Seiner Meinung nach ist er gekommen, damit "wir endlich wieder ‚Merry Christmas‘ sagen". Donald Trump und Gattin Melania zelebrieren Weihnachten in den USA als Glaubenskampf. Auch die Gegenseite schießt bisweilen über das Ziel hinaus.

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Auf das Fire Department von Glen Echo ist wirklich Verlass. Hier, am Rande Washingtons, liegt Mitte Dezember die Weihnachtspostkarte der örtlichen Feuerwehr im Briefkasten. Sie zeigt eine Feuerwache mit ziegelsteinroter Fassade und schneebedecktem Dach, an der Dachkante fotogene Eiszapfen. Zwar entspricht das nicht ganz der lokalen Realität, denn im Dezember liegt in und um Washington nur höchst selten Schnee, doch das Foto macht sich gut. Verbunden ist das Ganze mit der Bitte, die Freiwillige Feuerwehr beim Spenden nicht zu vergessen: "Ihre Dollars ermöglichen es uns, für Sie da zu sein." Dazu eine Zeile, die man besser im Original wiedergibt: "Wishing you a happy and safe holiday season."

"Happy Holidays!" – damit können sich alle angesprochen fühlen, weshalb sich auch Amerikas Kaufhäuser an diesem Gruß orientieren. Da man den Menschen ihren Glauben meistens nicht ansieht, wird den Verkäufern eingeschärft, ihren Kunden einfach nur "Happy Holidays" hinterherzurufen – schöne Feiertage. Das kann nie falsch sein. Egal ob die Kundschaft nun im Adventfieber steckt, ob sie Chanukka feiert, das jüdische Lichterfest, oder Kwanzaa, eine 1966 begründete afroamerikanische Feier, bei der ebenfalls Kerzen angezündet werden: Es passt eigentlich immer.

Nur das christlich-konservative Amerika ist damit nicht einverstanden, weshalb es sich über das Diktat des politisch Korrekten beklagt, über die Allerweltszeile "Happy Holidays", auf dass man nirgends anecke mit einem "Merry Christmas".

Lichterkettenorgien ...

Weihnachten ist die Zeit, in der die USA wahre Lichterkettenorgien feiern, besonders opulent an der 34. Straße in Baltimore, wo die Reihenhäuser buchstäblich von oben bis unten eingehüllt sind in Glühlampengirlanden, die nicht nur die üblichen Rentiere, Schlitten und Schneemänner darstellen, sondern in einem Fall auch eine Krabbe, das inoffizielle Wappentier des Bundesstaates Maryland.

Weihnachten ist aber auch die Zeit bizarrer Wortschlachten, denn jedes Jahr aufs Neue bricht verlässlich ein Krieg aus: "The War on Christmas". An dessen vorderster Front marschierte lange Zeit der sehr konservative Fernsehmoderator Bill O’Reilly, der dafür sorgte, dass sich seine These, wonach sich Weihnachten im "Belagerungszustand" befinde, wie ein Schlachtruf in den Reihen seiner Fans fortpflanzte.

Immer zur Weihnachtszeit durfte O’Reilly abends im ebenfalls sehr konservativen Nachrichtensender Fox News gegen den Happy-Holidays-Unfug wettern, bevor er seinen Studiosessel räumen musste, weil er verschwiegen hatte, dass er fünf Frauen insgesamt 13 Millionen Dollar an Schweigegeldern zahlte, um drohende Klagen wegen sexueller Nötigung zu verhindern.

Einmal erklärte O’Reilly, die Liberalen wollten aus Weihnachten ein säkulares Fest machen, denn sie strebten ein neues Amerika an, in dem für traditionelles Weihnachten kein Platz mehr sei. Fünf Monate vor seinem Rausschmiss verkündete er feierlich, dass der Weihnachtskrieg nunmehr entschieden sei: "Gewonnen haben die Guten" – denn jetzt habe sich Donald Trump der Sache angenommen.

... Trump’sche Weihnachtsbäume ...

Das war im Dezember 2016, einen Monat nach dem Wahlsieg des Immobilientycoons. Dieser ließ eine Bühne in Wisconsin mit einer langen Reihe buntgeschmückter Weihnachtsbäume dekorieren und feierte seinen Triumph. Nicht nur den an den Wahlurnen, sondern auch den im Weihnachtsgefecht. 18 Monate zuvor hatte der Kandidat Trump auf seiner allerersten Kundgebung in Wisconsin versprochen, "dass wir eines Tages zurückkommen und endlich wieder ‚Merry Christmas‘ sagen".

