Der Arbeitsmarkt scheint aus dem Lot zu kommen. Trotz hoher Arbeitslosigkeit wächst die Zahl der offenen Stellen. Das ist auch bei Maurern der Fall, die sehr gefragt sind.

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Es ist ein auf den ersten Blick widersprüchliches Bild am österreichischen Arbeitsmarkt: Während die Arbeitslosigkeit mit gut 365.000 Personen ohne Job nach wie vor hoch ist, sind bereits 71.000 offene Stellen unbesetzt. Das Problem: Arbeitslose haben vielfach nicht die gesuchte Qualifikation oder leben nicht in der Region, in der Jobs zu haben sind. Die Politik will dieses Missverhältnis seit Jahren durch einen Maßnahmenmix beseitigen. Mehr Mobilität, bessere Qualifizierung sollen die Lage verbessern. Doch die Fortschritte sind überschaubar.

Kollektivvertragslohn reicht

Unter der ÖVP-FPÖ-Regierung war der erhöhte Zuzug ausländischer Arbeitskräfte ein kontroversielles Thema. Konkret geht es um Personal aus Drittstaaten, denn EU-Bürger dürfen ohnehin Jobs in Österreich annehmen. Infrage kommt somit beispielsweise, einen Dachdecker aus Serbien oder einen Schweißer aus der Ukraine ins Land zu holen, sofern sie über ein Stellenangebot verfügen. In welchen Berufen Bedarf an ausländischen Fachkräften besteht, regelt die Mangelberufsliste. Ihr großer Vorteil: Im Unterschied zu Hochqualifizierten oder anderen Schlüsselkräften reicht eine Bezahlung nach Kollektivvertrag.

Auch Pflegehelfer sind neu auf der Liste.
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Mit der neuen Verordnung, die mit Jahreswechsel in Kraft tritt, hat das Sozialministerium die Mangelberufsliste auf 56 Bereiche ausgedehnt. Damit gilt bereits jeder vierte Lehrberuf in Österreich als einer, bei dem es viel zu wenig Bewerber gibt. Was besonders ins Auge sticht: Neben seit Jahren gesuchten Qualifikationen wie Maschinenbautechniker, Fräser oder Schlosser wurden nun auch Berufe wie Maurer oder Pflegeassistenz zu Mangelberufen erklärt. Bundesweit wurde die Liste um elf Ausbildungen erweitert.

Regionalliste ausgeweitet

Doch das ist noch nicht alles, denn zur österreichweiten Liste kommen noch länderspezifische Mangelberufe. Damit wurde erstmals im Vorjahr ein besonderer Wunsch der Wirtschaft erfüllt. Denn sie hatte lautstark darauf hingewiesen, dass auch bei regional beschränktem Fachkräftemangel ein erhöhter Zuzug möglich sein müsse.

Das gängigste Beispiel dafür sind Kellner, die österreichweit keinen Mangelberuf darstellen, sehr wohl aber in den Wintertourismus-Hochburgen Oberösterreich, Salzburg, Tirol und Vorarlberg. Auch Verkäufer(-innen) im Handel können in den westlichen Bundesländern ab 2020 aus Drittstaaten geholt werden.

Der Mangel am Arbeitsmarkt wird über die sogenannte Stellenandrangsziffer definiert: Auf jede offene Stelle dürfen höchstens 1,5 Arbeitsuchende vorgemerkt sein. Wenn in einer Berufsgruppe bis zu 1,8 Personen ohne Job auf eine offene Stelle kommen, gibt es einen Ermessensspielraum. Wenn beispielsweise eine überdurchschnittlich starke Lohnentwicklung festgestellt wird, kann auch bei der höheren Stellenandrangsziffer ein Mangel vorherrschen, der durch Zuzug von Fachkräften kompensiert werden soll.

Mehr Ausbildung gefordert

Die Arbeitgeber sind mit der Ausweitung der Mangelberufsliste zufrieden. "Der steigende Fachkräftemangel macht es notwendig, sowohl im Inland als auch von außerhalb des Landes jedes verfügbare Potenzial zu nutzen", meint dazu Wirtschaftskammer-Generalsekretär Karlheinz Kopf.

Anders sehen das die Arbeitnehmervertreter. "Der Fokus muss in der Ausbildung und Qualifikation von jungen Menschen in Österreich liegen", meint Arbeiterkammer-Expertin Silvia Hofbauer. Zudem verlangt sie eine stärkere Berücksichtigung qualitativer Kriterien wie die Lohnentwicklung und die Ausbildung der Betriebe. Dass sich bei mehr als 300.000 Arbeitslosen niemand für Jobs im Tourismus oder Handel finden lasse, sei schwer nachvollziehbar, heißt es aus der Arbeiterkammer.

Peter Hacker ist über die Aufnahme von Pflegehelfern erfreut.
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Zufrieden ist hingegen Wiens Sozialstadtrat Peter Hacker (SPÖ). Er freut sich, dass die Pflegeassistenten Eingang in die neue Liste gefunden haben, und führt diesen Schritt auf seine Initiative bei der Sozialministerin zurück. Wien brauche bis 2030 mehr als 9000 Pflegekräfte, hatte es zuvor geheißen.

Trotz der regen Debatten hat die Mangelberufsliste bisher keinen starken Zuzug gebracht. Derzeit arbeiten rund 9000 ausländische Personen auf dieser Basis in Österreich. Dass die Zahl wegen der Erweiterung im kommenden Jahr nach oben schnellen wird, glaubt Wirtschaftskammer-Expertin Margit Kreuzhuber nicht. Vor allem die von der SPÖ gebrandmarkte Regionalisierung hat sich bisher nicht allzu massiv ausgewirkt. So kamen im ersten Halbjahr – um ein Beispiel zu nennen – nur sieben Leute über die Bundesländerliste nach Tirol. (Andreas Schnauder, 25.12.2019)