Mit diesem Foto in einem überfüllten Zug handelte sich Greta Thunberg kürzlich einen Disput mit der Deutschen Bahn ein. Das Bild, aufgenommen von ihrem Vater, zeigt die Klimaaktivistin in einer Pose, die an christliche Darstellungen erinnert: der Blick sorgenvoll dem Himmel zugewandt.

AP, Twitter Greta Thunberg

Die Geschichte des christlichen Weihnachten begann mit dem Evangelisten Lukas. Er erfand den Stall und Ochs und Esel, und er sorgte dafür, dass Jesus, das Kind von Eltern aus Nazareth, in Bethlehem zur Welt kam. Bevor das Lied von der stillen Nacht gesungen wird, kommt in vielen Familien die Version zur Verlesung, in der die Geburt des Heilands mit einer beschwerlichen Reise verbunden wurde.

Nazareth liegt in Galiläa, im Norden des Heiligen Landes, Bethlehem in Judäa, südlich von Jerusalem. In Anbetracht damaliger Verhältnisse war die Reise eine höchst beschwerliche Angelegenheit, und für eine hochschwangere Frau eine riskante Sache. Lukas war der beste Erzähler der vier Evangelisten, er verlieh der Geburt Jesu eine ausgeklügelte Dramaturgie, und er hatte dabei ein Motiv, das bis heute von großer Aktualität ist: Jesus sollte mehr sein als ein Zimmermannsbub aus der Provinz. Lukas betrieb den ganzen Aufwand mit Bethlehem nur, weil er deutlich machen wollte, dass das Erlöserkind von Beginn an unter einem besonderen Stern stand – und aus einer besonderen Familie kam. Nazareth wäre zu gewöhnlich gewesen, es musste Bethlehem sein, "die Stadt Davids". Denn Josef, der Vater, "war aus dem Haus und Geschlecht Davids".

Wie kommt das Außergewöhnliche in die Welt?

In dieser dynastischen Aufwertung eines bedeutenden Kinds liegt ein Motiv, das die Menschen bis heute beschäftigt: Wie kommt das Außergewöhnliche in die Welt? Kann es sein, dass jederzeit, nicht aus dem Nichts, aber doch aus Umständen, mit denen niemand gerechnet hat, ein "maßgebender Mensch" (ein Begriff von Karl Jaspers) erwachsen kann?

In den modernen Demokratien ist das zumindest der vorgesehene Normalfall. Exzellenz soll nicht an Eliten gekoppelt sein. Die Figur, die derzeit in der Welt am ehesten eine prophetische Funktion hat, ist dafür ein gutes Beispiel: Greta Thunberg. Sie kommt aus Schweden, das ist sowieso schon eine vergleichsweise egalitäre Gesellschaft. Ihre Eltern sind Kulturschaffende und sicher keine Normalverbraucher. Die Rolle, die Greta heute in der globalen Öffentlichkeit innehat, verdankt sich allein ihrer Wirkung und bedarf keiner Herleitung.

In Amerika, wo alle vier Jahre der angeblich mächtigste Mann oder vielleicht irgendwann auch eine mächtigste Frau der Welt gewählt wird, ist das Präsidentenamt regelrecht von einer Mythologie der Herkunft aus einfachen Verhältnissen umrankt, seit Abraham Lincoln in einer Blockhütte in Kentucky zur Welt gekommen war. Dass es bei Barack Obama, dem größten politischen Talent in den USA seit Generationen, so viel Getue wegen seiner Geburtsurkunde gab, hatte sicher auch damit zu tun, dass er damit den amerikanischen Traum besonders weit öffnete – er war in vielerlei Hinsicht der unwahrscheinlichste Präsident und provozierte damit Establishments jeglichen Niveaus.

