Im 17. Wiener Bezirk trifft Geschichte auf Modernität. Das Schneekugelmuseum gibt Einblick in eine Welt der Fantasie, dahinter befindet sich die moderne Schneekugelmanufaktur. Inhaber Erwin Perzy III kann viele Geschichten über die Kugeln erzählen. Und er hütet ein großes Geheimnis.

STANDARD: Schneekugeln haben zu Weihnachten Hochsaison ...

Perzy: Ja, im Moment stehe ich um vier Uhr auf und arbeite bis neun, zehn am Abend. Weihnachten ist die stillste Zeit des Jahres, aber nicht bei uns.

STANDARD: Wie steht’s um die Schneekugel für den Rest des Jahres?

Perzy: Im Frühjahr machen wir neue Modelle. Wir haben viele eigene Ideen, die zu verwirklichen sind. Dazu kommen Sonderanfertigungen. Es gibt Projekte, die sich über Jahre ziehen. Für Tiffany New York haben wir eine Schneekugel gemacht. Dafür war ich dreimal in New York, um den Entwurf vorzustellen. Dieses Projekt hat mehr als zwei Jahre gedauert.

STANDARD: Wie sieht die Tiffany- Kugel aus?

Perzy: Sie hat einen Walnussholzsockel mit echtem Silberring, auf dem der Firmenname eingraviert ist. In der Kugel selber ist Schnee drinnen, der die Hausfarbe von Tiffany hat.

STANDARD: Die Zusammensetzung des Schnees ist ein gut gehütetes Geheimnis?

Perzy: Ja, das weiß momentan nur ich. Mein Vater hat mir jahrelang das Geheimnis vorenthalten und gesagt, erst wenn ich meine Meisterprüfung habe, verrät er es mir. Das hat er gehalten – und mir das Versprechen abgenommen, dass ich das Geheimnis um den Schnee erst weitergeben soll, wenn ich den Betrieb übergebe.

STANDARD: Ihr Großvater hat die Schneekugel erfunden – ein Zufall, weil er als Chirurgeninstrumentemechaniker die OP-Leuchten verbessern wollte. Wie viele Substanzen hat er getestet, bis er den jetzigen Schnee gefunden hatte?

Perzy: Ich weiß von drei Materialien. Das Erste waren Glasflocken. Die haben schön geglitzert, sind aber schnell zu Boden gesunken. Dann hat er Gries genommen. Der ist langsam zu Boden geschwebt, das hat ihn an Schneefall erinnert. Grieß ist jahrelang gutgegangen. Ein Freund von ihm hat in Maria Zell ein Wallfahrtsstandl betrieben, und für den hat er eine Miniatur der Mariazeller Kirche in die Kugel gegeben. Das war die erste Schneekugel. Der Freund hat die Kugel gleich verkauft, und so war die Idee geboren. Der Grieß war aber ein schlechtes Material, weil er in der Kugel zu faulen begonnen hat. Mit einer Mischung aus Hartwachs und Magnesiumpulver hat er dann den Schnee gemacht.

STANDARD: Was hat Ihr Vater dann verändert?

Perzy: Bis mein Vater nach dem Zweiten Weltkrieg den Betrieb übernommen hat, wurden nur Kirchen in die Schneekugeln gegeben. Mein Vater war Fahrrad-, Nähmaschinen- und Feinmechaniker und hat halbtags beim Kurier gearbeitet als Botenfahrer. Der Kurier war damals unter amerikanischer Besatzung, und die haben unsere Schneekugeln gesehen und gemeint, das wäre das perfekte Produkt für Amerika – wenn nicht lauter Kirchen drinnen wären. Da hatte mein Vater die Idee, einen Weihnachtsartikel reinzugeben: Christbaum, Weihnachtsmann und Schneemann. Jahrzehntelang haben uns die Amerikaner leergekauft. Auch nach Australien, Kanada und England haben wir damals schon geliefert.

Erwin Perzy in seinem Betrieb.
Foto: Hendrich

STANDARD: Heute expandieren Sie weltweit ...

