Ob Rudolf Diesel (1858–1913) solche Auswirkungen auf dem Radar hatte? Die Britische Admiralität jedenfalls hatte schon früh das militärische Potenzial seiner bahnbrechenden Erfindung erkannt und begann noch vor dem Weltkrieg, dem Ersten, mit der Umrüstung ihrer die Wellen regierenden Flotte von walisischer Kohle auf Dieselsprit. Die verräterischen horizontübersteigenden Rauchwolken waren Geschichte, man konnte bequem die rauchenden Schiffsschornsteine der Gegner ausmachen, wenn die noch gar nicht ahnten, dass man schon ganz nah ran war, klar zum Gefecht. Natürlich musste man sich dazu der Erdölquellen am Persischen Golf versichern, die Bagdad-Bahn durchs Osmanische Reich wurde flugs zum Casus Belli, die Folgen sind allgemein bekannt.

Rußgeschwärzte Häuser, dicke Luft

Der andere Punkt war der des Wirkungsgrades. Im Vergleich zur Dampfmaschine war der Selbstzünder eine Revolution, und damit zurück zu dessen Erfinder und dem Nebelflackern idealistischer Grundüberlegungen, die ein Echo in heutigen Biosprit-Ansätzen finden. Die Lebenswelt sah damals so aus, dass nicht nur die Fabrikschlote rauchten und grob- und feinstaubigen Dreck herauspusteten, sondern winters auch die Häuser in den Großstädten selbst, wo die Öfen mit Kohle geheizt wurden. Folge: rußgeschwärzte Häuser, dicke Luft.

Rudolf Diesel meldete 1892 in Berlin beim Kaiserlichen Patentamt sein Patent an.
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Auch wenn Rudolf Diesels Überlegung, den Sprit aus den Nutzpflanzen vor Ort zu generieren, halbherzig war und keine Ergebnisse zeitigte, auch wenn er seinen Motor, als er endlich lief, probehalber mit Erdnussöl befeuern ließ, auch wenn der Treibstoff schließlich ein Erdöl-Derivat war: Der ökologische, der Umweltaspekt stand eingangs durchaus im Raum, das macht den Deutschen auch in dem Punkt zum Pionier.

Utopia

"Dass ich den Dieselmotor erfunden habe, ist schön und gut. Aber meine Hauptleistung ist, dass ich die soziale Frage gelöst habe", schrieb er später in realistischer Selbsteinschätzung (Achtung: Ironie!), als er (1903) sein Buch Solidarismus. Natürliche wirtschaftliche Erlösung des Menschen veröffentlichte. Grundgedanke: Im Rahmen einer solidarischen Wirtschaft sollten die Arbeiter Finanzierung, Produktion und Verteilung von Gütern selbst organisieren. Der Ort, wo dergleichen realisiert wird, wurde bekanntlich 1516 vom Engländer Thomas Morus entdeckt, er heißt: Utopia.

Ein riesiger Fortschritt war der Selbstzündermotor dennoch, der bis heute effizienteste Verbrennungsmotor revolutionierte Landwirtschaft, Bau- und Transportwesen, Bahn- und Schiffsverkehr. Der Weg dahin war zäh. Am 27. Februar 1892 reichte Diesel beim Kaiserlichen Patentamt um sein Patent für den Dieselmotor ein, am 23. Februar 1893 wurde es erteilt.

"Rationelle Wärmekraftmaschine"

Von Rudolf bei Krupp entwickelt: der erste funktionierende Dieselmotor, 1897.
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Die Grundidee kam Rudolf der Legende nach während der Schulzeit in der Augsburger Gewerbeschule – angesichts eines im Physikunterricht verwendeten alten Experimentier-, eines Kompressionsfeuerzeugs. Den Burschen faszinierte, dass man Luft in einem Zylinder derart verdichten konnte, dass nicht nur Wärme entstand, sondern mit einem Zündschwamm sogar Feuer erzeugt werden konnte – seine Grundüberlegungen zur "rationellen Wärmekraftmaschine" waren damit in der Welt.

Der Rest ist ein Erfinder-Leidensweg, am 17. Februar 1894 lief der Motor erstmals aus eigener Kraft. Diesel gewann Millionen, verlor sie bei Spekulationen – etwa bei solchen in galizische Ölfelder im Habsburgerreich –, und als 1913 die ersten Diesellok-Versuchsfahrten in Berlin und der Schweiz stattfanden, wurde ein Traum wahr. Die ersten sechs Dieselschiffe liefen schon 1903 bis 1905 vom Stapel, je zwei in Russland und Frankreich, je eins in England (das danach voll loslegte) und der Schweiz.

Zwischen 20 und 25 Millionen Dieselmotoren jährlich

Und heute? Trotz aller Verteufelung: Zwischen 20 und 25 Millionen Dieselmotoren werden jährlich produziert, die Einsatzpalette reicht vom Notstromaggregat über Pkw, Lkw, landwirtschaftliche und Baumaschinen bis zum Containerriesen. Der stärkste (Schiffs-)Diesel der Welt leistet 130.000 PS. Wenn es denn noch stimmt und nicht schon was Stärkeres rumschwimmt. (Andreas Stockinger, 13.12.2019)