Ibiza zu analysieren, sagt Peter Filzmaier, sei "sehr spannend" gewesen, "aber nicht mein Herzensprojekt". Sein Herzensprojekt ist der Sport. Mit diesem Outing hat der ORF-Politikanalytiker für viel Verwunderung gesorgt, was wiederum ihn verwundert hat. In seinem Buch mit dem selbstironischen Titel "Atemlos" schreibt Filzmaier über Ereignisse und Episoden, die ihn faszinierten.

STANDARD: Wahnsinnig viele Wochenenddienste! Jeden Abend Stress, wenn eine Minute nach Abpfiff eines Fußballspiels ein Hundertzeiler fertig sein muss! Überstunden ohne Ende! Ein Großraumbüro! Und Sie wollen allen Ernstes behaupten, Sportjournalist wäre Ihr Traumberuf?

"Vielleicht hab ich so viel mit Politikeranalysieren zu tun, dass mir Sportreporter nach wie vor als Traumjob erscheint."
Foto: Regine Hendrich

Filzmaier: Der Traum ist natürlich nicht in den schnöden Redaktionsräumlichkeiten entstanden. Sondern vor Jahrzehnten zu Hause im Wohnzimmer vor dem Fernseher und auch auf dem Fußballplatz. In einer Zeit ohne Streamingdienste, sogar noch ohne Kabel- und Satellitenfernsehen. Da hat die Eurovisionsfanfare stets ein von mir als Bub als epochal empfundenes Ereignis angekündigt. Ich wollte solche Ereignisse auch einmal kommentieren, und das hat sich gehalten. Zynisch könnte man sagen, es kommt immer auch auf die Vergleichsgröße an. Vielleicht hab ich so viel mit Politikeranalysieren und dergleichen zu tun, dass mir Sportreporter nach wie vor als Traumjob erscheint. Auch wenn der Alltag des Sportreporters, wie ich weiß, ein sehr harter sein kann.

STANDARD: Vor wenigen Wochen haben Sie sich quasi als Sportfreak geoutet. Wollte man die Reaktion kurz zusammenfassen, so lautete sie: Huch! Wie sehr hat Sie die Verwunderung, die Sie ausgelöst haben, verwundert?

Filzmaier: Vor allem mit der Verwunderung in der Journalistenblase hatte ich nicht gerechnet. Denn in all den Jahren der Politikanalyse war meine Laufsporttätigkeit der einzige private Bereich, den ich auch medial offenbart habe. Ich bin ja bei Laufsportbewerben nicht mit Tarnkappe gestartet und hab auch im Ziel keinen Vollvisierhelm aufgesetzt.

STANDARD: Noch größer war allerdings das Erstaunen darüber, dass Sie sich als Sportinteressierter, um nicht zu sagen, als Sportfan, um nicht zu sagen, als Sportfreak entpuppten.

Filzmaier: Das ist der logische Widerspruch zur Politikanalyse. Als Sportfan bin ich politisch unkorrekt, bin ich parteiisch. Da juble ich bei Doppelfehlern des Gegners meines Favoriten, ich halte zu einer Gruppe von ballspielenden Menschen aufgrund einer Nationalität oder auch nicht. Ich falle allen Klischees anheim. Ich verliere jedes objektive Werturteil oder auch nur den Versuch bei der Frage: War das ein Elfmeter oder nicht? Das entscheide ich je nach dem, für welche Mannschaft der Elfer gepfiffen wurde. Jobbedingt darf ich für keine Partei Partei ergreifen. Da teile ich in alle Richtungen gleich aus. Da spreche ich mich nicht wie im Sport sogar am Rande des Fanatismus für jemanden aus. Vielleicht bin ich gerade deshalb beim Sport umso leidenschaftlicher.

STANDARD: By the way: Sie sind Wissenschafter, Sie sind ein Fernsehmensch, Sie sind ein Sportmensch. Sind Sie ein Freund des TV-Videobeweises?

Filzmaier: Aus der Fanperspektive muss ich sagen: Das kommt drauf an. Wenn ich mich schon über ein Tor meiner Mannschaft gefreut habe, schätze ich den Videobeweis ganz und gar nicht. Naturgemäß sehe ich mehr Sportereignisse vor dem Fernseher als vor Ort. Als Wissenschafter befürworte ich selbstverständlich den TV-Beweis. Es gibt so viele eklatante Beispiele, die ihn einfach notwendig machen. Ich erinnere bewusst nicht an das Wembleytor, sondern an ein anderes englisch-deutsches Beispiel. Im WM-Achtelfinale 2010 in Südafrika war ein Weitschuss von Lampard für den Schiedsrichter kein Tor, obwohl er so was von hinter der Linie war. England fiel so um das 2:2 um, Deutschland siegte 4:1.

