Billie Eilish, Tyler, the Creator, Kirill Petrenko und Kate Tempest überzeugten die Musikredaktion.

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Amira Ben Saoud

ALBUM: Tyler, the Creator – Igor

Die musikalische Vision hat bei Tyler, the Creator nie gefehlt. Jedes seiner früheren Alben hatte phänomenale Momente. Igor verdichtet nun alles, was man an Tyler immer liebte: ehrliche Gefühle, ironische Distanz, irrwitzige musikalische Ideen. Ein fantastisches Konzeptalbum, das zeigt, was Hip-Hop alles bedeuten kann.
Tyler, The Creator

SONG: Toro y Moi – Freelance

Erschien strenggenommen 2018, tauchte dann aber 2019 auf dem Album Outer Peace auf – soll also gelten. Freelance ist fast schon krankhaft eingängig, ein bisschen plemplem und doch gewieft. Auf einem Beat vom Typ Rollschuhdisco imaginiert Toro y Moi die Person, die auf ihn steht, als Freelancer. Unterbezahlte Liebesmüh wird zum Hit.
Toro y Moi

NEWCOMER: Nilüfer Yanya – Miss Universe

In Nilüfer Yanyas Musik wird die sanfte Brise zum Tornado, Fragilität und Härte gehen Hand in Hand. Die junge Britin macht ihren Indierock mittels ihrer faszinierend sehnsuchtsvollen Stimme zum Unikat. Ein rohes und wahrhaftiges Debüt einer alten Seele zwischen cooler Abgeklärtheit und aufgewühlter Emotion.
NiluferYanyaVEVO

ÜBERRASCHUNG: Slowthai – Nothing Great About Britain

Dass der britische Punkrapper Slowthai etwas kann, wusste man auch vor seinem Debütalbum Nothing Great About Britain. Dass er damit aber eines der relevantesten, politischsten und gleichzeitig musikalisch spannendsten Alben des Jahres vorlegen würde, war doch überraschend. Musik gewordene Dringlichkeit.
slowthaiVEVO

Karl Fluch

ALBUM: Brittany Howard – Jaime

Die Sängerin der Alabama Shakes offenbart auf ihrem Soloalbum Jaime ihre ramponierte Autobiografie. Sozialpolitische Attitüde trifft auf familiäre Tragödien und kleine Freuden. Howard übersetzt das in berührende, zerfahrene und dabei immer beseelte Songs. Noch im tiefsten Jammertal geht da die Sonne auf.
BrittanyHowardVEVO

SONG: Aldous Harding – Freelance

Die Neuseeländerin Aldous Harding ist eine der rätselhaftesten Erscheinungen im aktuellen Popjahr. Der Lockenkopf gibt verstörend schlaue Interviews und hat auf seinem Album Designer mit The Barrell das hübscheste Kleinod des Jahres abgeliefert. Und das stimmigste Video gleich dazu. Seufz und schmacht.
4AD

NEWCOMER: Billie Eilish – When We All Fall Asleep, Where Do We Go?

Endlich wieder ein massentauglicher Freak! Billie Eilish, gerade 18 geworden, ist der Popstar des Jahres. Ihr Debüt strotzt vor Neurosen und altersbedingten Launen, die sich in einer abenteuerlichen Popmusik und waidwunden Balladen entladen. Ein promiskuitiver Tanz über Sadismus, Tod und Außenseitertum.
BillieEilishVEVO

ÜBERRASCHUNG: Kim Gordon – No Home Record

Nach fast 40 Jahren im Geschäft veröffentlichte Kim Gordon (Ex-Sonic-Youth) ihr Debütalbum unter eigenem Namen. No Home Record ist ein sperriger Bastard, wüst und gefühlvoll, überästhetisiert und fahrig zugleich. Wer mit 66 einen Song wie Murdered Out raushaut, erweist sich als aller Anbetung würdig.
Matador Records

Ronald Pohl

ALBUM: Kate Tempest – The Book of Traps and Lessons

Großbritanniens großartigste Spoken-Word-Artistin hat sich ausgerechnt vom Produzentenzausel Rick Rubin einen betörenden Klangteppich legen lassen. Über ihn stürmt Kate Tempest dahin wie eine Sappho der Industriestädte. Sie hat nicht nur Englands Pferde schon kotzen gesehen. Tempest riskiert sogar Liebeslyrik.
Kate Tempest

SONG: The Specials – The Lunatics

"The Lunatics have Taken Over the Asylum", singen die Ska-Veteranen The Specials – wohl weil sie den Braten rochen und sich für ihr Comeback ausgerechnet 2019 ausgesucht haben: Mad Boris will den Brexit endlich vollzogen sehen, die Welt tanzt nach der Pfeife eines verhaltensoriginellen US-Präsidenten. Im Original von den Fun Boy Three.
The Specials - Topic

