Ich bin ein Kerzerlanzünder, ich gebe es zu. Wenn ich in der Nähe des Stephansdoms bin, auf dem Weg ins Wirtshaus, dann trete ich ein, bewege mich in den rechten hinteren Teil und werfe nicht immer genug (sorry!), aber doch immer ein bisschen Geld ein, bevor ich drei Kerzen anzünde: für meine Tochter, für meine Lebenden, für meine Toten. Und, seltsam: Wenn ich das tue, dann denke ich auch mit Nachsicht und, ja, Güte sogar an jene, die mir im Alltag keinen warmen Gedanken wert sind, im Gegenteil: Die ich … aaargh!

Manfred Rebhandl: "Wann habe ich zuletzt gebetet? Vielleicht, als mein Vater im Sterben lag. Wofür? Ich weiß es nicht."
Foto: Getty Images

Ich sollte vielleicht öfter dort hingehen, und vielleicht sollten das überhaupt alle tun.

Inmitten dieses Trubels befinden sich die Anbetungsreihen insbesondere für Touristen, dort soll man die Schuhe nicht auf das Leder stellen, auf dem man knien soll, dafür liegen dann immer die quengelnden Kinder drauf oder leere Evian-Flaschen. Dort scheinen nur wenige zu beten, ich finde, es ist kein guter Ort.

Picknick im Dom

Wiederum rechts davon hängt ein Bild von Papst Johannes Paul II., womit wir der Kontemplation und dem Beten schon näher kommen. Wojtyla war ein frommer Papst, wie man weiß. Insbesondere Maria hatte es ihm angetan, die mir persönlich rein gar nichts sagt. Aber wer sich vor sein Bild hinstellt und eine Kerze anzündet, wer vor ihm verharrt, der ist dem wirklichen Beten schon näher als die Evian-Trinker von drüben, obwohl manche Eltern ihre Kinder den ungarischen Baumkuchen vom Weihnachtsmarkt essen lassen. Auch wenn ich selbst nichts mehr mit Beten am Hut habe, denke ich mir seltsamerweise: Das gehört sich nicht.

Wiederum rechts davon liegt die Eligius-Kapelle, die mir bisher noch nie aufgefallen war. Ein "Eintritt nur für Betende"-Schild lockt mich, "Fotografieren verboten" werte ich als klaren Hinweis für die Ernsthaftigkeit der Sache. Ich trete ein und finde mich in einem Raum mit sieben Reihen Holzbänken, in denen je vier, höchstens fünf Betende Platz finden. Auf der Taktiktafel einer Fußballmannschaft würde stehen: 4-1-1-2-1-4-2. So verteilen sich die Betenden bei meinem Eintritt. Ich stelle mich ganz hinten auf und höre von draußen nur wenig Lärm, aus dem Kirchenschiff selbst hört man beinahe nichts, das tut gut.

Wann habe ich zuletzt gebetet? Vielleicht, als mein Vater im Sterben lag. Wofür? Ich weiß es nicht. Nutzt’s nix, schadet’s nix, könnte ein Gedanke gewesen sein. Oder es war die Natur des Menschen, der in der Verzweiflung nach Hilfe sucht, egal wo. Von meiner Mutter weiß ich, dass sie regelmäßig betet, und ich verlache sie schon lang nicht mehr dafür (was man als Pubertierender natürlich tut), im Gegenteil.

Anbeten

Es gefällt mir, ich bin froh, dass sie es tut, denn sie betet – jedenfalls sagt sie das – auch für mich. Und was sollte schlecht daran sein, wenn jemand das Beste für einen erhofft, ersehnt, erbittet oder erbetet? Auch wenn sie manche Schularbeit der Tochter dann doch nicht "herausreißen" konnte mit ihrem Gebet, so hat sie es zumindest versucht.

Und einer meiner Onkel, ein wilder Hund, ist dem Ruf des frommen Pfarrers gefolgt und hat sich den "Anbetern" angeschlossen: Eine Kapelle der Dorfkirche ist 24/7, wie das heute heißt, besetzt. Zumindest ein Mitglied der Kirchengemeinde sitzt, kniet, steht dort immer vor dem ausgestellten Tabernakel, welcher den Leib des Herrn beherbergt, an den es glaubt. Ist Anbetung also die höchste Stufe des Betens, die Meisterschaft? Im Internet steht: "Anbetung – Die betende Verehrung eines Gottes. Oft sind damit besondere Gesten verbunden, zum Beispiel Niederknien, bestimmte Arm- und Handhaltungen oder die Blickrichtung nach oben."