"Ich erinnere bewusst nicht an das Wembleytor, sondern an ein anderes englisch-deutsches Beispiel."
Foto: Reuters/Keogh

STANDARD: Das Lampard-Nichttor ist freilich eine Geschichte, die ja auch Sie präsent haben. Das Wembleytor ist eine Geschichte. Das Parma-Schicklgruber-Tor ist eine Geschichte. Drohen solche Geschichten nicht abhandenzukommen, wenn alles reglementiert wird?

Filzmaier: Stimmt, der Sport braucht Bereiche, wo die objektivierbare Messung endet. Wahrscheinlich wird es immer auch Tore geben, die strittig bleiben. Passives Abseits zum Beispiel bleibt ja Auslegungssache. Wann hat ein Spieler, der bei einem Torschuss vor dem Tor steht, den Goalie irritiert und wann nicht? Es bleibt genug zum Ewigweiterdiskutieren.

STANDARD: Immer mehr Sportübertragungen wandern ins Internet, ins Bezahlfernsehen sowieso. Wie schwierig ist es, Sport noch zu verfolgen oder jene Übertragungen zu finden, die einen wirklich interessieren?

Filzmaier: Zunächst verrate ich ein Geheimnis. Das Bild von mir als das eines arbeitenden Wissenschafters, der vor dem Laptop sitzt, ist zwar richtig. Aber wenn man sich vorstellt, im Fernseher daneben läuft immer nur CNN und Co, dann ist es falsch. Da läuft eine Sportübertragung. Und das führt dazu, dass ich manche Sportarten mehr verfolge. Denn Sportarten, die eine kurzzeitige Aufmerksamkeit erfordern, sind nicht dazu angetan, dass man nebenbei am Laptop arbeitet. Einen Marathonlauf oder ein Radrennen, das über Stunden läuft, kannst du wunderbar mitverfolgen. Und ich muss gestehen, das tue ich. Dass es zunehmend bezahlt werden muss, trifft mich schon, vor allem die unglaubliche Fragmentierung. Man verliert ja den Überblick, was man wo schauen könnte. Ich bin ja insgesamt Sportfanatiker. Ich will viele verschiedene Sportarten mitverfolgen.

STANDARD: Gibt es dennoch eine Lieblingssportart?

Filzmaier: Das ist wohl, weil ich ihn selbst betrieben habe, immer noch der Laufsport und hier konkret der Langstreckenlauf. Es ist übrigens furchtbar, sich das gemeinsam mit mir anzuschauen, weil ich vom Startschuss weg nur über Kilometerzeiten diskutieren will und Endzeiten hochrechnen, während andere sich für den Rennverlauf interessieren. Beim Marathon-Weltrekord von Eliud Kipchoge 2018 in Berlin saß ich nach dem ersten Kilometer jubelnd im Wohnzimmer. Es gab nur zwei Möglichkeiten: Entweder er ist ein taktischer Idiot, und das war bei Kipchoge fast auszuschließen, oder er will den alten Weltrekord zertrümmern. Es war faszinierend: Wilson Kipsang, der Ex-Weltrekordler, ist nicht einmal den ersten Kilometer mitgelaufen, weil er sich wohl gedacht hat, der Kipchoge ist ja meschugge. Neben natürlich Fußball, Alpinskilauf und Basketball interessieren mich auch Langlauf, Radsport und Biathlon. Wenn man Langstreckenläufer war, so weiß man, wie schwierig es ist, nach einer Intensivbelastung auch nur einen Tennisball in einen Kübel zu werfen, der in der Nähe steht. Und dann erst aus großer Entfernung verdammt kleine Scheiben mit einem Gewehr treffen!

"Kennen Sie das Video von den angeblich längsten Standing Ovations im Sport? Sie gelten Jordan, dem größten Sohn der Stadt Chicago."
ForEver

STANDARD: Kurze Zwischenfrage: wieso Basketball?

