Bäcker zählen zusehends zu den seltenen Spezies. Zumindest in einigen Bundesländern.

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Eines vorweg: Die Befürchtungen, die ÖVP und die FPÖ wollten den Fachkräftemangel mit einer Einwanderungswelle beseitigen, haben sich nicht bestätigt. Genau das hatte der frühere SPÖ-Bundesgeschäftsführer Max Lercher vor knapp zwei Jahren behauptet. Anlass für die Aufregung des Roten war damals die türkis-blaue Ansage, mehr Fachkräfte aus Drittstaaten über die Ausweitung der sogenannten Mangelberufsliste ins Land zu holen. Dadurch würden 150.000 Personen zuwandern, sagte Lercher damals.

Die Debatte wird zwar nicht mehr so emotional geführt wie Anfang 2018, Sprengstoff birgt sie aber allemal. Jüngster Anlass für Kontroversen: Auch die Übergangsregierung hat sich auf verstärkte Zuwanderung verständigt. Die Mangelberufsliste wird mit Jahreswechsel um elf Qualifikationen auf 56 erweitert, neu dabei sind – wie berichtet – unter anderen Maurer und Pflegehelfer. Doch damit nicht genug: Besonders kritisch sehen Arbeitnehmervertreter und SPÖ eine zusätzliche Beschäftigungsmöglichkeit für Ausländer über die von ÖVP und FPÖ eingeführte Regionalliste.

Keine Verkäufer

Über sie können Arbeitgeber in den westlichen Bundesländern beispielsweise russische, serbische oder ukrainische Verkäufer(innen) engagieren. In Kärnten, der Steiermark, in Tirol und Vorarlberg wird überdies der Zugang für Friseure und Friseurinnen geöffnet, vier Bundesländer haben außerdem einen Mangel an Malern und Anstreichern festgestellt. Die größte Knappheit ist in Oberösterreich ausgebrochen, wo neben den 56 bundesweiten Mangelberufen 26 landesweite konstatiert wurden: von Fleischern über Buchhalter bis zu Bäckern.

Selbst Friseure sind knapp, aber nicht (immer) bei Kasse.
Foto: Matthias Cremer

Was SPÖ und Arbeitnehmervertreter besonders ärgert: Sie sehen in der Liberalisierung des Arbeitsmarkts die Gefahr des Lohndumpings und fordern größere Anstrengungen zur Qualifizierung von Österreichern. Hier sind die Betriebe zwar nicht abgeneigt, sehen diese Initiativen aber nicht als ausreichend an, um die geschätzt 160.000 fehlenden Fachkräfte bereitzustellen. Ein Stehsatz in den Forderungen aller Beteiligten: die Lehre attraktiver gestalten. Doch liegt es tatsächlich an der hochgelobten dualen Ausbildung, dass österreichische Betriebe zu wenig qualifiziertes Personal finden?

Weniger Lehrlinge

Ein Blick in die jüngsten Fachpublikationen und Statistiken lässt einen klaren Trend erkennen – zumindest bis vor wenigen Jahren. 1980 wurde mit 194.000 Lehrlingen der Höhepunkt erreicht, seither geht es bergab. Lediglich 108.000 Lehrlinge gab es Ende 2018 – was erstmals seit Jahrzehnten wieder ein kleines Plus bedeutete.

Doch was auf den ersten Blick wie ein Niedergang einer Institution aussieht, stellt sich bei genauerem Hinsehen differenzierter dar. Der Anteil neuer Lehrlinge an der Gesamtgruppe der 15-Jährigen liegt seit 20 Jahren konstant bei rund 40 Prozent. Doch bei stark wachsender Bevölkerung bedeutet das einen verhältnismäßigen Rückgang. Der Anteil der Lehrlinge an allen Erwerbstätigen halbierte sich in den letzten 20 Jahren annähernd auf 2,9 Prozent.

Weniger Schüler

Das hängt auch mit demografischer Entwicklung und geänderten Bildungswegen zusammen. Die Zahl der Schüler in der zehnten Stufe ist seit 2007 – mit Ausnahme der allgemeinbildenden höheren Schulen – insgesamt rückläufig. Berufsschulen verzeichneten mit einem Minus von 20 Prozent den markantesten Schrumpfprozess.

Seither gibt es zwar eine deutliche Gegenbewegung, doch den Berufsschulen mangelt es an Attraktivität: "Während die berufsbildenden höheren Schulen und die Gymnasien mit digitaler Infrastruktur ausgestattet werden, verkommen die Berufsschulen zu Bildungseinrichtungen zweiter Klasse", kritisiert Susanne Hofer, Vorsitzende der Gewerkschaftsjugend, vergangene Woche anlässlich der Ausarbeitung eines Pakets zur Verbesserung der Lehre.

Weniger Erwerbsfähige

Insgesamt spricht die demografische Entwicklung nicht dafür, dass der Fachkräftebedarf im Inland abgedeckt werden kann. Das lässt sich ganz gut anhand von Prognosen der Statistik Austria zeigen. Ein Beispiel: Seit 2015 übersteigt die Zahl der 60-Jährigen jene der 20-Jährigen. Das jeweilige Alter ist nicht zufällig gewählt, handelt es sich dabei doch um das durchschnittliche Einstiegsalter ins Berufsleben respektive um das Pensionsalter. Es gibt also zwangsläufig mehr Personen, die ihre Erwerbstätigkeit beenden, als Berufseinsteiger.

Finanziell hoch hinaus geht es bei Kellnern meist nicht.
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2024 werden fast 138.000 60-Jährige gut 95.000 20-Jährigen gegenüberstehen. Das zeigt schon, dass das Beschäftigungswachstum der letzten Jahrzehnte selbst bei verstärkter Aktivierung Arbeitsloser ohne Migration nicht zu halten sein wird.

Defizite bei Berufswahl

Dazu kommt, dass die Berufswahl nicht immer die Nachfrage abdeckt. In gesuchten Bereichen wie Maschinen/Fahrzeug/Metall (minus neun Prozent) oder Elektrotechnik/Elektronik (minus 21 Prozent) kam es in den letzten fünf Jahren zu herben Rückgängen bei den Lehrlingszahlen. Es gibt freilich auch Positivbeispiele wie den starken Andrang bei Kommunikationstechnik/EDV.

Dass die von den Arbeitnehmern oft angeführte schlechte Bezahlung auch ein Grund für zu wenig Nachwuchs sein dürfte, zeigt das Beispiel Tourismus mit einem Minus von 14 Prozent bei den Lehrlingen. Köche sind bundesweit, Kellner in Westösterreich Mangelberufe. Laut Lohnsteuerstatistik wird im Bereich Beherbergung/Gastronomie mit einem durchschnittlichen Brutto von 28.140 Euro im Jahr von allen Branchen am schlechtesten bezahlt. Um Missverständnissen vorzubeugen: Die Berechnung erfasst nur ganzjährig Vollbeschäftigte, Saisonniers sind also nicht dabei. (Andreas Schnauder, 27.12.2019)