Verklärung der Herkunft

Im Leben wichtiger Menschen wird die Geburt häufig nachträglich ein wenig verklärt. Selbst Sebastian Kurz gab dafür kürzlich ein Beispiel, als er seinem Nazareth in Meidling ein Bethlehem im Waldviertel hinzufügte. Natürlich wollte er sich damit nicht zum Messias erklären, er wollte nur ein bisschen über die lästigen Beschränkungen des Individuellen und Zufälligen hinausgehen, um allen Österreicherinnen und Österreichern potenziell alles werden zu können. Damit rührte er an die tiefsten Geheimnisse der Souveränität.

Denn über die weitaus längste Periode der Geschichte wurden die Menschen von Menschen regiert, die ihnen ein Privileg der Geburt voraushatten, die also mehr waren als nur sie selbst. Für das Königtum als eine Vorstellung von ererbter, herausgehobener Amtsgewalt war übrigens genau der König David aus der jüdischen Bibel eine zentrale Inspiration, auf den sich Lukas mit seiner Bethlehem-Mythologie bezog. In der Wirklichkeit war David am ehesten so etwas wie ein Räuberhauptmann, wenn es ihn überhaupt gegeben hat. In der Wirkungsgeschichte aber wurde er zu einer Chiffre, und seither suchen die Menschen mindestens so sehr nach "Geschlechtern" (wie dem "Geschlecht Davids") wie nach außergewöhnlichen Individuen.

Jesus ist schwer einzuordnen

Die Faszination, die von einer Fernsehserie wie The Crown ausgeht, ist dafür ein beredtes Beispiel. Die Königin Elisabeth II., eine Figur des realen Lebens, wird hier ausdrücklich in dieser Spannung gezeigt: Sie ist ein menschliches Wesen mit Stärken und Schwächen, sie ist aber auch herausgehoben durch ihre Geburt, durch den Umstand, dass sie "Souveränität" und als deren Zeichen "die Krone" verkörpern muss.

In Deutschland machte dieses Jahr ein Vertreter der Hohenzollern von sich reden, weil er mit seiner Familie gern wieder in einem Schloss wohnen würde, das er für deren rechtmäßigen Besitz hält. Er bezieht sich dabei auf Grundbücher aus dem 20. Jahrhundert. Worüber er sicher nicht so gern diskutieren würde, ist der Umstand, dass die Hohenzollern als Geschlecht über lange Zeiträume die Profiteure einer ausbeuterischen Gesellschaftsordnung waren, die sich als Gottesgnadentum maskierte.

Jesus ist als Figur auch deswegen so faszinierend, weil er so schwer einzuordnen ist. Man weiß zum Beispiel nicht einmal sicher, ob er lesen konnte. Auch dafür erfand Lukas eine Geschichte: Josef und Maria "vergessen" einmal den zwölfjährigen Sohn im Tempel. Der macht dort von sich reden, weil er so kluge Fragen stellt. Die Perikope aus dem zweiten Kapitel des Lukasevangeliums trägt alle Züge einer Legende, könnte aber auf eine tatsächliche Begebenheit zurückgehen, denn irgendwann muss das besondere Charisma von Jesus ja zum ersten Mal aufgefallen sein.

Das große Haus Davids

Das Haus David, in das Lukas den Sohn von Josef und Maria hineinschrieb, war vor 2000 Jahren übrigens schon so groß, dass man von einem Adel in unserem heutigen Verständnis nicht mehr sprechen kann. Auch ein Handwerker wie Josef konnte aus dem Haus David kommen. Es ging vor allem um die ununterbrochene Linie, mit der das Matthäusevangelium beginnt: Hier geht es sogar noch weiter zurück, bis zu Abraham, also wirklich bis zu den Anfängen der Menschheit.

Gleichzeitig wird der Stammbaum aber relativiert: Denn Jesus wird nun zu einem Kind des Heiligen Geists erklärt. Mit der Vorstellung von der Jungfrauengeburt wird aber der dynastische Aspekt nicht aufgehoben, sondern auf die Spitze getrieben. Wer direkt von Gott abstammt, gehört zu einem Geschlecht, das eigentlich alle einschließt. So hat Weihnachten eine aristokratische Tendenz mit einer demokratischen Pointe. (Bert Rebhandl, 24.12.2019)