Filzmaier: Aus zwei Gründen. Erstens spielt meine Tochter. Zweitens bin ich USA-affin. Und hey, wer aus meiner Generation in den USA war und sich nicht für Basketball interessiert hat und von Michael Jordan fasziniert war, der hat irgendwie die USA nicht kennengelernt. Kennen Sie das Video von den angeblich längsten Standing Ovations im Sport? Sie gelten Jordan, dem größten Sohn der Stadt Chicago, der in seiner letzten Saison als Gegner zurückkehrt und mit den Washington Wizards bei den Bulls gastiert. Bei seiner Vorstellung stehen die Chicagoer Fans auf und klatschen, und dann hören sie einfach nicht mehr damit auf. Du kannst dich dieser Magie des Moments nicht entziehen. Die klatschen einfach immer weiter.

STANDARD: Wie sind Sie auf solche Geschichten gekommen? Welche Geschichten haben Sie für Ihr Buch ausgesucht?

Filzmaier: Das sind wirklich meine Sportgeschichten. Mit denen ich etwas verbinde. Entweder mit einer ganzen Sportart. Oder auch nur mit einem einzigen Ereignis. Fast meine Lieblingsgeschichte ist die von der australischen Viermal-100-Meter-Kraulstaffel bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney. Ich hab damals viel am Laptop gearbeitet, die Zeitverschiebung hat geholfen, die Spiele liefen parallel im Fernsehen mit. Ein Jahr davor hatten sich die Australier festgelegt: Okay, eine unserer Nationalsportarten ist Schwimmen, und da werden wir eine Menge Medaillen holen. Aber wir wollen vor allem einen Bewerb gewinnen, die Königsdisziplin, die Viermal-100-Meter-Kraulstaffel. Und diese Goldmedaille zählt, nur diese. Doch es gab zwei Probleme. Die Australier waren nicht knapp hinter den Amerikanern, sondern ewig weit zurück. Man kann ja die Zeiten der vier besten Krauler addieren, dann weiß man Bescheid. Der zweite Punkt war: Seit diese Staffel geschwommen wurde bei den Olympischen Spielen, hatten immer nur die USA gewonnen. Und trotzdem war in Australien die Meinung: Wir gewinnen das. Sie hatten natürlich gute Kraulsprinter, aber absolute Weltklasse waren die nicht. Es war fast absurd. Sie haben folgende Devise ausgegeben: Unser Startschwimmer, der Delfin-Weltbeste Michael Klim, muss mit Weltrekord anschwimmen, wenn wir eine Chance haben wollen. Dann kommen zwei, die müssen den Vorsprung halten, wie auch immer. Und am Ende kommt Ian Thorpe, ein toller Krauler, aber eher auf längeren Strecken daheim, der wird uns das Ding gewinnen, und wenn wir das Becken verlängern müssen. Doch Thorpe hatte nur kurz vor dem Staffelfinale seinen 400-Meter-Endlauf. Er schonte sich keineswegs, sondern gewann in Weltrekordzeit. Später schilderte er, welches Problem er zwischen den Rennen hatte. Es war ja die Zeit der Ganzkörperanzüge. Als die Staffelschwimmer einmarschierten, war Thorpe noch nicht dabei, denn er war in den nassen Anzug nicht wieder hineingekommen. Er kommt gerade noch rechtzeitig, und dann beginnt dieses Rennen. Von den Vorläufen her war klar: Die Überlegenheit der Amerikaner war eigentlich noch größer geworden. Gegen jede Vernunft springt Klim ins Wasser, und er schwimmt diesen Weltrekord. Vor dem letzten Schwimmer liegt Australien knapp vor den USA. Das Duell heißt Thorpe gegen Gary Hall junior, der schon 1996 Staffel-Olympiasieger in Atlanta und der objektiv bessere 100-Meter-Krauler war. Hall zieht vorbei, Thorpe liegt schon fast eine Körperlänge zurück, aber am Ende gewinnt er das Ding um eine Handbreite. Die Australier haben dieses Gold gewonnen, das war schön. Nachher sind weniger schöne Dinge rausgekommen. Thorpe war in eine Dopingdiskussion verstrickt, und er hat sich als schwul geoutet. Die Australier haben ihm das Erste problemlos verziehen und das Zweite nicht, das kann man durchaus kritisch anmerken. Gedopt darf er sein, der Held, schwul aber nicht. Hallo, was ist das für ein Verständnis? Was das Staffelrennen betrifft, so werden sich außerhalb Australiens nicht viele Menschen daran erinnern. Ereignisse wie dieses mit all ihren Facetten haben mich teils auch zufällig in ihren Bann gezogen.

