Die alte indische Stadt Bhangarh liegt heute in Ruinen und ist vielen Blogs zum Thema "Spukorte" einen Eintrag wert.

Foto: Getty Images/iStockphoto/amlanmathur

Wenn man den Blogs traut, dann kommen in der Dämmerung die Geister der Ruinenstadt heraus. Sie schreien, kreischen, flüstern, natürlich unsichtbar.

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Die morbide Idylle zieht immer mehr Touristen an.

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Der Jeep quält sich über eine staubige Straße in der Ebene. Schlaglöcher behindern die Fahrt, manchmal liegt eine Kuh auf dem Weg. Seelenruhig, als wüsste sie, dass niemand es wagen würde, sie mit Gewalt zu vertreiben. Das einzige Verkehrsgebot, das jeder Inder befolgt: Die heiligen Tiere haben Vorfahrt.

Hinter dem Vieh steigt schroff das Aravalligebirge auf, Kalksteinfelsen verdunkeln den Horizont, gespenstisch nackte Trockenwälder ziehen sich die Hänge hinauf, nur die Nachmittagssonne taucht die verlassen wirkende Landschaft in ein gnädiges goldfarbenes Licht.

In der Dämmerung kommen die Geister

An einem Schlagbaum hocken ein paar Männer. Sie schauen auf ihre Armbanduhren, beraten sich, sagen etwas auf Hindi. "Wir müssen bei Sonnenuntergang wieder draußen sein", übersetzt Sajta Ram, ein 48-jähriger Inder, der im Amanbagh-Hotel Fahrer, Reiseführer und Fährtenleser in einer Person ist.

Er trägt Turban, Bart und eine Art Safari-Uniform. Eine Stunde Zeit, dann schließt die Festung Bhangarh für Besucher – und wenn man einschlägigen Blogs glaubt, kommen in der Dämmerung die Geister der Ruinenstadt heraus. Sie schreien, kreischen, flüstern, natürlich unsichtbar. Welches Spukgespenst, das etwas auf sich hält, lässt sich schon erwischen?

Bhangarh gilt in Rajasthan als verfluchtester Ort des Bundesstaats. Genau deshalb wollen tausende Touristen jeden Tag die "Indian Horror Story" hautnah erleben. Wobei es sich eigentlich um eine Liebesgeschichte handelt. Aber liegen Liebe und Tod nicht nah beieinander? Was wäre Romeo und Julia ohne die Unfähigkeit zweier Teenager, die Gebrauchsanweisung des Apothekers richtig zu verstehen und auf das Nachlassen des Gifts zu warten?

Kein Zweifel am Zauber

Rechts auf dem Berg steht eine Ruine. "Das war das Haus des Zauberers", sagt Ram und meint es völlig ernst. Der Glauben an übersinnliche Kräfte ist in Indien weitverbreitet, sie anzuzweifeln gilt als einigermaßen verrückt. Deshalb sei es auch nicht gelungen, bewaffnete Nachtpatrouillen für die Ruinen zu finden. Niemand wollte sich für diesen potenziell gefährlichen Job melden. Auf den ersten Blick sieht die Stätte harmlos aus, lauter meterdicke Felsmauern, beeindruckend, ja, furchteinflößend, nein. Besucher durchqueren zuerst einen Markt- und Wohnbezirk, daraufhin folgen die ehemalige Tempelanlage und schließlich die an den Berg gebauten Paläste. Vier sind noch übrig, zwei seien zerstört, erklärt Ram. Es ist trotzdem ein imposantes Ensemble, ein mehrstöckiges Ruinenungetüm, das sich an den Berg kettet.

Bhangarh muss einmal eine blühende Stadt gewesen sein. Die Ausmaße erzählen von Reichtum und Wohlstand. Bis Besucher zum Palast vordringen, müssen sie eine Viertelstunde auf dem Weg zurücklegen. Vorbei an schattigen Banyanbäumen, die sich mit mehreren Wurzeln im Boden abstützen und deshalb wie hölzerne Figuren mit Rückenleiden aussehen. Dutzende Affen lauern auf den Mauern, immer bereit, unvorsichtigen Touristen deren Proviant abzujagen. Es sind Makaken, kleine braune Affen, die sehr genau verstanden haben, wann jemand neben seinem Proviant döst. Die einzige Gefahr, die nachts auf die Störenfriede lauert, ist der Leopard, der bei Dunkelheit aus dem bewaldeten Tal Jagd auf sie macht.

