Die Gentlemen mit der "stiff upper lip" gehen unter.

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"Was für eine Insel wollen wir sein?", das fragte 1961 der englische Journalist Michael Shanks in The Stagnant Society – ein Titel, der sofort zum Schlagwort mutierte. "Eine Lotusinsel der behaglich-nachsichtigen Art, in den goldenen Schein des imperialen Sonnenuntergangs getaucht, von Missvergnügen abgeschirmt durch einen maroden Wohlfahrtsstaat und die Akzeptanz vornehmer Armut?

Oder die zähe, dynamische Nation, die wir in der Vergangenheit waren, die immer vorwärtsstrebte, neue Welten anstelle der verlorenen zu erobern suchte, die bereit war, größere Schmerzen als den Preis des Wachstums zu akzeptieren?"

Sam Byers, "Schönes neues England". Aus dem Englischen von Clara Drechsler. 24,70 Euro / 512 Seiten. Tropen-Verlag, Berlin 2019

Mehr als 55 Jahre später antwortet darauf der Romancier Sam Byers mit Schönes neues England. Der Originaltitel ist perfider, er lautet Perfidious Albion. Lotusinsel? Behaglich? Vornehme Armut? Oder zäh-dynamisch auf dem Weg zu neuen Welten? Von alledem ist im Roman im ostenglischen Edmundsbury, einer Kommune, in der es brodelt, nichts zu spüren.

Byers, geboren 1979, entwarf 2012 in seinem Debüt Idiopathie ein schrecklich lustiges Zerrbild eines Little Britain voller Neurosen und Tierkrankheiten. Dystopisch geht es jetzt im Zweitling zu. Da gibt es im Post-Brexit-Land mit Green einen die Kommunalverwaltung übernehmenden Tech-Krakenriesen, dessen Angestellte allesamt Microtasker sind, deren digitale Arbeitsfelder so miniaturisiert sind, dass sie nicht einmal die Illusion eines Überblicks haben, woran sie arbeiten.

Totale Transparenz

Dazu die Firma Downton, die Larchwood Mansions, eine alte Wohnbausiedlung, aggressiv verkommen lässt, um die Bewohner zu vergraulen und neu luxuriös bauen zu können. Der gehbehinderte Witwer Darkin haust dort, noch. Dazu Hugo Bennington, ein rechtspopulistischer Kolumnist und fremdenfeindlicher Politiker mit einem widerwärtig windigen Berater an seiner Seite. Dazu aggressive Neonazis.

Ein Bus hält auf dem Marktplatz, schwarzgewandete Figuren springen heraus, nennen sich "Griefers" und drohen mit Erpressung. Sie wollen alle digitalen Fingerabdrücke, Browserverläufe, E-Mails, private Fotos und intime Daten jedes Bewohners von Edmundsbury öffentlich machen. Wenn ihnen nicht ein Sündenbock dargebracht werde, der stellvertretend für alle an den Totale-Transparenz-Pranger gestellt wird.

Das Ganze endet windungs- und verfolgungsreich im Bitterbösen und so dunkelschwarz wie möglich mit Demokratiehack und dem Vorführen grenzenlosen digitalen Dirigats. Ein Buch, so größtmöglich schwarzhumorig wie möglich.

So satirisch wie nötig – in der Figur des getriebenen Antiimmigrationsschwadroneurs und seines dämonisch-zynischen Spindoktors dürfte man viele wiedererkennen. Das ist urkomisch und schauderhaft, wenn es um Beschäftigungsverhältnisse und politökonomische Verstrickungen hinter den Kulissen geht.

Dickens vorlesen

Ali Smith, "Herbst". Übersetzt von Silvia Morawetz. 22,70 Euro / 272 Seiten. Luchterhand, München 2019

Ein im Sterben liegender 101-Jähriger, einst Texter von Songs, davor Schoah-Flüchtling. Die 30-jährige Kunstdozentin Elisabeth, standesgemäß prekär beschäftigt, die ihn regelmäßig besucht und ihm Dickens vorliest – sie und ihre Mutter waren einst seine Nachbarn.

