Ein Hügel, ein Hafen und dazwischen die Habsburger: Der Weg von der Burg zur Adria führt vorbei an K.-u.-k-Architektur.

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Dass Hafen und Hochkultur so nahe beieinanderliegen, gehört zu den Besonderheiten Rijekas.

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Titos Yacht Galeb: Bis das Schiff restauriert ist, wird das für Rijeka so bedeutende Jahr 2020 vermutlich längst um sein.

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Zwischen Uhrturm und Museum erstreckt sich die Altstadt mit ihren zum Teil pittoresken Häusern, einigen antik-römischen Ruinen sowie zahlreichen Pubs und Bars. Von hier aus sind es nur einige Gehminuten in Richtung der Burg Trsat.

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Das prächtige, vom Wiener Architektenbüro Helmer und Fellner geplante und im Jahr 1885 eröffnete Kroatische Nationaltheater. Aus Wien stammen auch die Deckengemälde im Theatersaal, die von Franz Matsch, Gustav Klimt und dessen Bruder Ernst geschaffen wurden.

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Eigentlich sollte das legendäre Schiff längst restauriert sein. Doch zu Beginn von Rijekas Jahr als Kulturhauptstadt Europas liegt es immer noch scheinbar vergessen im Hafen der Stadt und rostet vor sich hin. Ein wenig wie ein Symbol für die bewegte Geschichte eines Landes, das es nicht mehr gibt – und dessen einstige Bürger sich darüber uneinig sind, wie mit der Vergangenheit umzugehen ist.

Die Galeb (Möwe) war einst die Repräsentations-Yacht des jugoslawischen Machthabers Tito. Auf ihr empfing der Marschall Staatsoberhäupter, mit ihr warb er während des Kalten Krieges für seine Politik der Blockfreiheit, zu deren Symbol das Schiff bald wurde.

Erinnerung an Jugoslawien

Dass die Restaurierung dieses Stücks Weltgeschichte so stark in Verzug geraten ist, wird von offizieller Seite mit den hohen Kosten erklärt, die für seinen Umbau zu einem Museum mit angeschlossenem Restaurant anfallen. Inoffiziell ist es aber kein Geheimnis, dass das Schiff die Kroaten in zwei Lager teilt – nämlich in jene, die seine Restaurierung und Bewahrung als Monument begrüßen, und solche, die es am liebsten versenken würden.

Mit dem Halbwrack soll am besten gleich die Erinnerung an eine Zeit untergehen, als Kroatien noch nicht unabhängig, sondern Teil des jugoslawischen Vielvölkerstaats war. Bis der Zwist beigelegt und das Schiff restauriert ist, wird das für Rijeka so bedeutende Jahr 2020 vermutlich längst um sein.

Dass die drittgrößte Stadt Kroatiens den Titel der Kulturhauptstadt erhalten konnte, liegt – und das sei ganz ehrlich gesagt – wohl kaum an ihrer Schönheit. Die erschließt sich einem nämlich allerfrühestens auf den zweiten Blick. Viel mehr waren es die zahlreichen Projekte in Sachen Ausbau der Infrastruktur und des kulturellen Angebots, denen man den Zuschlag verdankte. Und so wird in der industriell geprägten Hafenstadt seit einigen Jahren und bis heute allerorts gearbeitet, verbessert, verschönert, um sich den erwarteten vier Millionen Touristen im Jahr 2020 in neuem Glanz zu präsentieren.

Multikultureller Hafen

Was die Besucher an der Galeb, abgesehen von deren Zustand, sonst noch zu erstaunen vermag, ist die unmittelbare Nähe ihres Liegeplatzes zum Zentrum der multikulturellen Stadt, die italienisch Fiume heißt und auf Deutsch einst Sankt Veit am Flaum beziehungsweise auf Ungarisch Szentvit genannt wurde. So sind es gerade einmal ein paar Schritte vom Hafendock und den dazugehörigen Lagerhäusern bis zum prächtigen, vom Wiener Architektenbüro Helmer und Fellner geplanten und im Jahr 1885 eröffneten Kroatischen Nationaltheater. Aus Wien stammen auch die Deckengemälde im Theatersaal, die von Franz Matsch, Gustav Klimt und dessen Bruder Ernst geschaffen wurden.