NEWCOMER: Lucas Debargue – Scarlatti, 52 Sonaten

Dieser junge Pianist hat gelernt, in Tingeltangelclubs mit Jazzimprovisationen zu brillieren. Wettbewerbsjuroren stößt er verlässlich vor den Kopf. Lucas Debargue besitzt einen einzigartigen Anschlag, mit dessen Hilfe er den exzentrischen Sonaten Domenico Scarlattis unerhörte Nuancen entlockt. Das swingt und tänzelt.
LucasDebargueVEVO

ÜBERRASCHUNG: Graewe Koglmann – West of the Moon

Zwei eigenwillige Köpfe des deutschsprachigen "Third Stream" meditieren gemeinsam über die Essenz des Westcoast-Jazz – du sollst ihn gefrierkalt genießen! Die Flugbahnen von Pianist Georg Graewe (Ruhrpott) und Flügelhornist Franz Koglmann (Wien) berühren einander momentlang. Die Zeit gerät ins Stocken.
Georg Graewe - Topic

Christian Schachinger

ALBUM: Moor Mother – Analog Fluids Of Sonic Black Holes

Dystopischer Afrofuturismus. Bei diesem unwirschen Laptop-Gepolter greift König Tinnitus beherzt in die Steckdose. Mit dem Zorn der Gerechten werden von der US-Künstlerin die apokalyptischen Reiter herbeigerufen. Stampfende Beats, alte Blues-Samples, die an die Nieren gehen. USA today.
Don Giovanni Records

SONG: Gewalt – Deutsch

Das Land geht unter, und die Zeiten sind schlecht. Sie waren nie gut. Patrick Wagner und sein Berliner Krawalltrio liefern den Song zur Lage. Kunst mit der Keule: "Gott bewahre, deine fetten Jahre/ Deine Angst, deine Missgunst und deinen Neid/ Deine enge Strenge. Und nicht zuletzt deine Hässlichkeit. D-D-D-Deutsch!"
GewaltBand

NEWCOMER: Spelling – Mazy Fly

Billie Eilish ist natürlich der Newcomer des Jahres. Wer es aber gern noch verstrahlter hat, wird mit Spelling alias Chrystia Cabral und ihrem verhatschten Heimwerkerpop zwischen Cosmic Disco und R ’n’ B bestens bedient. Eine Alleinunterhalterin für Butterfahrten an den Rand des Universums. Anspieltipp: Under the Sun.
Sacred Bones Records

ÜBERRASCHUNG: Kate Tempest – The Book of Traps and Lessons

...der wortgewaltigen Spoken-Word-Performerin beschreibt Großbritannien als verzweifeltes Land am Rande des Brexits und der Auflösung der Zivilgesellschaft. Zu minimalistischer Begleitmusik, weitgehend ohne Beats gehalten, gibt es am Ende doch Hoffnung: Der Gospel People’s Faces ist zum Heulen schön.
KatetempestVEVO

Ljubiša Tošić

ALBUM: Kirill Petrenko – 6. Tschaikowsky

Durchdachte Emotion, Wucht und die Virtuosität der Berliner Philharmoniker: Was der neue Chefdirigent Kirill Petrenko bei Tschaikowskys 6. Symphonie zeigt, verspricht für die nun beginnende Ära ein eindrucksvolles Abtauchen in das romantische Repertoire. Intensität hat Feinheit, Zartheit birgt Innenspannung.
Berliner Philharmoniker

SONG: Keith Jarrett – Over the Rainbow

Keith Jarretts epische Solokonzerte brauchen oft eine gewisse Anlaufzeit, um über Riffs-Akkorde-Umwege zum magischen Moment zu gelangen. Geht es jedoch Richtung gute alte Standards, wird der Übersensible sofort zum pointierten Poeten der Lieder ohne Worte. So auch auf Munich 2016 mit dem Klassiker Over the Rainbow.
Music Video Vault

NEWCOMER: The Comet Is Coming – Trust in the Lifeforce of the Deep Mystery

Das Trio The Comet Is Coming ist Teil der wieder munteren britischen Szene: Auf Trust in the Lifeforce of the Deep Mystery zeigt es, dass keine Stiltabus existieren. Saxofonist Shabaka Hutchings langt improvisatorisch herzhaft zu, während es um ihn herum popelektronisch groovt. Der Zeitgeist tanzt hier mit der Tradition.
Huzia na Józia

ÜBERRASCHUNG: Jimmy Giuffre 3 – Graz live 1961

Erstaunlich, was an Jazzhistorie noch immer geborgen wird: Das Jimmy Giuffre 3 gab in Graz 1961 ein fulminantes Konzert, das im ORF-Archiv schlummerte und nun bei Hat Hut erschien. Kühle Freitonalität eines Klarinettisten, der mit Pianist Paul Bley und Bassist Steve Swallow auch überraschend expressiv zulangt.
comilfo

(abs, flu, poh, schach, toš, 18.12.19)