Gerade erst hat die südpazifische Insel Bougainville mit einem friedlich und nach internationalen Standards durchgeführten Referendum über die Unabhängigkeit von Papua-Neuguinea eine Art demokratische Reifeprüfung abgelegt. 98 Prozent der Einwohner sprachen sich dabei für die Souveränität aus. Der gewaltsame Tod eines Mitarbeiters eines australischen Bergbauunternehmens überschattet nun jedoch den Friedensprozess.

Terry Win Kilya arbeitete als Geologe für das auf Exploration spezialisierte Unternehmen Kalia mit Sitz in Perth. Kalia hatte auf Basis des neuen Bergbaugesetzes Bougainvilles Anfang 2018 Lizenzen zur Exploration von Kupfer- und Goldvorkommen in zwei Gebieten im Norden der Insel erhalten. Das Unternehmen ist in einem Joint Venture mit Toremana Resources, einer Gesellschaft von Landbesitzern, aktiv.

Am vergangenen Freitag wurde Kilya jedoch von unzufriedenen Landbesitzern in Melelup mit Buschmessern und Äxten bedroht und über eine Klippe gestürzt.

Vorwürfe an Unternehmen

Die autonome Regierung Bougainvilles macht nach dem Tod Kilyas dem Unternehmen schwere Vorwürfe. Bougainvilles Präsident John Momis bezeichnete das Verhalten Kalias und Toremanas in einer Stellungnahme als ekelhaft und enttäuschend. Es sei bekannt gewesen, dass es in dem Gebiet des Vorfalls einen "kriminellen Widerstand" gegen Explorationen und Bergbau gebe.

Präsident John Momis – hier zum Beginn des Referendums Ende November – macht Kalia schwere Vorwürfe.
Foto: APA/AFP/KErton

Der Präsident erklärte, für den Tod Kilyas seien kriminelle Banditen verantwortlich, die behaupten, Landbesitzer zu sein. Schon in der jüngeren Vergangenheit habe dieselbe Gruppe in Melelup für Probleme gesorgt. "Es ist unerträglich, dass das Unternehmen darauf bestanden hat, die Explorationsarbeiten während des Referendums fortzusetzen, ohne diesen Prozess gebührend zu berücksichtigen. Das Unternehmen hat es in jämmerlicher Weise versäumt, seine sozialen Aufgaben wahrzunehmen und seiner sozialen Verantwortung als Vertragspartner der autonomen Regierung Bougainvilles nachzukommen", sagte Momis.

Lizenzen suspendiert

Die Lizenzen Kalias wurden bis auf weiteres suspendiert. Kalia hatte nach dem Vorfall zunächst bekanntgegeben, Kilya sei abgestürzt.

Kilya sei nach Bougainville gekommen, um seine Expertise mit den Menschen zu teilen, es sei inakzeptabel, auf diese Weise sein Leben zu verlieren. "Die Menschen in Bougainville bedauern diesen Vorfall wirklich sehr", erklärte Momis. Er forderte Kalia und Toremana zu einer Erklärung auf, "warum ein so vermeidbarer Zwischenfall überhaupt zugelassen wurde".

Kalia wurde vom Handel ausgesetzt und kündigte eine Stellungnahme zu dem Vorfall und der Suspendierung der Lizenzen an. Vorsitzender Kalias ist der ehemalige australische Verteidigungsminister und Abgeordnete David Johnston.

David Johnston ist Vorsitzender von Kalia.
Foto: REUTERS/Jason Reed

Der ermordete Kilya stammte aus der Provinz Enga auf der Insel Neuguinea. Die autonome Regierung Bougainvilles sagte der Familie des getöteten Geologen als "Bel Kol" – eine den melanesischen Traditionen folgende Entschädigung – 100.000 papua-neuguineische Kina (rund 25.700 Euro) an Unterstützung zu.

Konflikt um Bodenschätze

Für Bougainville bedeutet der Tod Kilyas einen herben Rückschlag. Der Vorfall birgt die Gefahr eines neuen Ausbruchs der Gewalt. Das nicht bindende Unabhängigkeitsreferendum wurde im Rahmen eines langfristigen Friedensabkommens umgesetzt, um einen Schlusspunkt unter einen zehn Jahre dauernden blutigen Konflikt um die Bodenschätze der Insel zu setzen. Zwischen 1988 und 1998 starben dabei bis zu 20.000 Menschen – rund zehn Prozent der Einwohner Bougainvilles. Tausende weitere wurden vertrieben.

