Die zwei Preisträger Olga Tokarczuk und Peter Handke bei der Preisverleihung in Stockholm.

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Peter Handke in der Rolle des Sehers: Seine Nobelvorlesung zitiert vor allem das eigene Stück "Über die Dörfer".

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Ließ Peter Handke am ersten Tag in Stockholm sein cholerisches Gemüt aufblitzen, so zeigte sich der Literaturnobelpreisträger als Redner in eigener Sache durchwegs besänftigt: als poetischer Verkünder. Handkes Vortrag in der Schwedischen Akademie glich der Abtragung einer Dankesschuld. Als Adressatin seiner Rede beschwor der Dichter die eigene Mutter herauf: Sie hätte ihm in seiner Kindheit immer wieder von den "Leuten aus dem Dorf" erzählt.

Handke Episoden zielen tief hinein ins slowenischsprachige Kärntner Herkunftsland. Sie handeln von einer Zurückgebliebenen ("Idiotin"), die, durch Vergewaltigung zur Mutter geworden, von ihrem Kind am weichen Druck ihrer Hände erkannt wird. Sie handeln von den Brüdern der Mutter, die während des Zweiten Weltkriegs nacheinander, in der Tundra irgendwo weit draußen im Osten, den sinnlosen "Heldentod fürs Vaterland" gestorben sind.

Geschichte und kleine Leute

Es sind "Begebenheiten" aus dem Dorf Stara Vas, die Handke zum Besten gibt. Nahtlos greifen in seinen Skizzen die Weltgeschichte und die kleinere Geschichte der Familie ineinander. Indem die beiden einander wechselseitig erhellen, wird die Bestimmung des Autors, die eines Zeichengebers an die Menschheit, deutlich.

Den Rahmen von Handkes Vortrag bildet nämlich die Figurenrede der "Nova" aus Handkes dramatischem Gedicht "Über die Dörfer" (1984). Dabei handelt es sich um den bukolischen, manchmal stark antikisierenden Appell einer wunderbaren Priesterin der Natur.

Die Rede Peter Handkes auf Video.
Nobel Prize

Ihre Verkündigung soll die Bewohner einer insgesamt entzauberten, stumpf und erlebnisarm gewordenen Welt zurück an den Busen der Natur zwingen: aus eigener, besserer Einsicht. Schlagartig wird wiederum Peter Handkes poetische Sendung deutlich. Aus der mysteriösen Nova spricht der "Geist eines neuen Zeitalters". Dieses fällt mit der glücklichen Ur-Zeit – einer Epoche vor Anbruch der Menschheitsgeschichte – zusammen.

Wiederum hält Handke Augenkontakt mit Götter-Lieblingen wie Friedrich Hölderlin. Freilich auch mit Martin Heidegger, dem Philosophen, der nach dem tiefsten Grund des "Seyns" gefragt hat, um nur ja kein Humanist sein zu müssen. Horizonte öffnen sich neu unter dem Blick von Handkes durchaus suggestiver Seherkunst. Es fällt schwer, diese erhabenen Appelle zu deuten, schwerer noch, sie politisch auszuwerten. "Verlangsamen" soll sich die Menschheit; unter dem Zutun ihrer Dichter soll sie ihre "unerklärlichen Seufzer" in "mächtige Lieder" verwandeln.

Vernunft und Glaube

"Vielleicht gibt es ja keinen vernünftigen Glauben, aber es gibt den vernünftigen Glauben an den göttlichen Schauder." Von jemandem, der auf eine derartige Vermischung von Vernunft und Glauben setzt und sich obendrein noch Schauder, zumal göttliche, erwartet, wird man kein klärendes Wort – und schon gar nicht ein solches der Entschuldigung – verlangen dürfen. Handke fordert von sich und seinen Mitmenschen: "Schafft den großen Satz". Von Sätzen, die auf andere Sätze, womöglich solche eines verletzten Gegenübers, eingehen, ist nicht die Rede.

In seinen Reflexionen kündigt Handke die Fortsetzung seines Buchs "Die Wiederholung" an: "Die zweite Wiederholung". "Gott" und "Geschick" sollen ihm zu einer solchen Schrift verhelfen. Handkes Rede ergeht sich in Anrufungen, slowenisch-slawischen religiösen Litaneien. Die "Lauretanische Litanei" enthält Anrufungen eines Bittstellers. Peter Handkes Frömmigkeit entspringt einer Haltung gegenüber der Welt, die die Poesie als Lobpreis begreift.

Das Video der Rede von Olga Tokarczuk (Polnisch).
Nobel Prize

Die "Nobelvorlesung" von Peter Handke wird alle diejenigen vor den Kopf stoßen, die des Dichters trotziges Engagement für die Sache Serbiens für unentschuldbar halten. Indem er ausschließlich als Dichter zu uns spricht, macht Handke sich aber auch umso angreifbarer. Es entspricht dem Geist einer doppelten Buchführung: politisch einerseits widersetzlich zu sein, um andererseits im Medium der Dichtung die Welt in ihrer ganzen Vielgestaltigkeit zu umarmen.

Um vieles nüchterner blieb da die Nobelvorlesung der polnischen Autorin Olga Tokarczuk. Ausgehend von der eingehenden Betrachtung eines Fotos, das ihre Mutter zeigt, ging sie auf die Suche nach dem "empfindsamen Erzähler", der imstande wäre, die Widersprüche unserer Epoche perspektivisch zusammenzufassen.

Auch Tokarczuk räumt den Mythen – als Gestaltungselementen – eine entscheidende Rolle ein. Noch wichtiger aber ist ihr eine Empathie, die sowohl von Lebewesen als auch unbelebten Gegenständen gleichermaßen Besitz ergreift. (Ronald Pohl, 7.12.2019)