Perzy: Ja. Als ich meine Ausbildung fertig hatte, hat mich mein Vater ins kalte Wasser springen lassen und gesagt: "Du fährst nach Amerika." Das war um 1975. Ich bin hin und hab bei einer Messe einen Japaner kennengelernt, der die Kugeln interessant fand. Als ich zurückkam, sagte ich: "Du, Papa, ich fliege nach Tokio." Drei Jahre lang war ich dort bei Messen völlig erfolglos. Die Japaner haben mich fotografiert, Visitenkarten und Kataloge mitgenommen. Ich dachte mir: Das hat überhaupt keinen Sinn. Im dritten Jahr kam ein Japaner, den ich schon kannte. Dieses Mal hatte er ein Konsortium dabei, in der Mitte stand der Mitsubishi-Chef. Sein Adlatus überreichte mir eine Mappe mit dem Wort "Order". Ich hab die Bestellung überflogen – das war eine halbe Jahresproduktion. Da habe ich ein Pokerface aufgesetzt, danke gesagt und mich verbeugt. Das lief ein paar Jahre so. Seitdem stellen wir jedes Jahr in Tokio bei der International Gift Show aus.

STANDARD: Und Sie fahren seitdem Mitsubishi?

Perzy: Nein (lacht). Ich bin Japan sehr verbunden, fahre aber ein europäisches Auto. Ich bin europäischer Patriot. Ich schaue, dass ich europäische Maschinen und Materialien für unseren Betrieb kaufe. Ich habe den Standpunkt, dass, wenn man europäische Produkte kauft, man die Jobs sichert.

STANDARD: Gibt es landestypische Präferenzen? Stehen etwa die Amerikaner eher auf den Weihnachtsmann in der Kugel und die Japaner auf den Schneemann?

Perzy: Das gibt es. Für die Vereinigten Arabischen Emirate haben wir Kugeln gemacht – die wollen alles vergoldet. Da ist ein goldener Schneemann drinnen. Wir haben auch schon ein Kamel mit Sandsturm gemacht oder einen Bohrturm mit Erdöl. Die Amerikaner kaufen weihnachtliche Motive. Japaner kaufen Stephansdom, Riesenrad, Mozart und Strauss. Ich habe auch den Fuji in eine Kugel gesetzt oder Sumo-Ringer. Das waren Eintagsfliegen. Wenn ich nach Japan komme, fühle ich mich immer wie ein Moviestar. Ich habe einen Kunden, die haben ein Museum, und wenn ich komme, stehen die Leute Schlange für ein Foto mit mir, oder ich muss Kugeln signieren.

STANDARD: Stichwort Moviestar. Ihre Kugeln sind ja auch Hollywood-Legenden.

Perzy: Unsere Kugeln spielen in einigen Filmen mit. Kevin allein zu Haus, Edward mit den Scherenhänden, True Lies, Müllers Büro ...

STANDARD: US-Präsidenten kennen Ihre Kugeln auch ganz gut ...

Perzy: Ja, ich habe für drei US-Präsidenten Schneekugeln gemacht. Für Reagan, Clinton und Obama.

STANDARD: Mit welchen Motiven?

Perzy: In der Reagan-Kugel ist die Familienranch del Cielo. Ich wurde extra nach Kalifornien eingeladen, um die Ranch zu besichtigen. Für Clinton kamen die Konfetti in die Kugel, die bei der Inauguration-Party gestreut wurden. Für Obama hab ich eine Sachertorte reingegeben, auf der stehen Riesenrad, Stephansdom und ein Lipizzaner. Davor tanzt das Ehepaar Obama mit den Kindern. Als die Kugel fertig war, bekam die Familie den First Dog – da haben wir die Kugel wieder aufgemacht und den Hund dazugegeben. Eine Kopie dieser Kugel hat die Frau von Robbie Williams hier bei uns im Museum für Robbie gekauft.

STANDARD: Gibt es Grenzen? Etwas, das man in einer Schneekugel nicht umsetzen kann?