Schief gegangen

Vor rund 300 Jahren bewohnten noch tausende Menschen die Ebene. Doch dann kam es zu jenem Zwischenfall, der das Schicksal der Stadt besiegeln sollte. Jener Zauberer, der auf dem Hügel seiner schwarzen Magie nachging, verliebte sich in eine hübsche Prinzessin unten in Bhangarh. Ratnavati, so hieß die junge Frau, hatte damals den Beinamen "Perle von Rajasthan". Zu der Zeit hatte sie bereits viele Brautwerber aus reichen Häusern abgelehnt. Der Magier war Realist und war sich seiner aussichtslosen Lage bewusst. Er beobachtete, wie eine Magd für die Prinzessin Parfum kaufte, und belegte die Flüssigkeit daraufhin mit einem Liebeszauber. Sobald sie das Parfum auftrug, würde sie dem Magier mit zweifelhaften Absichten verfallen.

Aus Gründen, die auch Ram nicht erläutern kann, durchschaute Ratnavati das Komplott und ließ die Flasche am Boden zerschellen. Angeblich verwandelte sich das Gefäß daraufhin in einen Felsbrocken, der durch die Stadt rollte und den Zauberer zermalmte.

Lange Formel

Bevor der Mann völlig geplättet war, besaß er noch genügend Geistesgegenwart, um die Prinzessin, ihre Familie und den gesamten Ort zu verfluchen. Angesichts der Länge der Zauberformel muss dies ein qualvoller Tod gewesen sein. Im Jahr darauf verlor die Armee eine wichtige Schlacht, die Prinzessin und viele Stadtbewohner starben – der Fluch des Zauberers zeigte Wirkung. Seitdem, so erzählt es Sajta Ram, sei es niemandem mehr gelungen, wiedergeboren zu werden, der damals in Bhangarh lebte.

Es ist eine lange Geschichte, auch eine komplizierte, und doch zieht sie viele Besucher an. Schwarze Magie hat noch heute ihre Fans. Das beweist eine Zeremonie am Fuße des ersten Palastes. Auf einem steinernen Podest sitzen einige Männer im Schneidersitz, Frauen und Hunde dürften nicht in diesen heiligen Kreis, wie der Guide erklärt. Ein Mann aus der Gruppe schreit sich in Rage, er bewegt sich in Trance um die Sitzenden und grunzt gelegentlich. "Das ist ein Exorzismusritual", sagt Ram ganz wertfrei. Einer der dabeisitzenden Männer wird von einem bösen Fluch befreit. Was soll man tun, wenn sonst nichts hilft?

Wahnwitzes Erlebnis

Langsam wird es dunkel, die Sonne ist hinter den Bergen verschwunden, aber ihr Strahlen erhellt noch die Ebene. Die letzten Gruppen begeben sich auf das Dach des Palasts, um auf das gesamte Ruinenfeld, die Tempel mit ihren verzierten Türmen und bauchigen Kuppeln zu blicken. Von oben hat man eine gute Sicht auf die wehrhafte Verteidigungsanlage, die Mauern, die sich die Hügel hinaufziehen, und fragt sich plötzlich, wie dieser Ort nur fallen konnte. Da müssen böse Mächte im Spiel gewesen sein.

Die morbide Idylle zieht aber auch andere Zielgruppen an. Hotelgäste können morgendliche Yoga- und Meditationskurse in der Ruinenstadt buchen, ein anschließendes Frühstück unter freiem Himmel inklusive. Kaffee mit Gänsehaut und Affenhorden – ein wahnwitziges Erlebnis.

Abends auf dem Rückweg zum Auto wird es empfindlich kühl, die Sonne ist fast nicht mehr zu sehen. Die Geisterstunde naht, bald werden die Tore geschlossen. Schauer jagen einem über den Rücken. War das eben der grelle Schrei eines Untoten? Aus dem Baum heraus kreischt ein hungriges Affenbaby. (Ulf Lippitz, RONDO, 13.12.2019)