Eine melancholische bis sacht depressive Grundstimmung. Die Entdeckung der englischen Pop-Art-Künstlerin und Aktrice Pauline Boty, die 1966 mit gerade einmal 28 Jahren starb und deren Werk verschollen ging und 30 Jahre nach ihrem Tod zufällig unter Familiengerümpel wieder auftauchte.

Ali Smiths Roman Herbst mutet an wie eine sorgfältig ausgeführte Laubsägearbeit aus einer Romanlernschreibewerkstatt. Da kommt alles vor, was seitens der Verlagslektorate aktuell nachgefragt wird.

Rhetorisch pittoresk aufgedonnerte Naturbeschreibungen und florale Sprachornamentik, psychische Krisenlagen, flotte Dialoge, ratternde Aufzählungen, die das aufwühlend Ratternde soziopolitischer Großwetterlagen wiedergeben sollen, das Widerspiel von Kunst und Leben, Generationen, die aneinanderwachsen, unorthodoxe Liebe, eine Beigabe Verwaltungssatire.

Am Ende bleibt diese Prosa aber, auf der britischen Insel seltsamerweise als Brexit-Roman gehandelt, seltsam unzusammenhängend bis unentschieden irgendwo im Sensibilitätsrauschen verharrend.

Noble Vergangenheit?

J. L. Carr, "Die Lehren des Schuldirektors George Harpole". Aus dem Englischen von Monika Köpfer. 20,60 Euro / 288 Seiten. Dumont-Verlag, Köln 2019

Der Engländer Joseph Lloyd Carr (1912– 1994) arbeitete lange als Lehrer, bis er 1967 seine Stelle als Volksschuldirektor zugunsten des Schreibens aufgab. Auf Ein Monat auf dem Land und den Fußballroman Wie die Steeple Sinderby Wanderers den Pokal holten folgt nun Die Lehren des Schuldirektors George Harpole, im Original 1972 erschienen. Ein Schulroman, der ähnlich wie die Steeple Sinderby Wanderers ... geschätzt zwölf bis 15 Jahre vor seiner Publikation angesiedelt ist. Zurück in eine bessere Vergangenheit also?

Es ist die tragikomische Geschichte von George Harpole, einem Lehrer, der zum Aushilfsdirektor der Tampling St. Nicholas Primary School befördert wird. Carr wählte eine ungewöhnliche Romanform, das offizielle Schulprotokollbuch, durchsetzt von schriftlichen Interventionen übergeordneter Institutionen und Schriftsätzen angeschriebener Personen, etwa des für den Wahlkreis verantwortlichen Unterhausabgeordneten, von Briefen hyperventilierender und ignorant intervenierender Eltern, sich absichernder Ratsherren und mehreren persönlichen Schreiben der Lehrerin Emma Foxberrow, dazu Texte von Harpoles Schülern und hie und da auch Auszüge aus seinem eigenen privaten Tagebuch.

Sanfter Untergang

Es ist die Geschichte eines sanften Untergangs. Denn Harpole will, hochfliegend gesinnt, alte Zöpfe abschneiden – und scheitert. Jedes Mal läuft er gegen Mauern, die entweder die Schulkommission, die Elternschaft oder der Hausmeister, der über einen guten Draht zur Gewerkschaft verfügt, hochziehen.

Alles, inklusive zarter romantischer Bande zu Foxberrow, der Einzigen in der Lehrerschaft, die ihn unterstützt, läuft auf ein furioses Finale zu, das in einer überschäumenden Anklage des Harpoleschen Direktorenjahres mündet – und dann völlig überraschend kippt. Denn plötzlich wird er gelobt für seine Initiativen. Ihm wird die Rektorenstelle dauerhaft angetragen. Doch er hat seine Zukunft zwölf Monate lang betrachten können und schlägt aus.

Stattdessen brechen er und Emma, britisch pragmatisch ein unromantisches Paar, auf und unterrichten angehende Missionare. Schließlich werden sie auf einem aufgelassenen Stützpunkt der Royal Air Force in Westafrika stationiert und verschwinden langsam im Dschungel. Dafür tauchen nun Episteln aus dem 18. Jahrhundert wieder auf, die Englischsein als Moraldragees präsentieren.