Ganz hinten in der Kapelle, hinter der letzten Bank, kniet eine ältere Frau, sie hat kurzes graues Haar und ist sehr dünn. Ich frage mich gleich: Sind Anbeterinnen dünn und ausgezehrt, weil es anstrengend ist anzubeten? Die Frau kniet und kniet dann noch tiefer, bevor sie sich auf die Lehne vor ihr stützt, dann kniet sie wieder unter der Lehne. In der zweiten Reihe kniet eine Frau auf beiden Knien neben der Bank auf dem kalten Steinboden, obwohl ihre Reihe ganz frei wäre. Eine Frau mit blondem Zopf legt sich zwei Zettel unter, bevor sie sich in die letzte Reihe setzt. Zuvor war sie eine halbe Stunde lang neben mir gestanden und hat geschwiegen. Sie schaute nach vorn, wo eine Figur des heiligen Eligius und eine des heiligen Leodegarius den Tabernakel flankieren. Ganz oben ist die Statue von Jesus, es ist die kleinste hier.

Bunte Betgemeinde

Wer den Raum verlässt, geht zum Weihwasser, bekreuzigt sich damit und kniet sich nieder, einmal, zweimal, dreimal, immer auf beiden Knien. Manche legen sich bäuchlings auf den Boden und schauen nach vorn, niemand schämt sich dafür. Manche Gesichter, die ich erst beim Verlassen sehe, überraschen mich: Ein junger Mann in grauem Pullover mit langen Haaren und Vollbart hat – soweit ich das sehen konnte – eine Stunde in vollkommener Stille in der ersten Reihe verharrt. Ein Mann in buntem Anorak schaut noch auf sein Handy, bevor er es wegsteckt und sich vertieft. Worin? Was denkt er? Wofür betet er?

Ein Priester im schwarzen Mantel kommt mit Laptoptasche herein, aus der er seine in Leder gehüllte Bibel oder ein Brevier holt, er bekreuzigt sich in der kommenden Stunde regelmäßig. Viele hier folgen beim Beten einem Rhythmus, viele haben Rosenkränze in der Hand, viele haben ihre Zettel, Zettelchen, Bücher, Büchlein, Bilder, Bildchen mit sich. Eine Frau neben mir – ich schätze mal: Philippina? – hat alles rührend behelfsmäßig in einen zerfledderten Plastikumschlag gesteckt, Erinnerungen vielleicht auch an zu Hause. Eine Kniende ganz hinten in der Ecke, die das freihändig schon seit fast einer Stunde tut, hat zwei Handtaschen voll mit solchen Sachen. Immer wieder holt sie etwas Neues heraus, blättert darin, murmelt, schweigt, nickt, bekreuzigt sich.

Neben mir knien nun Ugg-Boots, sie gehören einer 19-Jährigen. Die "Superanbeterin" aus der letzten Reihe, wie ich sie mittlerweile nenne, entpuppt sich beim Gehen als Nonne. Für sie endet ein hoffentlich schöner Tag, es ist 21 Uhr, als sie vor ihrem Gott auf dem Boden liegt. Dann sehe ich: einen jungen Asiaten, der hier kurz verweilt; eine junge Frau, vielleicht eine Roma, die in der ersten Reihe kniet; einen alten Mann, der sich aus seiner Betposition in der dritten Reihe erhebt, hinten herum zum Weihwasser geht und dort mit seinem Handy ein Foto macht, obwohl es verboten ist. Ich sehe einen großen, feschen, blonden Teenager in schwarzer Adidas-Montur, der beim Eingang in Andacht versinkt; ein etwa 50 Jahre altes Paar in Partnerkarolook, beide im Holzfällerhemd; einen Lederjackentyp mit weißem Schal, der in jedem Scorsese-Film als Komparse durchgehen würde.