Dass Hafen und Hochkultur so nahe beieinanderliegen, ist nur ein Beispiel für die vermutlich größte Besonderheit Rijekas. In wohl kaum einer Stadt Europas sind Hafengelände und Stadt bis heute so eng verwoben wie hier. Was unter anderem der immer wieder laut trötend mitten durchs Stadtgebiet ziehende und häufig endlos wirkende Frachtenzug belegt, der den Theaterbau im Stil des Historismus nahezu streift.

Ein weiteres Beispiel dafür ist der sogenannte Molo Longo, ein langgezogenes Dock, das parallel zum Stadtzentrum verläuft und einen einzigartigen Blick auf Gründerzeithäuser und Hafeneinrichtungen bietet. Unter den Bewohnern Rijekas gilt der Molo Longo neben der Einkaufsstraße Korzo als beliebtestes Ziel für Spaziergänge, die dann auch unter einem Lastenkran durchführen.

Pavillons für Fische

Von hier und vom Theater sind es nur wenige Schritte bis zum prachtvollen Markt. Er setzt sich aus drei hübschen Pavillons aus der Zeit der Jahrhundertwende zusammen, von denen jener, der dem Fisch gewidmet ist, wohl der sehenswerteste ist. Rund um den Markt gibt es naturgemäß einige Tavernen wie die urige Konoba Fiume (siehe "Rijeka kompakt" im Infokasten unten), die frischen Fisch und Meeresfrüchte wie etwa panierte Sardellen, cremigen Stockfischaufstrich oder die berühmten Scampi aus der nahen Kvarner-Bucht anbieten.

Dreht man dem Meer den Rücken zu, sind es ein paar Schritte stadteinwärts bis zu besagter Einkaufsstraße Korzo, deren schillerndste und glamouröseste Boutique ausgerechnet der neue Store der Billigkette Zara ist. In der Fußgängerzone steht auch der barocke Uhrturm mit dem Stadtwappen, einem doppelköpfigen Adler. Anders als der Doppeladler der Habsburger blickt dieser mit beiden Köpfen in eine Richtung – ein Unterschied, der einem der italienischen Freischärler, die 1919 die Stadt besetzten, wohl völlig entgangen war, weswegen er damals dem Wappentier kurzerhand einen der beiden Köpfe absägte.

Kurze Herrschaft eines Dichters

Nach Rijeka gekommen waren er und seine Kameraden unter der Führung des Dichters und Irredentisten Gabriele D’Annunzio, der befürchtete, dass die in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg noch mehrheitlich von Italienischsprachigen bewohnte Stadt nicht an Italien, sondern an den neugeschaffenen Staat Jugoslawien fallen könnte.

Beendet wurde die operettenhaft anmutende Unternehmung um Weihnachten 1919, als ein Kreuzer der italienischen Marine, bemüht um Einhaltung der Friedensverträge, den protofaschistischen Diktator mit einem gezielten Kanonenschuss aus dem ehemaligen Palast des ungarischen Gouverneurs schoss und mitsamt seiner Truppe aus der Stadt trieb.

Heute ist in dem Palast das See- und Geschichtsmuseum des Kroatischen Küstenlands in Rijeka untergebracht. In ihm ist bis Februar 2021 eine Ausstellung über die genauso kurze wie bizarre Herrschaft des dem Kokainrausch zugetanen D’Annunzio zu sehen.

Auf die Adria

Zwischen Uhrturm und Museum erstreckt sich die Altstadt mit ihren zum Teil pittoresken Häusern, einigen antiken römischen Ruinen sowie zahlreichen Pubs und Bars, die vor allem an Wochenenden gut besucht sind. Von hier aus sind es nur einige Gehminuten in Richtung der Burg Trsat bis zur alteingesessenen und stets gut besuchten Bar Skradin. Auch in der hoch oben auf einem Felsen gelegenen Burg selbst gibt es ein Café; in der warmen Jahreszeit finden dort Konzerte und Veranstaltungen statt.

Von hier oben hat man einen atemberaubenden Ausblick auf die Adria, die Stadt, ihre Hafenanlagen und leerstehenden Industriegebäude. Noch einmal lässt man den morbiden Charme Rijekas auf sich wirken. Dabei wird einem bewusst, dass es, um dieser Stadt ihren ganz besonderen Reiz auszutreiben, wohl weit mehr brauchen wird als lediglich ein Jahr als Kulturhauptstadt Europas. (Georges Desrues, 5.1.2020)