Der Schweizer Marco Odermatt feierte auf der Birds of Prey seinen ersten Sieg im Weltcup. Viele Experten, darunter auch Marcel Hirscher, sind sich ziemlich sicher, dass viele folgen werden.

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Odermatt trägt an den Schweizer Hoffnungen noch nicht schwer.

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Job erledigt, Party on!

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Gröden – Verschmitzt lächelte er in die Kameras, gab unbekümmert Interviews und wirkte dabei abgeklärt wie ein Routinier. Es trug sich am 6. Dezember zu, als Marco Odermatt nach verwegener Fahrt beim selektiven Super-G in Beaver Creek seinen ersten Weltcupsieg fixiert und in der Schweiz die stets schwelende Begierde nach einem neuen Superstar frisch befeuert hatte.

Die USA hatten Lindsey Vonn, hat Mikaela Shiffrin, Österreich hatte Hermann Maier, hat Marcel Hirscher nicht mehr – allesamt Dominatoren der Szene.

Stars, aber nicht super

Die Schweiz hat Beat Feuz, den Abfahrtsweltmeister von 2017 und zweifachen Abfahrtsweltcupsieger, hat Carlo Janka, den Olympiasieger und Gesamtweltcupsieger von 2010, hat Lara Gut-Behrami, die Gesamtweltcupsiegerin von 2015/16, hat Wendy Holdener, die zweimalige Kombinationsweltmeisterin und sie hat einige mehr. Sie haben zig Rennen, Medaillen, kleine und große Kristallkugeln gewonnen, den Schwung zum Superstar hat bisher aber keiner von ihnen gemeistert.

Die erfolgsverwöhnte Skination wartet seit den Rücktritten von Pirmin Zurbriggen (1990) und Vreni Schneider (1995) auf einen Wunderwuzzi. Die Sehnsucht nach einem neuen Champion wächst. Keimte Hoffnung auf, wurde sie auch immer wieder jäh erstickt. Zum Beispiel im Fall von Daniel Albrecht, der 2009 in Kitzbühel so schwer stürze, dass er nie mehr richtig in die Spur fand.

Der 22-jährige Odermatt aus Buochs im Kanton Nidwalden ist nun der neue Hoffnungsträger. In der vergangenen Saison hatte er mit den ersten Podestplatzierungen im Riesentorlauf international auf sich aufmerksam gemacht. Er war Dritter in Kranjska Gora und Zweiter beim Saisonfinale in Soldeu, ehe er Anfang Dezember in Colorado erstmals triumphierte. "Ich war vorerst froh, ins Ziel gekommen zu sein und hatte gehofft, dass es wenigstens für einige Weltcuppunkte reichen könnte. Bei einzelnen Passagen war meine Fahrt über dem Limit", sagte er nach dem erfolgreichen Ritt über die Birds of Prey.

Von Marcel Hirscher war er bereits Monate zuvor mit Vorschusslorbeeren bedacht worden. Der Salzburger prophezeite Odermatts Durchbruch und sieht in ihm einen potenziellen Gesamtweltcupsieger, vorausgesetzt man werde ihn gut behütet in jene Sphären führen.

Kein Patentrezept

Wie das funktionieren kann, weiß Thomas Stauffer. Der Cheftrainer von Swiss-Ski hatte schon Lindsey Vonn, die Schwedin Anja Pärson und die Deutsche Maria Höfl-Riesch unter seinen Fittichen. "Für die unterschiedlichen Charaktere gibt es aber kein Patentrezept", sagt der 50-jährige Schweizer. Wichtig sei qualitativ gutes Training auf hohem Niveau, das den Athleten konstant fordere. "Damit er seine Form unter möglichst vielen Umständen testen kann."

Odermatts Können ist unbestritten. "Seine Entwicklung ist in den vergangenen zwei Jahren immer vorwärts gegangen. Irgendwann wird aber sicher auch er mal stagnieren. Wir werden sehen, wohin es geht." Jetzt gelte es mit Kontinuität die höchstmögliche Stabilität zu erreichen.

Talentproben hat Odermatt schon früh abgelegt, auch wenn er in Jugendjahren nie Schweizer Meister werden konnte. "Es war nie so, dass ich alles in Grund und Boden fuhr und deswegen das Gefühl hatte, ich habe es schon geschafft", sagt Odermatt, der beim Skiclub Hergiswil von seinem Vater trainiert wurde und später an die Sportmittelschule nach Engelberg wechselte.

