Wer etwas Motivation braucht, um sich diese Arbeit anzutun, sei darauf verwiesen, dass die Daten-Lecks der Verwandtschaft oft auch die eigene Privatsphäre negativ beeinträchtigen.

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Viele der technisch versierten Leserinnen und Leser werden das kennen: Kaum ist man über die Feiertage bei den Eltern angekommen, wird man zum Systemadministrator für die gesamte Verwandtschaft. Da werden PCs von Viren bereinigt, die Spracheinstellungen am smarten Display von Altgriechisch auf Deutsch zurückgestellt und vor allem sehr viel darüber gerätselt, wie es durchschnittliche User eigentlich überhaupt schaffen können, ihre Systeme auf so beeindruckende Weise zu zerschießen.

Anderer Fokus

Doch wer seiner Verwandtschaft wirklich einen Dienst erweisen will, der sollte sich dieses Jahr vielleicht einmal auf ein Thema konzentrieren, das bei den aktuellen Hotfixes üblicherweise untergeht: Das Ausmisten der auf den Smartphones vorinstallierten Apps. Denn die Fülle an Programmen, die sich hier oft findet, stellt auch ein massives Privacy-Problem dar.

Spionage

Nichts verdeutlicht diesen Umstand besser als eine aktuelle Serie der New York Times: Die Zeitung hat einen riesigen Satz an Standortdaten von Smartphone-Usern erhalten und ausgewertet – insgesamt 50 Milliarden Einträge über mehrere Monate hinweg waren darin enthalten. Die Ergebnisse sind erschreckend. Lassen sich aus den vermeintlich anonymen Daten doch die Bewegungsprofile von Millionen Personen nachvollziehen – und oft auch einzelnen Person zuordnen. So zeigt etwa einer der Artikel auf, wie man einen Mitarbeiter des Secret Service identifizieren konnte, wodurch auch indirekt die Bewegungen von US-Präsident Trump nachvollziehbar waren.

Unterschätzte Gefahr

Der Bericht verdeutlicht dabei ein Phänomen, das in der Berichterstattung über Datensammelei gerne einmal untergeht. Während dort oft die großen Tech-Konzerne wie Google oder Facebook – durchaus zurecht – in der Kritik stehen, agiert im Hintergrund in aller Ruhe ein Netzwerk von Datenhändlern, deren Namen kaum jemand kennt. Von Fidzup über Gimbal bis zu PlaceIQ oder Safegraph reicht dabei die Palette. Und während beispielsweise Google zwar viele Daten sammelt, verkauft man diese zumindest nicht weiter. Das auch nicht aus besonderer Menschenliebe sondern einfach, weil mehr über die Nutzer zu wissen als andere den Kern des Geschäftsmodells bildet. Dieses Wissen zu teilen wäre also alleine schon aus einer Geschäftsperspektive kontraproduktiv. All diese kleinen Firmen machen hingegen sehr wohl mit dem Verkauf solcher Informationen ihr Geld. Dabei betont man gerne, dass dieser Akt anonymisiert erfolgt, der aktuelle Bericht zeigt aber gut, das zusammenhängende Standortinformationen gar nicht richtig anonymisiert werden können.

Apps

Die Quelle dieser Datensammlungen stellen vermeintlich harmlose Apps da, das kann eine angebliche "kostenlose" Wetter-App sein, die Standortberechtigungen einfordert, und dann diesen – von den Nutzern gewährten – Zugriff ausnutzt, um sich ein einträgliches Nebengeschäft aufzubauen. Doch die Fantasie der Datensammler kennt dabei keine Grenzen, solche Spionagefunktionen finden sich in unterschiedlichsten Programmen, und was es noch schlimmer macht: Oft ist es den Entwicklern selbst gar nicht bewusst. Verwenden sie doch oft Softwareentwicklungskits, die ihnen Arbeit abnehmen aber unerwünschte Nebeneffekte auf die Privatsphäre der User haben.

Aufräumen ist angesagt

Aus all diesen Gründen ist es wichtiger denn je, sich genau zu überlegen, welchen Apps man wirklich dauerhaft einen Platz auf dem eigenen Smartphone gewährt. Dabei gelten einige einfache Grundregeln. So empfiehlt es sich nicht benutzt Programme zu deinstallieren. Immerhin hat eine App, der man mal Zugriff auf sensible Informationen gegeben hat, diesen auch dann noch, wenn man sie schon Monate nicht mehr benutzt hat. Da ist die Entfernung also sinnvoller. Sollte man sie dann doch wieder einmal benötigen, kann man sie ja noch immer frisch einrichten.

Berechtigungen aufräumen

Der zweite Tipp: Es empfiehlt sich immer wieder einmal die Liste der erteilten Berechtigungen durchzugehen, und zu hinterfragen, ob das wirklich alles so auch Sinn ergibt. Braucht etwa die Taschenlampen-App Zugriff auf den eigenen Standort, sollten eigentlich die Alarmglocken schrillen. Ganz generell ist es ratsam, Apps nur das Minimum an Berechtigungen zu geben. Und wenn sie keine nachvollziehbare Begründung für den Zugriff auf Standort, Kamera, Mikrofon und Co geben können, einfach auf das betreffende Programm zu verzichten und sich nach Alternativen umzusehen.

Bewusstsein

Sonderlich schwer ist so ein Ausmüllen der Berechtigungen dabei ohnehin nicht. Sowohl Android als auch iOS bieten hierfür übersichtliche Liste in den Systemeinstellungen an. Natürlich ist es dabei sinnvoll, auch gleich ein Problembewusstsein zu schaffen, und der Verwandtschaft klar zu machen, warum es keine gute Idee ist, einfach jede x-beliebige App zu installieren und alle Berechtigung freizugeben, die so angefragt werden. Wenn man dabei schon nicht mit dem Privacy-Argument weiterkommt, dann hilft vielleicht der Hinweis darauf, dass ein aufgeräumtes Smartphone auch weniger Strom verbraucht und flotter ist. (Andreas Proschofsky, 25.12.2019)