Die Briten waren letztlich ausreichend zermürbt. Sie hatten genug von politischen Ränkespielen. Genug von einer unentschiedenen Situation, die sich immer mehr auch im Alltag niederschlug. Genug von der Unsicherheit der Zukunft. Anders ist es wohl nicht zu erklären, dass eine so eindeutige Mehrheit der Wählerinnen und Wähler dem Ruf von Boris Johnson "Get Brexit done!" folgte.

Der Premier hat hoch gepokert und auch mithilfe der brexitfanatischen Boulevardmedien auf ganzer Linie einen Sieg eingefahren. Und das, obwohl er sich nachgewiesenermaßen schamlos durch den Wahlkampf flunkerte und ungerührt seine schöne neue Post-Brexit-Welt vor sich hertrug, von der alle renommierten Wirtschaftsinstitute und Experten sagen, dass es sie nicht geben wird. Message Control at its best. Diese Tage feiern die Tories ihren Premierminister.

Die Ernüchterung folgt bestimmt – spätestens wenn die Briten in die neue Zeitrechnung im Brexit-Prozess eintreten. Denn sobald Großbritannien mit 31. Jänner kein Mitglied der Europäischen Union mehr ist, beginnen die Übergangsfrist und das Aushandeln der konkreten wirtschaftlichen und politischen Verträge. Hier steckt der Teufel im Detail.

Premier Boris Johnson hat auf ganzer Linie einen Sieg eingefahren.
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Zeit ist nur bis Ende 2020. In einem derart kurzen Zeitraum einen umfangreichen Freihandelsvertrag final abzuschließen ist ein Ding der Unmöglichkeit. Nicht zuletzt, weil solche Verträge von allen nationalen Parlamenten der EU-Mitgliedstaaten genehmigt werden müssen.

Gefährliches Spiel

Eine – bis zu zwei Jahren mögliche – Verlängerung wollen die Tories derzeit nicht. Bleibt das so, gäbe es nur zwei Möglichkeiten: Entweder Boris Johnson akzeptiert einen Freihandelsvertrag zu den Bedingungen der EU inklusive der europäischen Standards – oder eben nicht. Ein harter Brexit ist nach wie vor nicht ausgeschlossen.

Das ist ein gefährliches Spiel für Johnson und seine Partei. Kann und will er einen Zustand verkaufen, in dem Großbritannien weiter ganz nahe an der EU bleibt? Die Hoffnung der Europäer ist, dass Johnson mit seiner neuen bequemen Mehrheit nicht mehr von den eingefleischten Brexiteers in seiner Partei abhängig sein wird. Auch eine Verlängerung der Übergangsfrist für die Verhandlung der Verträge wird dadurch wahrscheinlicher. Es wird sich herausstellen, ob Johnsons harte Brexit-Linie bisher bewusstes Kalkül oder reine Verantwortungslosigkeit war.

Jeremy Corbyn wird all das jedenfalls bequem vor dem Fernseher verfolgen. Sein Traum vom Einzug in die Downing Street ist definitiv ausgeträumt. Labour ist implodiert, Corbyns Rückzug alternativlos. Der linke Oppositionschef hat alles falsch gemacht, sein schlimmster Fehler war aber, sich in einer derart gespaltenen britischen Gesellschaft auf keine Seite geschlagen zu haben. Dabei hatte er abseits des Brexits alle Trümpfe in der Hand gehabt: die schmerzhafte Sparpolitik der Tories, ein marodes Gesundheitssystem, die dringende Wohnungsnot. Der Absturz der Labour-Partei ist beispiellos und wird die britische Parteienlandschaft nachhaltig verändern.

Dass er seinen Sieg vor allem den zahlreichen Labour-Wechselwählern verdankt, die mit zusammengebissenen Zähnen ihr Kreuz bei den Tories gemacht haben, ist Boris Johnson wohl bewusst. Das Land zu einen versprach er vollmundig in seiner Rede am Freitag. Doch noch ist nicht die Zeit dafür. Die Briten haben noch viel Zermürbendes vor sich. (Manuela Honsig-Erlenburg, 13.12.2019)