Mittlerweile fliegt der Präsident in jedem Dezember mindestens einmal in die Provinz, um eine Weihnachtskundgebung zu zelebrieren. In diesem Jahr war er in Battle Creek, Michigan, wo er allerdings keine harmonischen Töne anschlug, sondern gegen eine Opposition wetterte, die von Neid derart zerfressen sei, dass sie ihn seines Amtes zu entheben versuche.

Weihnachten in Amerika, es kann eine sehr ernste, sehr kontroverse Angelegenheit sein. Da gibt es die American Family Association, angesiedelt in Tupelo, Mississippi, die sich als Aufpasserin versteht. Sie wacht darüber, welche Geschäftskette – das meint sie wörtlich – "frech" und welche "brav" ist; welche Weihnachten in ihrer Werbung angemessen würdigt und welche das Christliche zu kurz kommen lässt.

Die Kaffeehauskette Starbucks handelt sich dort regelmäßig eine Rüge ein, weil die vorweihnachtlichen Becher nach dem Geschmack der evangelikalen Wächter viel zu beliebig seien. Das Unternehmen mache von dem Wort Weihnachten nur spärlich Gebrauch, "vielleicht in einer einzelnen Produktbeschreibung, aber nicht, indem es sich als Firma dazu bekennt", heißt es, um ein weiteres Beispiel zu nennen, über die Drogeriekette Walgreens.

Auch die Happy-Holidays-Gemeinde schießt bisweilen übers Ziel hinaus: Jennifer Sinclair, Direktorin der Manchester Elementary School in Elkhorn, Nebraska, hat vor zwölf Monaten in ihrer Schule alles verboten, was an Weihnachten erinnert. Darunter fielen Santa Claus, Rentiere, Elfen, Weihnachtsbäume, Weihnachtsmelodien, Weihnachtsfilme; außerdem alles, was in den Farben Rot und Grün gehalten ist. Auch auf dem Index: die rot-weißen Zuckerstangen. Deren gebogene Form lasse an das "J" in Jesus denken. Grünes Licht gab Sinclair für Eisbären, Pinguine, Yetis, Schlitten, heißen Kakao und Olaf, den sprechenden Schneemann aus dem Zeichentrickfilm Frozen. Nach einer Lawine von Elternprotesten wurde sowohl die Liste kassiert als auch die Schulleiterin versetzt.

... und siebenarmige Leuchter

Die Flughafenverwaltung in Seattle ließ vor Jahren neun Weihnachtsbäume aus den Terminals entfernen, weil ihr das Gerücht zu Ohren gekommen war, dass orthodoxe Juden dagegen klagen könnten. Statt die potenziellen Kläger zu fragen, ob das wahr sei, verschwanden einfach die Tannen. Worauf die orthodoxen Juden klarstellten, dass man sie falsch verstanden habe: Gegen die Bäume sei nichts einzuwenden, sie hätten nur gern eine Menora, den siebenarmigen Leuchter, dazugestellt.

Dann wäre da noch die Bürgerrechtsliga ACLU, Leuchtturm des liberalen Amerika, Staat von Religion trennend. Einst verteidigte sie die Rechte eines Häftlings, der ein weihnachtliches Gemeinschaftsgebet organisieren wollte. Solange der Staat nicht selbst eine bestimmte Glaubensrichtung fördere, argumentierte man, dürfe einem solchen Gebet nichts im Wege stehen.

Doch dann sind die Fronten im Weihnachtskrieg doch lockerer, als man annehmen könnte. Zumal die meisten Amerikaner in all dem nur Scheingefechte sehen. Gemäß einer Umfrage des Pew-Instituts favorisieren 32 Prozent die Formel "Merry Christmas", während 15 Prozent das unverfängliche "Happy Holidays" bevorzugen. Eine Mehrheit, 52 Prozent, kann mit jeder Variante leben. Ähnlich pragmatisch hält man es übrigens bei der Freiwilligen Feuerwehr von Glen Echo. Auf der Rückseite der Weihnachtskarte steht, als kleines Zugeständnis an die Merry-Christmas-Fraktion: "Santa Claus is coming!" (Frank Herrmann aus Washington, 24.12.2019)