Perzy: Ja. Viele Kunden wollen eine Lokomotive. Aber der Platz in der Kugel ist limitiert. In der mittleren Kugelgröße habe ich 32 mm in der Länge. Dann ist die Lok aber nur sechs mm hoch, und der Rest der Kugel leer. Schloss Schönbrunn ist auch unmöglich, weil zu lang. Da kann man nur die Stiege mit der Hauptfassade machen. Prinzipiell versuchen wir, alle Wünsche umzusetzen. Es kommen aber keine Dinge in die Kugel, die mit Mord und Totschlag zu tun haben. Ich bin Pazifist. Die Schneekugel soll eine heile Welt sein. Da hat alles Platz drinnen – von Sex bis hin zu Spielzeug. Vor einigen Jahren kam eine Dame, die hat ihrem Sohn zum 40. Geburtstag seinen Schnuller in der Kugel geschenkt.

Es muss nicht immer ein Schneemann sein.
Foto: Hendrich

STANDARD: Gießen Sie alle Figuren noch selbst?

Perzy: Neue Motive gießen wir. Sondereditionen wie Disney-Prinzessinnen kaufen wir zu. Wir wenden mittlerweile modernste Techniken an. Ich möchte den Betrieb so übergeben, dass er zukunftssicher ist. Wir haben vier 3D-Drucker, konstruieren und zeichnen 3D. Dadurch haben wir den Vorteil der modernen Technik. Aber auch alle Nachteile: Der Computer stürzt ab, nix funktioniert mehr.

STANDARD: Das beliebteste Motiv?

Perzy: Der Schneemann. Darum ist er auch im Firmenlogo. Für einen Kunden in Hawaii haben wir einen Schneemann gemacht und nur den Zylinder reingegeben, einen schwimmenden Ballon, eine Karotte und paar schwarze Kohlestücke. Auf dem Sockel stand "Hawaiianischer Schneemann".

STANDARD: Sie führen den Betrieb in dritter Generation. Ist es eine Bürde, die Tradition aufrechtzuerhalten?

Perzy: Als Bürde habe ich es nie empfunden. Ich bin schon als kleiner Bub in der Firma gewesen und wollte das immer machen.

STANDARD: Wie war die erste Zeit, als Sie den Betrieb übernommen hatten und verantwortlich waren?

Perzy: Ein Kampf. Ich musste übernehmen, mein Vater hatte einen Gehirnschlag. Meine Freundin hat mich damals sehr unterstützt.

STANDARD: Ihre Tochter ist heute auch im Betrieb. War ihr schon immer klar, dass sie übernimmt?

Perzy: Immer klar war es ihr nicht. Sie hat nach der Vienna International Business School vier Jahre Werkzeugmacher gelernt. Das war eine harte Zeit für sie in der Berufsschule als Frau in dem Männerberuf. Aber sie hat sich durchgekämpft. Meine Tochter hat den Betrieb jetzt schon fest in der Hand.

STANDARD: Was ist die Faszination einer Schneekugel?

Perzy: Wir leben in einer wahnsinnig hektischen Welt. Hat man eine Schneekugel und schüttelt sie, erinnert einen das vielleicht an einen Spaziergang im Schnee. Da kann man mit ein bisserl Fantasie Kindheitsträume in der Schneekugel sehen. Man wird wieder ruhiger.

STANDARD: Sie stellen auch Neujahrsglücksbringer her.

Perzy: Aufgrund der Tradition des Bleigießens hatten wir von Anfang an Glücksbringer. Früher hat man Schrotkugeln oder Bleischnüre vom Vorhang zu Silvester gegossen, das schmolz aber nur mühsam. Mein Großvater hat Bleilot zum Gießen hergegeben, diese Legierung schmolz aufgrund des Zinnanteils schneller. Dann kam die Idee, daraus Glücksfiguren zu machen. Wir machen auch aus Kunststoffabfällen Glücksbringer. Heute mache ich die Glücksschweinderln für ganz Österreich. (Bettina Pfluger, 23.12.2019)