STANDARD: Wenn ich kurz eine Zwischenfrage stellen dürfte: Gibt Ihnen der Sport da viel, das Ihnen die Politik nicht geben kann?

Filzmaier: Ich kann hier in einem Ausmaß Emotionen zeigen, die ich in meinem Beruf nicht habe. Und das Laufen selbst war auch immer ein wichtiger Ausgleich, es hat mir eine gewisse Gelassenheit gegeben, die man als Politikanalytiker sehr gut brauchen kann. Wie viele Leute in der Politikblase läuft man zudem Gefahr, nichts anderes mehr wahrzunehmen. Sport hat mir auch einen zweiten Freundeskreis geschenkt, der mich fast gezwungen hat, Ausgleich zu haben. Die wollten nicht drei Stunden über Demokratiemodelle diskutieren oder über hochspezifische Wahlrechtsvarianten. Umgekehrt wollten in meinem Hauptberuf die Leute nicht Kilometerzeiten eines Halbmarathons besprechen.

STANDARD: Sie waren oft mit einem guten Freund in der Früh gemeinsam laufen. Haben Sie sich da unterhalten, oder ist man schweigend nebeneinander hergelaufen?

Filzmaier: Nachdem dieser Freund auch im STANDARD schreibt, kann ich ihn ja erwähnen, das ist der Peter Plaikner. Damals war er noch bei der Tiroler Tageszeitung in der Chefredaktion. Wir haben uns sogar kennengelernt beim Laufen. Denn wenn zwei Typen bei nasskaltem Wetter im Nebel oder sogar Schneefall am Innufer sich in der Früh regelmäßig beim Laufen sehen, dann beginnen sie irgendwann miteinander zu reden. Es war tatsächlich so. Und ja, wir haben geredet. Beim Langstreckenlauftraining macht man oft langsame oder mittlere Dauerläufe. Da kann man wunderbar in sich gehen und die Gedanken ordnen. Oder man tauscht sich aus, wie beim Wandern. Das ist von der Belastungsintensität her durchaus vergleichbar mit einem Dauerlauf. Mit meinem Freund Peter verbinde ich übrigens meinen größten Stolz im Laufsport. Peter hatte den Ehrgeiz, einmal den Marathon unter drei Stunden zu laufen. Zweimal ist er knapp gescheitert, dann hab ich ihm einen Trainingsplan geschrieben, mit dem es sich in 2:58 ausging.

"Trainiert hab ich konsequent. Ich bin an der mangelnden Intelligenz gescheitert."
Foto: Regine Hendrich

STANDARD: Sie selbst haben eine sehr beeindruckende Halbmarathon-Bestzeit von 1:12 Stunden. War Marathon kein Thema?

Filzmaier: Doch, doch. Aber ich bin kläglich gescheitert. Bei meinen ersten Marathons bin ich ins Ziel gekommen, belassen wir es dabei, nicht unter drei Stunden. Dann hatte ich, nach einigen Siegen in Volksläufen und guten Halbmarathons, schon den Ehrgeiz, einmal einen guten Marathon zu laufen. Eine Faustregel lautet: Die Halbmarathon-Bestzeit mal zwei plus zehn Minuten, in meinem Fall hätte sich da also eine Marathonzeit klar unter 2:40 Stunden ausgehen können. Das wäre der Traum gewesen. Trainiert hab ich konsequent. Ich bin an der mangelnden Intelligenz gescheitert. Es war ein Hitzemarathon, damals in Wien in den 90er-Jahren noch im Mai, es hatte am Start schon 20 Grad, mehr als 30 sollte es kriegen. Jeder mit Restintelligenz hat seine Bestzeitträume schon vorher beiseitegeschoben. Ich nicht. Ich habe es trotzdem versucht. Und es kam, wie es kommen musste. Ab Kilometer 25 gingen die Kilometerzeiten deutlich hinauf. Und im Prater, irgendwo auf dem Weg zum Lusthaus, endete mein Marathon kläglich. Aufzugeben war noch meine klügste Entscheidung. So konnte ich einige Wochen später wieder einen halbwegs guten Volkslauf bestreiten. Trainingskollegen, die den Marathon in Wien durchgezogen und doch auch ihre Ziele klar verfehlt hatten, hat man das ganze Jahr nicht mehr gesehen.