Training mit Cuche

Früh mit ihm in Kontakt war Didier Cuche. Als dreifacher Sieger des Silvano-Beltrametti-Cups durfte Odermatt als Acht-, Neun- und Zehnjähriger je einen Tag mit der Schweizer Legende trainieren. Das Fazit des sechsfachen Streif-Siegers: man könne bei ihm an Schwung und Technik praktisch nichts mehr verbessern, vielleicht das Halten der Stöcke.

Schlug er bei der Junioren-WM 2016 in Sotschi nur im Riesenslalom zu, so gewann er 2018 in Davos gleich die Abfahrt, den Riesentorlauf, den Super-G, die Kombination und mit dem Team. Stauffer will den Rekord von fünf Goldenen bei einer WM nicht überbewerten, die Umstände seien mitentscheidend. "Sein Jahrgang war nicht der absolut stärkste. Er hat seine große Qualität bewiesen, gezeigt, dass er ein Rennfahrer ist, aber im Weltcup gibt es ein anderes Niveau."

Freude als Geheimnis

Seine Unbekümmertheit zeichnet Odermatt aus, Verbissenheit zählt nicht zu seinen Eigenschaften. "Er kann sich gut konzentrieren, wenn es darauf ankommt. Und er kann auch gut loslassen, wenn es nicht so darauf ankommt, etwa beim Konditionstraining am Nachmittag, beschreibt Stauffer. "Er hat Freude und das ist sicher ein Vorteil gegenüber jenen, die sich tagelang angespannt fokussieren müssen und irgendwann müde werden."

Odermatt trifft mit seinem Auftreten ganz den Geschmack der Zeit und hat sich bereits zu einem der gefragtesten Schweizer Sportler aufgeschwungen. Er wird wegen vieler Fotoshootings schon als neuer "Posterboy" gefeiert. Er ordnet nicht sein komplettes Leben dem Skisport unter, führt nebenbei ein normales, geerdetes Leben, schätzt die Zeit mit Freunden und widmet sich in seiner Freizeit auch anderen Sportarten: Tennisspielen, Golfspielen, Wakeboarden, Wasserskifahren und Kanufahren. Er gehört im Riesentorlauf zur absoluten Weltspitze, auch wenn er in Sölden und Beaver Creek patzte. Im Super-G ist er auf bestem Weg eben dorthin, lediglich in der Abfahrt hat er noch viel Aufholbedarf, muss mit hohen Startnummern vorliebnehmen.

Abfahrtsverzicht

Beim Abfahrtstraining auf der Saslong am Donnerstag musste sich Odermatt nicht bis zu Startnummer 69 in Geduld üben. Er ließ den Lauf auf verkürzter Strecke sausen und verzichtet damit auf einen Start in der wegen schlechter Wetterprognosen ohnehin fraglichen Spezialabfahrt am Samstag. Sein Fokus gilt dem Super-G am Freitag (11.45, ORF 1).

Der Beste bei bescheidener Sicht am Donnerstag war der Norweger Kjetil Jansrud, Max Franz, der beste Österreicher und 2016 Grödensieger, schwang als Elfter ab. Neun Monate nach einem Kreuzbandriss schied auch Lokalmatador Christof Innerhofer wieder in einer Resultatsliste auf. (Thomas Hirner, 19.12.2019)

Trainingsergebnisse Gröden vom Donnerstag:

1. Kjetil Jansrud (NOR) 1:50,27 Min.
2. Aleksander Kilde (NOR) +0,35 Sek.
3. Johan Clarey (FRA) 0,70
4. Dominik Paris (ITA) 0,78
5. Bryce Bennett (USA)
. Adrien Theaux (FRA) je 0,88
7. Josef Ferstl (GER) 1,16
8. Jared Goldberg (USA) 1,34
9. Niels Hintermann (SUI) 1,35
10. Carlo Janka (SUI) 1,39
11. Max Franz (AUT) 1,53
Weiter:
19. Vincent Kriechmayr 2,05
22. Christopher Neumayer 2,11
31. Otmar Striedinger 2,56
33. Christian Walder 2,59
38. Daniel Danklmaier
. Matthias Mayer je 2,77
40. Hannes Reichelt 2,83
42. Johannes Kröll 2,88
62. Stefan Babinsky 3,74
71. Christoph Krenn (alle AUT) 4,52