Wollhauben

Ich nehme den Zettel, auf dem die mit dem blonden Zopf gesessen ist, und lese: Novene zum Heiligen Judas Thaddäus in ganz aussichtslosen Anliegen. "Diese Novene mit sechsmal täglich konsequent neun Tage lang gebetet werden. Neun Exemplare dieser Novene müssen jeden Tag in einer Kirche ausgelegt werden." Ich denke: Aha, eine Art Kettenbrief? "Das Anliegen ward noch nie unerhört", heißt es dann, falls "das Heiligste Herz Jesu angebetet und geliebt werde in allen Tabernakeln bis zum Ende der Zeiten, Amen."

Eine forsche Frau, vielleicht dreißig, kommt mit ihrem roten Scooter herein, schiebt ihn hinten herum und setzt sich in Reihe vier an den Rand. Der Scooter lehnt neben ihr, sie zieht das Handy aus der linken Hosentasche, sie hat ein Bild der Heiligen Jungfrau als Screensaver. Nach fünf Minuten packt sie es weg und ein goldumrandetes Buch aus, darin macht sie sich Notizen.

Dann betet sie, dann schaut sie wieder aufs Handy. Ich stelle fest, dass ich mich ärgere, wenn sie chattet, ich denke: Du sollst doch beten! Eine Frau verabschiedet sich mit zwei kleinen Hofknicksen, als wäre sie bei der Queen gewesen und nicht bei Gott. Eine kleine weißhaarige Alte in der vorletzten Reihe hat sich schon länger nicht mehr bewegt, die nächste Wollhaube geht, die nächste Wollhaube kommt. Wollhauben sind beliebt bei Betern, Kirchen sind kalt.

Zettelwirtschaft im Betraum

Eine große Lady in schwarzem Pelz betritt die Kapelle und begrüßt alle Betenden mit erhobener Hand, sie trägt Legwarmers und hat einen Packen St.-Stephan-Zeitungen unter dem Arm. Ganz vorn kniet sie neben den Bänken auf beiden Knien, hält aber nicht lange durch. Ich habe sie in Verdacht, dass sie gesehen werden wollte! Die Chatterin legt ihre Jacke ab, eine in Prada-Turnschuhen kniet neben mir, die Zettelwirtschafterin ganz rechts hinten holt eine Lupe heraus und schaut ihre Zettel damit an, und dann – zu meiner großen Überraschung! – starrt sogar sie auf ihr Handy.

Kurz bevor die Kapelle schließt, kommt noch ein junger Rothaariger, vielleicht 25. Mit Riesenrucksack und Bergschuhen kniet er nun ganz hinten in einer etwas schiefen Haltung, wie man sie von anbetenden, gemalten Engeln kennt. Auch er hat alles mit: einen Rosenkranz, seine Hefterl, und irgendeine Creme, mit der er sich zunächst die Betfinger einschmiert und dann ausdauernd die Stirn massiert, tief in Versenkung. Bis ein Habschi von ihm hereinkommt, Typ Problemboy aus der NMS.

Der Rothaarige flüstert ihm zu, dass er es "im Churhaus versuchen" solle, bei ihm selbst wäre es gerade so: "Ich bete noch ein bisschen." Ein Satz, den man heute selten hört. Sein Kollege zieht fortwährend Rotz die Nase hinauf und bringt auch sonst Unruhe herein, zieht aber dann auch den Rosenkranz heraus. Er sitzt hinter der Chatterin, der seine Rotzerei auf die Nerven geht, sie dreht sich um und legt ihm ein Taschentuschpäckchen auf die Anrichte. Aber er betet noch ein bisschen, bevor er dann doch aufsteht und sich seitlich den Rotz rausschnäuzt, nicht in Richtung Tabernakel. In der Novene steht: "Gesegnet sei der Heilige Judas Thaddäus in alle Ewigkeit."

Es ist vollkommen still, als eine Frau in der fünften Reihe, die dort allein sitzt, die Arme ausbreitet und ihre Handflächen abwehrend nach vorn, in Richtung Tabernakel, hält, in der Art: Hey, ich war’s nicht.

Dann gähnt sie.

(Manfred Rebhandl, AGENDA, 24.12.2019)