Katalog des normativen Habitus

Philip Dormer Stanhope, 4th Earl of Chesterfield, "Über die Kunst, ein Gentleman zu sein. Briefe an seinen Sohn". Hrsg. von Horst Lauinger. Aus dem Englischen von Gisbert Haefs. 24,70 Euro / 320 Seiten. Manesse, München 2019

Das Grundkuriosum der Anleitungs- und Erziehungsbriefe Philip Dormer Stanhopes, 4th Earl of Chesterfield (1694–1773), ein erfolgreicher, weltgewandter Gentleman zu werden, war: dass er im konkreten Fall des Empfängers, seines Sohnes, scheiterte, ganz der Beobachtung von Stanhopes Zeitgenossen Georg Christoph Lichtenbergs entsprechend: "Wenn ein Buch und ein Kopf zusammenstoßen, und es klingt hohl, ist das allemal im Buch?"

Es war ein Katalog des normativen Habitus, den Stanhope, mit Mitte 20 ein angesehener Schriftsteller, mit 30 ein scharfer Rhetoriker im Londoner Oberhaus, in den 1740er-Jahren ein erfolgreicher Rankünenspinner wider den Premierminister, in Briefe goss. Den ersten schickte er 1739 an seinen Sohn, als dieser fünf Jahre jung war, den letzten in dessen Todesjahr 29 Jahre später.

Der erste kleine Fleck auf der Weste des angehenden Gentlemans Philip jr.: Er war unehelich geboren. 1754 kaufte ihm der Vater zur Volljährigkeit einen Wahlkreis. Doch gegen die Berufung auf einen Botschafterposten legte der englische König sein Veto ein, ob des illegitimen Status.

Auf diplomatische Stellen wartete Sohn Philip ausdauernd vergeblich und starb 1768 im südostfranzösischen Avignon an der Schwindsucht. Der Earl of Chesterfield überlebte ihn um fünf Jahre. Zwei Jahre nach seinem Ableben erschienen seine Briefe in Buchform. Die Schwiegertochter verstieß damit gegen den testamentarischen Willen des Earls.

Nobler Gentleman?

Der Verleger zahlte ihr einen exorbitanten Vorschuss – den er in Windeseile wieder eingenommen hatte. Denn die Briefe waren ein Renner. Sie wurden zum Hausbuch der gehobenen Erziehung, wobei es im Grunde um Menschenkenntnis ging.

Einzelne Exzerpte ließen und lassen sich als zeitlose Maxime herausziehen: "Die Kunst, zu gefallen, sollte man unbedingt beherrschen; es ist jedoch ungemein schwierig, sie zu erlangen."

Oder: "Achte darauf, niemals dunkel oder rätselhaft zu wirken; dieser Wesenszug ist nicht nur besonders wenig liebenswürdig, sondern außerdem sehr verdächtig." Es ging um Würde, ein angenehmes Erscheinungsbild und um nobel stoische Umgangsformen. "Wer immer dahinhastet, der zeigt, dass die Sache, um die es geht, für ihn zu groß ist."

Der Gentleman, der dem Earl of Chesterfield vorschwebte, war nicht jene Figur mit Zylinder, höchst urban und distinguiert gewandet, den das 19. Jahrhundert als großbürgerliche Chiffre prägte. Es war vielmehr die kulturanthropologische Distinktion des 18. Jahrhunderts der oberen dreitausend. So liest sich einiges heute antiquiert.

200 Jahre nach Stanhope, im Jahr 1963, schrieb Arthur Koestler, der auf Deutsch und Englisch schreibende Intellektuelle und Romancier, im Sammelband Suicide of a Nation? über den Engländer, den er als Typus, damals seit 23 Jahren auf der royalen Insel lebend, eingehend hatte studieren können: "In Zeiten der Not zeigt er sich der Lage großartig gewachsen. Zwischen Notsituationen steckt er seinen Kopf in den Sand in der stillen Überzeugung, dass Realität ein schmutziges, von Ausländern erfundenes Wort ist."(Alexander Kluy, 14.12.2019)