Rasend schnell unterwegs, die Kugel im Casinos-Spiel.

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Der Staat könnte in den Poker um die Casinos einsteigen.

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Wien – Der Novomatic reicht's. Nach massiven Korruptionsvorwürfen und einem eskalierenden Dauerstreit mit Co-Aktionär Sazka will Europas größter Glücksspielkonzern sein Engagement bei der Casinos Austria beenden. Novomatic will ihr 17-prozentiges Casinos-Aktienpaket an die Tschechen verkaufen, wie beide Unternehmen am Dienstag bekanntgaben. Sazka käme dann auf 55 Prozent der Anteile.

Novomatic begründete den Ausstieg damit, dass "die bisherige Eigentümerstruktur zu keiner zufriedenstellenden Entwicklung der Casinos Austria geführt hat", wie Konzernchef Harald Neumann erklärte. Das Unternehmen hält freilich weiterhin elf Prozent an der Casinos-Tochter Lotterien.

Generaldirektor der Bundeswettbewerbsbehörde Theodor Thanner analysiert in der "ZiB 2" die aktuelle Lage rund um den Novomatic-Deal und die Casinos Anteile.
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Nun richten sich alle Augen auf die Staatsholding Öbag, die ein Drittel der Casinos hält. In Finanzkreisen wird nun darüber spekuliert, ob sie ihre Anteile aufstocken sollte. Möglich wäre das: Die Casinos-Aktionäre verfügen über ebenso umfangreiche wie komplexe Aufgriffsrechte. Das heißt, dass die Novomatic ihre Casag-Beteiligung auch den anderen Aktionären anbieten muss, die dann im Verhältnis ihrer Anteile zuschlagen können.

Wenn alle kaufen wollen, bekäme die Öbag somit ein Drittel des Novomatic-Anteils an der Casinos Austria. Das ist zwar nicht sonderlich viel, aber es würde – je nach Verhalten von kleineren Aktionären wie der Grazer Wechselseitigen – reichen, um die Sazka am Überschreiten der 50-Prozent-Grenze zu hindern.

Ruf nach dem Staat

Einige Politiker fordern nun diesen Schritt, um einen Ausverkauf der Casag an die Tschechen zu verhindern. SPÖ-Finanzsprecher Kai Jan Krainer meinte beispielsweise, die Öbag müsse vom Vorkaufsrecht Gebrauch machen. Ziel müsse es sein, einen "möglichst großen Staatsanteil und Stimmanteil der Republik an der Casinos Austria zu sichern", wie Krainer erklärte.

Ähnlich äußerten sich die Grünen, für die Niederösterreichs Landeschefin Helga Krismer in die Öffentlichkeit ging: Die Öbag sollte über einen Kauf der Novomatic-Anteile der Casinos Austria nachdenken, teilte sie mit. Die Öbag selbst will sich derzeit nicht festlegen und die neue Situation prüfen und mit allen Aktionären Gespräche führen, wie am Dienstag kundgetan wurde. Nachsatz: "Unser erstes Ziel der Streitbeilegung zwischen zwei wichtigen Kernaktionären ist erreicht."

Novomatic-Chef Harald Neumann hatte zuletzt keine Freude mit dem Casinos-Engagement.
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Zeit hat sie dafür ausreichend, denn schnell geht angesichts der komplexen Aktionärsverträge bei der Casinos Austria gar nichts. Jetzt beginnt einmal eine einmonatige Frist, in der die Anteilseigner über das Aufgriffsrecht beraten können. Nach einer ersten Abstimmung sollen weitere drei Monate für die Ausübung von Vorkaufsrechten eingeplant sein, meinen Casag-Kenner. Vor dem Sommer werde sich nicht viel in der Sache tun.

Dazu kommt, dass der Deal nicht nur kartellrechtlich in allen Ländern, in denen die Unternehmen aktiv sind, genehmigt werden muss. Auch die Zustimmung der jeweiligen Glücksspielaufsichten ist erforderlich. Angesichts der Korruptionsvorwürfe könnte so manche Behörde die Transaktion besonders genau begutachten, meinen Insider.