Auslöser war ein Aufstand von Landbesitzern gegen die Kupfermine von Panguna im Zentrum der Insel. Ein zum australisch-britischen Rio-Tinto-Konzern gehörendes Unternehmen hatte hier eine der größten Kupferlagerstätten der Welt ausgebeutet. Während der Abbau massive Umweltschäden verursachte, blieben die Gewinne zum überwiegenden Teil nicht in Bougainville. Seit Beginn des Konflikts steht Panguna still. Um die Unabhängigkeit finanzieren zu können, ist Bougainville jedoch auf Einnahmen aus dem Bergbau angewiesen. In Panguna lagern Kupfer- und Goldvorräte im Wert von dutzenden Milliarden Euro. Australische, aber auch chinesische Konzerne scharren schon in den Startlöchern, um nach einer möglichen Unabhängigkeit Bougainvilles die lukrativen Lizenzen zu ergattern.

Kalias technischer Direktor Peter Batten im Vorjahr über das Bougainville-Projekt seines Unternehmens.
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Nach der überwältigenden Mehrheit für eine Unabhängigkeit stattete am vergangenen Freitag Papua-Neuguineas Ministerpräsident James Marape Bougainville einen Besuch ab und traf auf Momis und andere Politiker.

Beim Abschluss des Friedensabkommens im Jahr 2001 sei er noch nicht einmal Politiker gewesen, sondern nur Beobachter, sagte Marape. Sieben Regierungschefs seien seither als seine Vorgänger im Amt gewesen, nun sei er hier, um dem Friedensabkommen die Ehre zu erweisen. Das Referendum sei vertragsgemäß nicht bindend, nun müsse das Parlament Papua-Neuguineas entscheiden. Man werde in der Folge in einen Dialog eintreten, kündigte Marape an, auf den Ebenen der Regierungen, der Menschen und der Beamten.

James Marape plädierte für die nationale Einheit Papua-Neuguineas.
Foto: APA/AFP/GORETHY KENNETH

"Wir müssen eine Win-win-Lösung finden, einen Punkt, in dem Bougainvilles Wunsch nach Selbstverwaltung nicht beeinträchtigt und der Wunsch von PNG nach nationaler Einheit begrüßt wird", sagte Marape: "Nur weil vergangene Regierungen versagt haben, müssen wir nicht auch in der Zukunft versagen." Die Mine in Panguna habe dem Land in den letzten 44 Jahren 14 Jahre gedient und werde ihm auch in Zukunft dienen. Auch Investitionen Papua-Neuguineas in Bougainville versprach der Regierungschef.

Am Tag zuvor hatte die Kommission für das Bougainville-Referendum unter der Führung von Irlands ehemaligem Premier Bertie Ahern die Beurkundung des Referendums an Papua-Neuguineas Generalgouverneur für Bougainville, Job Pomat, in der Hauptstadt Port Moresby übergeben. Ahern hatte im Jahr 1998 das Karfreitagsabkommen mitverhandelt, mit dem der Nordirlandkonflikt nach Jahrzehnten des Bürgerkrieges beigelegt werden konnte.

Ahern gab den Einwohnern Bougainvilles und Papua-Neuguineas eine Abschiedsbotschaft mit auf den Weg: "Ich werde hier an mein eigenes Land und den Konflikt erinnert, der es dreißig Jahre lang im Griff gehalten hat. An dem Tag, als ich gemeinsam mit dem damaligen britischen Premierminister Tony Blair das Karfreitagsabkommen unterzeichnete, sagte ich: 'Heute ist ein Tag, den wir schätzen sollten, ein Tag, an dem Einigung und Verständnis den Platz von Unterschieden und Spaltung einnehmen. Heute ist das Versprechen für eine glänzende Zukunft, ein Tag, an dem wir hoffen können, dass ein Schlussstrich unter die blutigen Konflikte der Vergangenheit gezogen werden kann'", sagte Ahern in Port Moresby. Papua-Neuguineern und Bougainvillern richtete er aus: "Ihre besten Tage liegen vor Ihnen." (Michael Vosatka, 17.12.2019)