"Yev Tiroj hreshtaky yerevats' nrants'" ("Da trat der Engel des Herrn zu ihnen"), heißt es auf Armenisch im Weihnachtsevangeliums des Lukas. Diese fremden Worte hörten im Jänner des Jahres 1212 die österreichischen Gesandten, die im Auftrag des Babenberger-Herzogs Leopold VI. an den Hof des Königs der Armenier gereist waren und mit ihm ein acht Tage andauerndes Weihnachtsfest nach orthodoxem Brauch feierten. Doch wie kam es dazu?

Verbündete Armenier

Der Babenberger Leopold VI. (1176–1230) gilt als der erfolgreichste Vertreter seiner Familie. Zu seinen Plänen gehörte unter anderem die Loslösung Österreichs aus dem Bistum Passau. Dazu bedurfte er der Unterstützung des Papstes, den er sich durch besonderen Glaubenseifer gewogen machen wollte. So gelobte der Herzog 1207 die Teilnahme an einem Kreuzzug, schob den Aufbruch zu diesem jedoch erst einmal auf. Am Orient war er aber besonders interessiert, auch aus familiären Gründen. Seine Ehefrau Theodora war eine Prinzessin aus Byzanz.

Szenenwechsel: Im Jahr 1211 empfing der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, Otto IV., Diplomaten eines der wichtigsten Verbündeten der unter Bedrängnis geratenen Kreuzfahrer im Orient, des armenischen Königs Leon I. Er regierte in Kilikien am Mittelmeer in der heutigen Südosttürkei ein im 11. Jahrhundert entstandenes armenisches Reich und war mit den Kreuzrittern früh Allianzen eingegangen.

Blick von der Festung von Sis (heute Kozan in der Türkei), wo die österreichischen Gesandten mit dem armenischen König Leon am 6. Jänner 1212 das Weihnachtsfest feierten.
Foto: wikimedia/Zeynel Cebeci/cc 4.0/https://commons.wikimedia.org/wiki/File:2Walls_View,_Kozan_Castle_02.JPG

Aufbruch in den Orient

Nachdem die Diplomaten Leons am Hof Ottos eingetroffen waren, entbot der Kaiser eine Gesandtschaft in den Osten. Dieser gehörte auch der Hildesheimer Domherr Wilbrand von Oldenburg an, der zum Chronisten der Reise wurde. Und auch einige "ehrbare Männer" des Herzogs Leopold VI. von Österreich gehörten zu dieser Reisegesellschaft. Mit der Entsendung eigener Vertrauter wollte Leopold wohl das Terrain im Orient im Vorfeld eines möglichen Kreuzzuges sondieren. Die Gesandtschaft kam am 25. August 1211 nach mehrwöchiger Seereise in Akkon an und reiste von dort nach Norden. Im Dezember trafen sie in Tarsos König Leon. Die "Gesandten des Herzogs von Österreich" soll der König "ganz besonders ehrenvoll" empfangen haben. An Leons Hof in Sis im Bergland begingen die Gesandten mit dem König in einer feierlichen Prozession am 6. Jänner 1212 das Weihnachtsfest. Die Wahl des armenischen und nicht des katholischen Datums (am 25. Dezember) mag für die österreichischen Besucher nicht allzu ungewohnt gewesen sein, feierte man doch auch im Westen am 6. Jänner das Fest der Epiphanie.

Karte mit jenen Orten (rot markiert), die von der Gesandtschaft aus Österreich 1211/1212 besucht wurden.
Foto: J. Preiser-Kapeller, ÖAW

Episode des Friedens im Krieg

Der Gottesdienst der Armenier hatte sich zwar sowohl sprachlich als auch liturgisch anders als im lateinischen Westen entwickelt. Allerdings sah auch Priester Wilbrand kein Problem darin, gemeinsam mit den Armeniern Weihnachten zu feiern. Diese Feierlichkeiten zogen sich über acht Tage hin und beinhalteten das auch bei anderen Ostkirchen wichtige Fest der Wasserweihe, das an die Taufe Christi im Jordan erinnerte. Dabei wurde Wasser durch ein Kreuz und geweihtes Öl geheiligt. Die Gläubigen nahmen dann dieses Wasser mit nach Hause.

Orthodoxes Weihnachtsfest.
Foto: REUTERS/VALENTYN OGIRENKO

Die Gesandten hielten sich mehrere Wochen am Hof Leons auf, ehe sie im Frühjahr 1212 über Zypern zur See nach Hause zurückkehrten. Im Jahr 1217 brach Herzog Leopold dann tatsächlich zu einem Kreuzzug auf, der aber letztlich militärisch erfolglos blieb. Immerhin wurde er als Herzog "Tōstrič" in einer armenischen Chronik verzeichnet, die erste Erwähnung Österreichs in dieser Sprache. Auch dies war ein Nachhall des gemeinsamen Weihnachtsfestes von 1212, einer friedvollen Episode in der ansonsten blutigen Geschichte der Kreuzzüge. (Johannes Preiser-Kapeller, 20.12.2019)