Der Name trügt: Nur ein winziger Teil unseres Heimatplaneten besteht tatsächlich aus fruchtbarer Erde. Es ist eine hauchdünne Hülle aus wenigen Zentimetern, die den Planeten überzieht und unser Überleben sichert, denn mehr als 95 Prozent unserer Lebensmittel sind von fruchtbarer Erde abhängig.

In dieser dünnen Schicht kriecht und krabbelt es – und zwar mächtig. In einem Kubikmeter Erde leben etwa 30 Billionen Bakterien, 100 Milliarden Pilze, eine Million Faden- und 100 bis 400 Regenwürmer. 15 Tonnen wiegen die Lebewesen in einem Hektar gesundem Boden.

Wir treten den Boden mit Füßen

Den findet man aber immer seltener, denn der lebenswichtige Boden wird auch metaphorisch mit Füßen getreten: Einst fruchtbare Erde wurde unsachgemäß bewirtschaftet, mit Giften verseucht, von Rinderherden niedergetrampelt oder mit Straßen und Gebäuden versiegelt. Den letzten Rest tragen Wind und Starkregen davon oder trocknet die Sonne aus.

In den letzten 150 Jahren hat die Welt beinahe die Hälfte des fruchtbaren Bodens verloren. Alle fünf Sekunden verliert die Erde landwirtschaftliche Flächen in der Größe eines Fußballfelds. Geht es weiter wie bisher, könnten bis 2050 90 Prozent der weltweiten Landfläche degradiert sein. Das sind keine Hiobsbotschaften von NGOs oder einzelnen Wissenschaftern. Nein, das ist eine Warnung der Welternährungsorganisation (FAO), einer Teilorganisation der Vereinten Nationen.

Bis zu 90 Prozent der weltweiten Landfläche könnten bis Mitte des Jahrhunderts degradiert sein.
Foto: Reuters/Heino Kalis

Der Boden stirbt leise

Als wären die Klimakrise und das Artensterben nicht genug, haben wir es jetzt also auch noch mit einer Bodenkrise zu tun. Wie auch der Klimawandel passiert das langsam, kaum spürbar. "Wir verlieren den Boden nicht von einem Tag auf den anderen", sagt der Mediziner und Biologe Martin Grassberger. Es sei ein "Leises Sterben", wie der Titel seines kürzlich erschienenen Buches lautet. Nicht nur fruchtbarer Boden, sondern auch der von ihm abhängige Mensch blicke einer ungewissen Zukunft entgegen.

"Darm und Wurzeln haben sehr ähnliche Aufgaben", sagt Grassberger. Beide seien zwecks Oberflächenvergrößerung verästelt und von vielfältigen Bakterien besiedelt, die das jeweilige Mikrobiom in Balance und Pflanzen wie Menschen gesund halten. Ackergifte, Monokulturen und nicht sorgsamer Umgang mit der Natur zerstören diese Vielfalt – sowohl im Boden als auch im Menschen. Während im 20. Jahrhundert die Infektionskrankheiten zurückgingen, sei inzwischen das Jahrhundert der chronischen Krankheiten wie zum Beispiel Diabetes, Alzheimer und Allergien angebrochen.

Grassberger führt das unter anderem auf den Siegeszug der industriellen Landwirtschaft zurück. Sie zerstört mit ihrem aggressiven Pestizideinsatz und Monokulturen nicht nur den Boden, sondern macht auch den Menschen krank. Die Landwirtschaft habe sich in ihrem Fokus auf Effizienz und Ertrag einigen wenigen Pflanzen und Tieren verschrieben. Gesund sei diese kohlenhydratreiche Kost, gepaart mit einem Übermaß an tierischen Produkten fragwürdiger Herkunft, nicht. "Die Böden verarmen und unser körpereigenes Mikrobiom auch", sagt Grassberger.

Es gibt Alternativen

Die industrielle Landwirtschaft als Auslöser der Bodenkrise – machen es sich die Kritiker dabei nicht zu einfach? Schließlich haben technische Fortschritte wie der Mineraldünger den Ertrag erheblich gesteigert – bei Weizen etwa um 400 Prozent. Gleichzeitig ist der Anteil der unterernährten Menschen deutlich gesunken. "Ein Großteil des Hungers ist einer politischen Situation, einer gesellschaftlichen Ungleichheit geschuldet und nicht primär der landwirtschaftlichen Unterproduktion", sagt Grassberger. Auch wenn die industrialisierte Landwirtschaft den Hunger unbestritten verringert hat, sei die aktuelle Produktionsweise langfristig nicht nachhaltig. Und gesund ohnehin nicht.

Die industrielle Landwirtschaft zerstört den Boden, sagt der Biologe Martin Grassberger.
Foto: EPA/Tannen Maury

Was also tun? Grassberger schlägt vor, auf regenerative Landwirtschaft umzustellen, die auf Düngemittel und Pestizide verzichtet, das Bodenleben fördert und gezielt Humus aufbaut. Das fängt dabei an, den Boden nicht mehr zu pflügen. "Das Bodenleben spielt sich in den obersten zehn, zwanzig Zentimetern ab", sagt Grassberger. Dort zu pflügen zerreißt etwa die langen, dünnen Fäden von Pilzen. "Das ist, wie wenn jemand mit dem Bagger durch Ihr Wohnzimmer fährt." Gleichzeitig gelangt durch das Aufwühlen Sauerstoff in tiefere Schichten und CO2 wird frei. Dabei kann gesunder Boden umgekehrt viel Kohlenstoff speichern. Wichtig sei auch die ununterbrochene Bodenbedeckung, etwa durch Direktsaat und Zwischenfrüchte, damit abgeerntete Felder im Sommer nicht austrocknen und neues organisches Material in den Boden kommt.

Das alles ist Arbeit – menschliche Arbeit. "Heute rechnet man mit sieben Stunden pro Hektar, hier wären wir bei 40 bis 50 Stunden", rechnet Grassberger vor. Irgendjemand muss das bezahlen. Der Biologe schlägt vor, die Agrarförderungen zu reformieren – diese zielen nämlich derzeit nicht auf Humusaufbau ab.