In Gumpoldskirchen blickt man auf kein allzu ruhmreiches Casinos-Kapitel zurück.
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Bis dahin hat Österreich möglicherweise eine neue Regierung, die sich wohl mit der Sache befassen würde. Einen Ministerratsbeschluss braucht die Öbag formal nicht, sofern sie eine bestehende Beteiligung nicht über eine aktienrechtlich relevante Schwelle aufstockt. In der Casinos Austria wäre die nächste heikle Grenze bei 50 Prozent. Realpolitisch wird eine Aufstockung von Anteilen aber jedenfalls mit der Regierung abgestimmt. Letztlich wäre auch zu klären, ob die Öbag eine Erhöhung ihrer Beteiligung überhaupt finanziell stemmen kann.

Wettbewerbsbehörde will genau hinschauen

Die Wettbewerbsbehörde (BWB) werde sich den Verkauf der Novomatic-Anteile genau anschauen, sagte BWB-Chef Theodor Thanner am Dienstagabend in der "ZiB2". Dass die Sazka-Gruppe aus Tschechien kommt, spiele genauso wenig eine Rolle wie die Beteiligung der Republik an dem Unternehmen. Tschechien sei ein EU-Land, eine tschechische Mehrheit wäre "Folge von Angebot und Nachfrage".

Casinos-Vorstandschefin Bettina Glatz-Kremsner teilte am Dienstagabend mit, dass sie auf eine gute Einigung der zwei verbleibenden Hauptaktionäre vertraue. Es sei jeder Schritt "zu einer klaren und nachhaltigen Eigentümerstruktur zu begrüßen".

Drei Jahre Casinos-Streit

Für die Novomatic endet mit dem Ausstieg jedenfalls ein unglückliches Abenteuer. Konzerneigentümer Johann Graf war 2016 angetreten, sich mit mehr als 40 Prozent am Rivalen Casag zu beteiligen. Österreichische Wettbewerbshüter und Kartellrichter hatten den Plan allerdings zunichtegemacht: Die Novomatic musste sich mit weniger als 25 Prozent begnügen und hielt fortan 17 Prozent. Mit der Sazka, die nie ein Hehl daraus gemacht hat, an die Mehrheit kommen zu wollen, gab es innigen Streit.

Der brach so richtig aus, als die Tschechen versuchten, die Casag-Kontrolle via Aufsichtsrat zu bekommen. Ihr Ansinnen, alle zwölf Kapitalvertreter zu stellen und den Staat aus dem Aufsichtsrat zu verbannen, ging aber schief: Die Novomatic, mit der die Tschechen einen Stimmrechtsbindungsvertrag abgeschlossen haben, stimmte (trotzdem) dagegen. Drittelaktionär (und Glücksspielaufseher) Staat aus dem Kontrollgremium herauszuhalten widerspreche dem Interesse der Gesellschaft, argumentierte die Novomatic. Die Sache wird seither bei einem Zürcher Schiedsgericht verhandelt.

Novomatics Unlust

Zu alledem kam dann auch noch der Streit um die von den Tschechen nicht gewollte Bestellung von Peter Sidlo zum Finanzvorstand, die längst auch die Staatsanwaltschaft beschäftigt. Es geht um den Vorwurf, die Novomatic habe die Bestellung von Sidlo unterstützt und dafür einen Deal mit FPÖ-Proponenten gemacht, die dafür Entgegenkommen bei Lizenzen versprochen haben. Was alle Beschuldigten bestreiten.

Sidlo wurde von Novomatic unterstützt – vergebens.
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In den Sog der Ermittlungen gerieten so, neben Ex-Vizekanzler Heinz-Christian Strache und Johann Gudenus, auch Novomatic-Eigner Graf und Novomatic-Chef Neumann, der auch im Aufsichtsratspräsidium sitzt beziehungsweise aus jetziger Sicht gesessen sein wird.

Die steigende Unlust der Gumpoldskirchner an ihrer Casag-Beteiligung brachte vielleicht Graf am besten auf den Punkt, als er – bei der Durchsuchung seiner Wohnung auf dem Betriebsgelände – zu den Ermittlern meinte, er mache nur fünf Prozent seines Umsatzes in Österreich, zahle 100 Prozent seiner Steuern und habe dafür "80 Prozent Scheiße hier". Allerdings sei er trotz dieser Sprache kooperativ gewesen, hielten die Ermittler wie berichtet fest. (Renate Graber, Andreas Schnauder, 10.12.2019)