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Wer seinen Herzrhythmus fühlen will, legt die Kuppen von Zeige- und Mittelfinger aufs Handgelenk gleich unter dem Daumen, hält inne und kann dort an der Schlagader seinen Herzschlag ertasten. Zwischen 60 und 100 Schläge pro Minute sollte man spüren. In Ruhe. Bei Menschen, die an Vorhofflimmern leiden, kann sich die Schlagzahl auf bis zu 160 erhöhen, der Puls rast, ist unregelmäßig, zudem kommen Symptome wie Schwindel, Schwitzen und Kurzatmigkeit auf, manchmal entsteht auch ein Engegefühl in der Brust.

"Jeder Vierte wird im Lauf seines Lebens Vorhofflimmern entwickeln", sagt Andrea Podczeck-Schweighofer, Kardiologin am Sozialmedizinischen Zentrum Süd in Wien, und meint vor allem Menschen ab dem 65. Lebensjahr. Viele von ihnen werten das ungute Gefühl, das bei Vorhofflimmern entsteht, als Alterserscheinung. Weil es in vielen Fällen nur vorübergehend ist und der Herzmuskel es meist selbst schafft, wieder in den Rhythmus zu kommen, nehmen es viele nicht allzu ernst.

Stau vermeiden

Sollten sie aber, rät Podczeck-Schweighofer, denn durch das Vorhofflimmern erhöht sich das Schlaganfallrisiko massiv. Aufgrund des unregelmäßigen Herzschlags staut sich das Blut in den Vorhöfen und wird nicht mehr vollständig herausgepumpt. Durch den verlangsamten Blutfluss können Blutgerinnsel entstehen, und damit steigt die Schlaganfallgefahr. Und genau dieses Ereignis lässt sich verhindern. Zum einen durch Medikamente, die sogenannten Antiarrhythmika, die allerdings nicht bei allen Patienten wirken, zum anderen durch einen minimalinvasiven Eingriff, die Herzkatheter-Ablation.

Das Herz ist ein Muskel, der lebenslang von elektrischen Impulsen angetrieben wird. Sie entstehen im Sinusknoten. Bei Vorhofflimmern, das haben die Kardiologen erkannt, gehen die Probleme meistens von derselben Stelle im Herzen aus, nämlich von dort, wo die Lungenvenen in den linken Herzvorhof münden. Bei einer Katheterablation wird genau diese Stellen verödet. Wie das geht? Die Kardiologen können über die Leistenvenen direkt ins Herz vordringen. Auf einem Bildschirm sehen sie das schlagende Herz und damit auch die Geräte, die sie über die Leistenvenen in den Körper geschoben haben. Patienten und Patientinnen spüren davon so gut wie nichts.

Störregion veröden

Haben die Chirurgen den linken Vorhof erreicht, bahnen sie sich den Weg zur Mündung der Lungenvenen und veröden diese Stelle mit Radiofrequenzenergie oder Kälte. "Kryo-Ballon" heißt dieses Instrument, weil es wie eine Kugel aussieht und mit Kühlmittel gefüllt ist. Dann wird überprüft, ob der Eingriff gewirkt hat, und spätestens nach zwei Stunden ist die Prozedur vorüber – Problemherd beseitigt, das Herz funktioniert wieder, Medikamente nicht notwendig. Nicht einmal die Komplikationsrate ist bei diesem Eingriff hoch: Sie beträgt zwischen 0,2 und sechs Prozent.

Das Problem daran: Die wenigsten wissen, dass sie Vorhofflimmern haben, die Dunkelziffer beläuft sich auf 120.000 bis 200.000 Betroffene. Und wenn eine Diagnose besteht, wird nur weniger als einem Prozent die Katheter ablation angeboten, obwohl sie für 48 Prozent eine ideale Behandlungsform wäre. "Damit ist Österreich in Westeuropa eindeutig das Schlusslicht", sagt Helmut Pürerfellner, Leiter des Departments für Rhythmologie am Ordensklinikum der Elisabethinen in Linz. Um statistisch aufzuschließen, müssten nicht wie jetzt 1300, sondern 10.000 derartige Eingriffe im Jahr erfolgen. Österreichweit gibt es 19 Zentren, die darauf spezialisiert sind. Die Experten nehmen an, dass sich die Auslastung dieser Units stark erhöhen wird. Denn Vorhofflimmern ist eine Erkrankung des Alters. Und weil es immer mehr alte Menschen gibt, wird der Bedarf automatisch steigen.

Patienten sollten fragen

Katheterablationen tragen dazu bei, Schlaganfälle zu verhindern, und sind deshalb gesamtheitlich betrachtet auch eine finanziell sinnvolle Maßnahme. "Die Therapie von Vorhofflimmern mittels Katheterablation ist ein weißer Fleck im Gesundheitssystem", sagt der niederösterreichische Patientenanwalt Gerald Bachinger und spricht von Fehlversorgung. Er rät betroffenen Patienten dazu, aktiv bei behandelnden Ärzten nachzufragen oder sich in spezialisierte Zentren überweisen zu lassen. Bachinger kennt auch die größte Hürde bei Vorhofflimmern: Es ist schwer, den richtigen Zeitpunkt zu erwischen, sodass das EKG es auch tatsächlich anzeigt. Vorhofflimmern vergeht ja wieder.

Durchschnittlich dauert es vier bis fünf Jahre, bis tatsächlich eine Diagnose erstellt wird. Schneller könnte das übrigens durch eine Apple Watch am Handgelenk gemacht werden, denn auch sie misst den Puls und zeichnet ihn auf. Diese Form der Selbstdiagnose könnte also eine Art Zukunftsmodell werden. (Karin Pollack, 14.12.2019)