Demonstration für Menschenrechte in Washington.

Foto: Reuters / JONATHAN ERNST

Es gibt Mythen, die töten. Geschichten, die ganze Gruppierungen verunsichtbaren, und Selbstvergewisserungen, die wie Messer in die Rücken anderer gerammt werden. Viele von ihnen haben mit Identität zu tun. Damit, wie Jungen und Mädchen zu sein haben, wer "von hier" ist und wer nicht oder welche Form der Liebe und des Begehrens als statthaft angesehen wird. Einer der wirkmächtigsten Mythen unserer Zeit ist der von der unveränderlichen, genitaliengebundenen Zweigeschlechtlichkeit: "Jungs haben einen Penis und Mädchen eine Vagina."

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Dabei belehrt uns die Forschung in diesem Bereich schon seit geraumer Zeit darüber, dass Geschlecht nicht nur an den äußerlich erkennbaren Fortpflanzungsmerkmalen festzumachen ist. Aber wer hat schon Lust, sich mit lästigen Details wie der chromosomalen oder der gonadalen Geschlechtsbestimmung zu beschäftigen, wenn man stattdessen wie die Zeitschrift "Emma" Textüberschriften à la "Immer mehr Frauen werden Männer" produzieren kann. Knallt doch viel mehr als ein differenzierter Artikel über Transidentität. Zeigt aber eben auch das ganze Ausmaß an Ignoranz und Herablassung, wie sie gegen dieses Thema und die Betroffenen ins Feld geführt werden.

In Bezug auf Rassismus hat Malcolm X einmal gesagt: "Wenn du mir ein Messer 23 Zentimeter tief in den Rücken rammst und es wieder 15 Zentimeter herausziehst, ist das kein Fortschritt. Selbst wenn du es ganz herausziehst, ist das kein Fortschritt. Fortschritt ist, die Wunde zu heilen, die mir zugefügt wurde. Und sie haben nicht einmal begonnen, das Messer herauszuziehen, geschweige denn die Wunde zu heilen. Sie geben nicht einmal zu, dass da ein Messer war."

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Dieses Zitat lässt sich mühelos auf den gesellschaftlichen Umgang mit Transidentität anwenden. Dabei geht es nicht um begriffliche Feinheiten. Dass es sehr vielen Menschen (mich eingeschlossen) nicht leicht fällt, sprachlich akkurat zu bezeichnen und inhaltlich zwischen Terminologien wie transgender und transsexuell zu unterscheiden, ist die eine Sache. Eine ganz andere ist jedoch die vollständige Aberkennung der Existenz. Und genau darum geht es. Also so zu tun, als handle es sich hier um mehr oder weniger verwirrte Männer und Frauen, die aus Jux und Tollerei beschließen, mal eben das Geschlecht zu wechseln. Weil es gerade ein Hype ist und irgendwie ja auch schick.

Wölfe in nahezu perfekten Schafspelzen?

Oder weil sie sich damit irgendwelche Vorteile erschleichen wollen. Besonders die transexklusiven Strömungen innerhalb des Feminismus weisen immer wieder darauf hin: "Frauen" würden Männer sein wollen, um endlich auch mal im Patriarchat die Oberhand zu haben, und "Männer" möchten Frauen sein, um den ultimativen Zugriff auf andernfalls hermetisch abgeriegelte und geschützte Frauenräume zu haben. Wölfe in nahezu perfekten Schafspelzen also, die sich mit dem Verweis auf ihre Marginalisierungserfahrung quasi selbst einen Backstagepass ausstellen, um bis hinter die blutig erkämpften Schutzmauern weiblicher Emanzipation vorzudringen.

So nachvollziehbar dieser Schutzimpuls angesichts der Tatsache sein mag, dass die Unterdrückung der Frau in linken emanzipatorischen Bewegungen seit Marx viel zu oft lediglich als "Nebenwiderspruch" behandelt wurde und wird, so verächtlichmachend und menschenverachtend ist er auch. Transidentität ist kein Witz. Sie ist auch keine Showeinlage oder ein spezielles Hobby, um sich irgendwie interessant zu machen. Menschen gehen nicht in eine Klinik, um für sich eine neue Geschlechtsidentität zu shoppen. Diese Falschbehauptungen über Transidentität ähneln in vielerlei Hinsicht den "Argumenten" derjeniger, die den Klimawandel und seine Auswirkungen leugnen. Inklusive der üblichen "Das wird man doch mal sagen dürfen"-Haltung und der "Wenn es mich nicht betrifft, dann gibt es das ja auch nicht"-Sturheit. Mit der Lebensrealität von Transpersonen hat das nichts zu tun. Diese Wirklichkeit ist da, aber wir weigern uns, sie zur Kenntnis zu nehmen. Sie umfasst Trans-Paare, die Kinder bekommen und eine Familie gründen

ebenso wie eine Transfrau in Brasilien, die von sechs Männern aus ihrem Haus gezerrt, beschimpft, gequält, gefoltert, gesteinigt, erschossen und auf eine Müllkippe geworfen wurde.

Übergriffige Fragen

Die ausgelöscht wurde wegen dem, was sie war: eine Frau, der man bei der Geburt ein falsches Geschlecht zugewiesen hat. All das lässt uns viel zu kalt. Stattdessen beschäftigen wir uns lieber damit, was eine "behauptete" Transidentität anderer Menschen für uns bedeutet. Wir vergewissern uns auf Kosten dieser Menschen unserer selbst. Und stellen in unserer Verunsicherung übergriffige Fragen, die Transidentität als Fiktion entlarven sollen, jedoch lediglich belegen, wie fabriziert unsere eigene Identität ist. Fragen Sie eine Transperson lieber nicht, woher sie weiß, dass sie ein Mann beziehungsweise eine Frau ist, und was Mann- und Frausein bedeutet. Am Ende fällt die Frage noch auf Sie zurück und Sie müssen feststellen, wie dürftig Ihre eigene Antwort ausfällt. Es gibt bessere Möglichkeiten: Respekt und Toleranz. Teilnahme und Mitgefühl. Interesse und Achtung.

Und im Zuge dessen sollten wir auch endlich darauf verzichten, Transmenschen weiterhin falsche Namen, Behauptungen und Unterstellungen in den Rücken zu rammen. Das wäre zwar kein Fortschritt, aber immerhin ein Anfang. (Nils Pickert, 22.12.2019)