Die Simpsons werden 30 Jahre alt. 671 Folgen lang begeistern sie schon ihre Fans. Es ist die am längsten laufende und erfolgreichste Serie des US-amerikanischen Fernsehens.

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Der Dankbarkeit geht es in der Populärkultur wie in der Politik. Es gibt sie nicht. Denken wir nur an Bono Vox von U2. Der ist gar in beiden Kategorien ein Opfer. Seit Jahrzehnten rettet er singend die Welt. Und was kassiert er dafür außer steuerschonend geparkten Millionen? Bloß Häme.

Ähnlich ergeht es Homer Simpson von den Simpsons. Der kann im Vergleich zu Bono sogar richtig toll singen und erfreut ebenfalls eine globale Fangemeinde. Und zwar seit 30 Jahren. Am 17. Dezember 1989 wurde die erste Folge der US-amerikanischen Comicserie ausgestrahlt, auf Deutsch trug sie zwei Jahre später den Titel Es weihnachtet schwer. Seit damals frohlocken kleine und große Kinder angesichts der gelben Familie. Doch eine ausgemachte Sache war das nicht.

Der Gagautor Mike Reiss erinnert sich in seinem im Heyne-Verlag gerade erschienenen Buch Springfield Confidential, dass alle Beteiligten am Anfang davon ausgingen, dass der Spaß spätestens nach sechs Wochen wieder vorbei sein würde. "Keine Sorge, eure Karriere wird darunter nicht leiden, kein Mensch wird sich das ansehen", hieß es damals zweckpessimistisch.

Wiederkehrende Gerüchte

671 Folgen später kann man sagen, hier hat sich jemand unterschätzt. Mit 31 Staffeln über die chaotische Working-Class-Familie in der fiktiven Kleinstadt Springfield ist sie die mit großem Abstand längstlaufende Serie des US-amerikanischen Fernsehens. Trotzdem wird seit Jahren Beschwerde geführt, dass die Simp-sons nicht mehr das seien, was sie einmal waren. Das stimmt insofern, als sie heute besser gezeichnet sind als zu Beginn.

Der Humor ist seinen Sujets geschuldet. Er nimmt Politik, Gesellschaft, Popkultur und den Menschen in all seiner Imperfektion auf die Schaufel. Dass man da in 30 Jahren öfter einmal an derselben Stelle vorbeikommt, ist klar. Homer sitzt ja auch nicht nur einmal in Moes Taverne. Und klar gibt es Witze, die lustiger sind als andere. Aber wir waren bei der Dankbarkeit. Die gibt es nicht. Auch zum jetzigen Jubiläum der von Matt Groening erdachten Serie tauchten Gerüchte über eine Absetzung auf.

Heuer streute sie Danny Elfman. Der Komponist des Titellieds wollte vom nahen Ende der Serie erfahren haben. Das Empire Groening schlug zurück: Stimmt alles nicht, hieß es. Sehr zum Leid vieler eingefleischter Feinde. Zu jenen zählen die Betreiber der Seite Dead Homer Society.

Leidensfähigkeit

Für ihre Anhänger endet die Genialität der Simpsons ungefähr bei der neunten Staffel. Ihre Leidensfähigkeit muss beträchtlich sein. Anders ist es nicht vorstellbar, dass sich diese Menschen seit 21 Jahren wöchentlich neue Simpsons-Folgen anschauen, um sich ihre Ablehnung bestätigen zu lassen. Schlecht für sie, gut für die Simpsons. Schließlich bewahrheitet sich damit die alte Medienweisheit "Wer schimpft, kauft".

Die Simpsons sind nach Ansicht der Dead Homer Society Zombies, lebende Tote, und gehörten endlich erlöst. Ein kurzer Faktencheck anhand aktueller Folgen lässt diese Forderung lächerlich erscheinen. Die Simpsons haben noch an den schlechtesten Tagen mehr Witz als die meisten vergleichbaren Serien, wobei die Simpsons natürlich unvergleichlich sind. Die einzige Konkurrenz haben sie sich mit Futurama von 1999 bis 2003 selber gemacht, aber das – und sein popeliges Comeback – ist vergeben und vergessen.

Bis in alle Ewigkeit

Die Einzigartigkeit von Marge, Maggie, Lias, Bart, Homer und Co zeigte sich zuletzt wieder zu Halloween. Zwar brach das jährliche Grusel-Special keine Rekorde, doch thematisch verwandte Formate wie die Zombie-Telenovela The Walking Dead kamen den Simpsons nicht einmal nahe. "Ha ha", um es mit der Springfielder Rotznase Nelson Muntz zu sagen.

Nach 30 Jahren spricht also nichts gegen die nächsten 30 Jahre mit mellow yellow Spaß. Nicht einmal der natürliche Abgang von Synchronstimmen oder Zeichnern kann der Serie etwas anhaben. Theoretisch und technisch betrachtet, könnte sie die Menschheit bis an ihr Ende begleiten. Schon wegen der Vier-Finger-Simpsons sollten wir Fünf-Finger-Witzfiguren alles in unserer Macht Stehende versuchen, um dieses Ende so lange wie möglich hinauszuzögern.

Oder wie der alte Lateiner Homer, sagen würde: Ad multos anus. (Karl Fluch, 14.12.2019)