STANDARD: Und das war es dann mit dem Marathon?

Filzmaier: Das ist die Unvollendete. Auch weil die berufliche Arbeit immer mehr wurde. Einmal war es noch ein Thema. Mit Mitte 40 habe ich noch einmal mehr und systematisch trainiert, das ging gar nicht so schlecht bei Volksläufen. Ich hatte dann ein Fernziel, wollte meinen Level bis in die Altersklasse M50 halbwegs halten, da wäre vielleicht eine halbwegs gute Platzierung möglich gewesen. Aber da kam dann im Jahr 2018 eine schwere Erkrankung dazwischen. Es ist alles gut, und ich kann auch wieder laufen gehen, aber ein Training auf diesem Level ist illusorisch geworden. Ein Sportbuch zu schreiben, das war der Ersatz, aber das hat auch verdammt viel Spaß gemacht. Die eigenen Laufambitionen sind Geschichte. Jetzt ist es der Traum, vielleicht einmal ein Laufsportevent zu kommentieren.

STANDARD: Just die Ausdauersportarten, für die Ihr Herz schlägt, sind naturgemäß jene, in denen Doping ein großes Thema ist.

Filzmaier: Mir ist die Problematik natürlich bewusst, und auch da bin ich eine gespaltene Persönlichkeit. Ich finde es sehr gut, was Toni Innauer einmal gesagt hat. Dass unsere gesamtgesellschaftlichen Ansprüche auch im Sport gelten müssen. Keine Pauschalurteile. Wir können nicht sagen, dass alle gedopt sind. Es gilt die Unschuldsvermutung, das darf nicht nur eine rechtliche Schutzbehauptung sein, weder in der Politikanalyse noch im Sport bei Dopingverdacht. Sondern es muss auch ehrlich gemeint sein, solange das Gegenteil nicht erwiesen ist.

STANDARD: Wie stark sind Sie bei Mo Farah hin- und hergerissen?

Filzmaier: Mo Farah war in der Trainingsgruppe des mittlerweile gesperrten Alberto Salazar. Mir ist klar, was das bedeuten kann, aber ich sage bewusst, bedeuten kann, und nicht: bedeuten muss. Ich bin Mo-Farah-Fan. Auch deshalb, weil der Engländer meistens Afrikaner als Gegner hatte, die von den Bestzeiten her eigentlich schneller waren. Und trotzdem, bei fast allen großen Ereignissen ab 2010 hat er über 5.000 und 10.000 Meter Gold geholt, allein viermal bei Olympia und sechsmal bei Weltmeisterschaften. Die Afrikaner haben alle Taktikfinessen durchprobiert. Und trotzdem: Am Ende war Mo Farah da und hat gewonnen. Das hat mich fasziniert. Aber natürlich, im Langstreckenlauf wie im Radsport ist die Dopingproblematik da. Wir Österreicher merken es im nordischen Skisport. Unser wohl größter nordische Erfolg, der Staffelsieg bei der WM 1999 in Ramsau, muss kritisch hinterfragt werden. Da sind Zweifel angebracht, und diese Zweifel können auch wehtun.

"Mo Farah war in der Trainingsgruppe des mittlerweile gesperrten Alberto Salazar. Mir ist klar, was das bedeuten kann, aber ich sage bewusst, bedeuten kann, und nicht: bedeuten muss. Ich bin Mo-Farah-Fan."
Foto: Reuters/Segar

STANDARD: Dem Sport wird oft die Verhaberung vorgeworfen. Tatsächlich sind ja fast alle miteinander per Du, es herrscht wenig Distanz. Aber ist der Unterschied zur Politik wirklich groß?

Filzmaier: Genau das wollte ich zurückfragen. Ist der Unterschied zu anderen Gesellschaftsbereichen gar so groß? Die Verhaberung ist genauso ein Problem in der Politik, in der Lokalpolitik ist sie übrigens am allergrößten. Das ist ein österreichisches Phänomen, es hat mit der Kleinräumigkeit des Landes zu tun. Bis zu einem gewissen Grad verstehe ich, dass man in Informationsmärkten lebt, und diese Informationsmärkte verlangen Nähe. Sie verlangen aber nicht, dass man abends sich duzend beim dritten Bier aufwärts zusammensitzt. Doch auch Politikern wird nicht zu Unrecht vorgeworfen, dass sie untertags mit Theaterdonner aufeinander losgehen und sich am Abend quasi das Land aufteilen.

