt: Man erschloss sich Verwandtschaft als soziale Ressource und machte die Familie zum Herzstück bürgerlicher Kultur. Man stieg aus den Unterschichten auf und eiferte den Abstammungsprivilegien des Adels nach, grenzte sich aber ausdrücklich von beiden Lebensmodellen ab. Die systematische Trennung von Familie und Öffentlichkeit, von weiblichem und männlichem Habitus wurde zum fundamentalen Organisationsprinzip bürgerlicher Gesellschaften. Das bürgerliche Familienideal schien als Erfolgsmodell schlechthin, wurde emotional überhöht und gegen aufklärerische Tendenzen abgeschirmt. Wir glauben bis heute – trotz besseren Wissens aus Geschichte, Ethnologie, Demografie oder Psychologie – an den romantischen Mythos der harmonischen Mehrgenerationenfamilie als unveränderliche, ewige und heilige Naturkonstante. Der Blick hinter die Kulissen ist tabu, ob bei Geschwistergewalt, anderer häuslicher Gewalt oder der Entfremdung in Familienbeziehungen. Arbeit ohne Bezahlung und Anerkennung gilt weiter als selbstverständlich, nicht als wirtschaftliche oder psychische Gewalt.

STANDARD: Die bis heute wirksamste Änderung in der Familie passierte in den 1970ern. Welche war das und mit welchen Folgen?

Waterstradt: Das Kind begann den Vater als Zentrum der Familie abzulösen. Die historischen Wurzeln liegen in den bürgerlichen Projekten von Aufklärung und Nation, in denen Kinder die Zukunft verkörpern. Das nationale Interesse am Kind ließ Kindzentrierung als neuartige Konkurrenzarena entstehen. Dabei gingen Nationalisierung und Pädagogisierung Hand in Hand, um aus Kindern Amerikaner, Franzosen, Briten, Österreicher oder Deutsche zu machen. Institutionen wie Kindergärten, Schulen, Jugendämter und Familiengerichte entstanden. Unter dem Gewaltmonopol von "Vater Staat" wurde die häusliche Gewalt des Vaters auf Obsorge begrenzt, für die moralisch und alltagspraktisch die Mutter zuständig war.

STANDARD: Was sind Kennzeichen der kindzentrierten Familie?

Waterstradt: Geheiratet wird nicht mehr, bevor man Sex hat oder einen Haushalt gründet, sondern bevor ein Kind kommt. Heute muss man nicht mal mehr heiraten, wenn ein Kind kommt. Im Zentrum der kindzentrierten Familie stehen Persönlichkeitsentwicklung, Bedürfnisse und Ansprüche des Kindes. Nicht die des Vaters oder der Mutter. Der Erziehungsstil ist nicht mehr eltern-, sondern kindzentriert. Die Elterninteressen stehen hinter denen der Kinder zurück. Auch die emotionalen Bedürfnisse verlagern sich von der Partnerebene auf die Beziehung zum Kind. Dazu kommen Moralisierung, expertengeleitete Erziehung, Professionalisierung, Institutionalisierung und Ökonomisierung rund ums Kind.

STANDARD: Aber ist Familie heute nicht so vielgestaltig wie nie zuvor?

Waterstradt: Wie die Struktur rund um die Zentralposition des Kindes aussieht, ist immer weniger wichtig, ob Vater-Mutter-Kind, Familie über Adoption oder Reproduktionsmedizin, Regenbogen- oder Patchworkfamilie, alleinerziehend oder Solomutterschaft. Familie ist, wo Kinder sind.

STANDARD: Und was brauchen Eltern denn in einer, wie Sie mal sagten "strukturell elternfeindlichen" Gesellschaft am dringendsten?

Waterstradt: Unterstützung und Empathie statt Erwartungen und moralischen Druck. Durch den Vorrang des Kindeswohls sind die Eltern in eine dienende Position gerutscht, ohne Pause. Das Ausmaß ist mit heutigen Ansprüchen an private und berufliche Selbstbestimmtheit, insbesondere mit Männlichkeit schwer vereinbar. Das trifft Paare meist unerwartet und überfordert schnell. Der Übergang zur Wunschelternschaft führt deshalb häufig zu einer Krise im Lebenslauf, die wir uns kaum eingestehen. Psychische Erkrankungen junger Mütter und Väter sind nur die Spitze des Eisbergs. Neben dem Kindeswohl muss es auch ums Elternwohl gehen. Neben Kinderrechten braucht es Elternrechte, die gegenüber Staat, Gesellschaft und Institutionen eingefordert werden können, damit Strukturen nicht so rücksichtslos bleiben. Da müssen alle Druck rausnehmen, hinhören, anpacken, Rücken stärken und moralisch unterstützen, ob Opas, Chefinnen, Erzieher oder Politikerinnen. Wir brauchen bessere Fürsorgebalancen über alle Ebenen, Fürsorge auch für Eltern sowie Entwicklung und Anerkennung von Fürsorgekompetenzen von Jung bis Alt. (Lisa Nimmervoll, 7.12.2019)