STANDARD: Wie erklären Sie sich und wie sehr stört es Sie, dass der Sport in der Politik, etwa in Parteiprogrammen oder bei Koalitionsverhandlungen, eine derart geringe Rolle spielt?

Filzmaier: Es ist erstens einmal paradox, dass sich Politiker so gerne mit dem Sport inszenieren. Ex-Vizekanzler Strache hat ganz bewusst ein Ressort übernommen, das wenig Macht verspricht, aber eine große Breitenwirkung. Ich kann es mir nicht erklären, dass der Sport ein Stiefkind ist. Er scheint eine Abtauschmaterie von geringem Wert zu sein. Was machen wir mit dem Sport, wo geben wir ihn hin? Er war ja schon in den unterschiedlichsten Ministerien angesiedelt. Ich kann das Phänomen auch nur beschreiben und nicht erklären. Vielleicht sind die großen parteipolitisierten Sportverbände derart verfestigt, dass sie in Abwandlung eines geflügelten Worts etwas zynisch nach dem Motto agieren: Es ist uns egal, welcher Minister unter uns dient. Die Steuerungsmöglichkeiten eines Ministers könnten in diesen Strukturen sehr gering sein. Das macht den Sport vielleicht nicht attraktiv auf Regierungsebene. Der Gestaltungsspielraum ist eingeschränkt, dann benützt man den Sport nur als Inszenierungsplattform.

STANDARD: Ein kurzer Abstecher noch zum Fußball. Wieso hängen Sie dem FC Barcelona an?

Filzmaier: Als Stojtschkow und Romario das Sturmduo bildeten, hat mich diese Mischung aus Genie und Wahnsinn fasziniert. An schlechten Tagen haben die auf alles hingetreten, das sich bewegt hat. Aber an guten Tagen! Und als Guardiola dann Trainer war, wie da andere Mannschaft über Jahre vorgeführt wurden. Hey, eine Mannschaft, wo Ibrahimovic keine Chance hatte reinzukommen, wie gut muss die gewesen sein. Über Messi erübrigt sich jedes Wort. Dazu noch die frühere Mittelfeldachse Iniesta und Xavi und vor allem Busquets, der ist für mich ja der unterschätzteste Fußballer überhaupt. Spanien und Barcelona haben immer Probleme bekommen, wenn Busquets verletzt oder nicht in Topform war.

Peter Filzmaier, "Atemlos. Meine schönsten Sportgeschichten und was sie mit Politik zu tun haben". € 22,00 / 180 Seiten. Brandstätter-Verlag, Wien 2019

STANDARD: Sie wissen, was passiert auf der Welt, sind eher kein Klimawandelleugner. Hat der Skisport eine Zukunft?

Filzmaier: Er wird sich neu erfinden müssen. Bei einer Maschine, die noch läuft, wenn auch vielleicht nicht mehr so wie in der Hochblütezeit, fällt es natürlich schwer, einen Schnitt zu ziehen. In welche Richtung das geht? Es könnte furchtbare Fehlentwicklungen geben, wenn etwa in Hallen gefahren wird. Vielleicht wird sich der Skisport auch verlagern. Die skandinavischen Länder, die aus unserer Sicht ja lange als nette Ergänzung zu Österreich und zur Schweiz gesehen wurden, gewinnen sicher an Bedeutung.

STANDARD: Letzte Frage: Warum ein Sportbuch?

Filzmaier: Es war mein Herzensprojekt. Ich kann glaubhaft versichern, dass Ibiza zu analysieren zwar sehr spannend war, aber nicht mein Herzensprojekt. Und dieses Buch wollte ich von Herzen schreiben. Im Laufe der Zeit hatte ich von nicht weniger als fünf Verlagen Anfragen für Politikbücher. Meine Antwort war immer: Das ehrt mich sehr, aber mir fehlt der zündende Funke, weil mir alles so erwartbar erscheint. All das war beim Sport anders. Der zündende Funke war zuerst da, das Schreiben war für mich ein unbekanntes Abenteuer. Und jetzt bin ich extremst berührt, dass das Buch auf Interesse stößt. Die Planung ursprünglich hatte vorgesehen, dass ich heuer relativ ungestört dieses Buch schreiben kann, weil ja nur Landtagswahlen in Vorarlberg vorgesehen waren. So kann man sich irren. (Fritz Neumann, 24.12.2019)