Ptah wurde in der ägyptischen Mythologie als Schöpfungsgottheit und Schutzherr der Handwerker verehrt. Der Mythos um seine "Geliebte" Merit-Ptah hingegen ist noch keine 100 Jahre alt.
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Auf der Venus gibt es einen 17 Kilometer großen Einschlagskrater mit Namen Merit-Ptah. Gemäß der Vorgabe der Internationalen Astronomischen Union, mit Venuskratern berühmte Frauen aus der Geschichte zu ehren, verweist dieser auf "die vom Gott Ptah Geliebte" (so die Bedeutung ihres Namens), die seit Jahrzehnten unter Bezeichnungen wie "Chefärztin des Pharao" oder "erste namentlich bekannte Naturwissenschafterin der Geschichte" durch die Medien geistert.

Das Problem: Anders als etwa die US-amerikanische Gorilla-Forscherin Dian Fossey oder die österreichische Kernphysikerin Lise Meitner, nach denen ebenfalls Venuskrater benannt wurden, hat es diese Merit-Ptah nie gegeben. Es handelt sich um ein Konstrukt, das aus einem Irrtum heraus entstanden ist, dann aber mit bemerkenswerter Hartnäckigkeit am Leben erhalten wurde. Der Medizinhistoriker Jakub Kwiecinski von der University of Colorado hat den Fall nun rekonstruiert.

Die Geburt der Merit-Ptah

Es begann mit dem 1938 veröffentlichten Buch "A History of Women in Medicine" der kanadischen Medizinerin und Feministin Kate Campbell Hurd-Mead. Darin berichtet sie von einer Merit-Ptah, die während der Fünften Dynastie des Alten Reiches – also etwa zweieinhalbtausend Jahre vor unserer Zeitrechnung – gelebt haben soll. Eine Inschrift am Grabmal ihres Sohnes im Tal der Könige weise sie als "leitende Ärztin" aus.

Von Historikern wird diese Angabe schon lange bezweifelt – alleine schon deshalb, weil die Nekropole im Tal der Könige erst etwa 1.000 Jahre später im Neuen Reich als Bestattungsort von Würdenträgern fungierte. Tatsächlich gebe es nirgendwo eine Inschrift, die die Existenz einer Ärztin namens Merit-Ptah dokumentiert, sagt Kwiecinski. Sie sei weder in Namenslisten von Heilern noch Beamten zu finden – nicht einmal in solchen, die als eher zweifelhaft gelten.

Aus zwei wird eins

Den Frauennamen an sich könnte es im Alten Reich schon gegeben haben, so der Forscher. Gesichert ist er auf jeden Fall aus der Zeit des Neuen Reichs – so trug unter anderem die Ehefrau des Gouverneurs Ramose diesen Namen. Kwiecinski vermutet, dass Hurd-Mead zwei archäologische Entdeckungen durcheinandergebracht hat: einen Namen jüngeren Datums und einen Fund aus älterer Zeit.

In der 500 Kilometer vom Tal der Könige entfernten Nekropole Sakkara wurde nämlich 1930 das Grab eines Würdenträgers aus dem Alten Reich entdeckt, in dem an einer Scheintür ein Vermerk zu einer Frau namens Peseschet steht. Diese trug unter anderem den Titel "Vorsteherin der Heilerinnen" (oder auch "der Heiler"), der in seiner Bedeutung allerdings etwas unklar ist. Da sich ein Buch, in dem die Entdeckung beschrieben wird, in Hurd-Meads Bibliothek befand, geht Kwiecinski davon aus, dass sie die beiden unterschiedlichen Frauen versehentlich zu einer verschmolzen hat – und die ist seitdem nicht totzukriegen.

Von der Grab- in die Echokammer

Viel mehr als der an sich banale Fall schlampiger Recherche interessierte Kwiecinski daher die Frage, wie sich dieser zu einem modernen Mythos auswachsen konnte. Denn Merit-Ptah, die vermeintliche Pionierin, ist inzwischen überall, wie der Historiker berichtet. Man findet sie in populärwissenschaftlichen Büchern ebenso wie in feministischen Blogs, wenn es um das Thema Frauen in MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) geht – aber auch in Computerspielen oder als inspirierendes T-Shirt-Motiv.

An Merit-Ptah werde der Wunsch nach einem Vorbild beziehungsweise einer Identifikationsfigur erkennbar, so Kwiecinskis Resümee – mitunter sogar in mehrfacher Weise: So sei Merit-Ptah auch schon als "schwarze" Frau bezeichnet worden, ohne dass es für ihre Hautfarbe irgendeinen Anhaltspunkt gebe. Wunschvorstellungen würden zu vorgefassten Meinungen führen und diese abseits vom wissenschaftlichen Fachdiskurs in den "Echokammern" von Amateurhistorikern weitergegeben. Die inzwischen über 80-jährige Geschichte von Merit-Ptah ähnele somit stark einem höchst gegenwärtigen Phänomen, nämlich der Produktion von Fake News.

Was bleibt

Und da Fake News hartnäckig sind, wird Merit-Ptah nicht so schnell wieder verschwinden. Den Venuskrater könnte man in Peseschet umbenennen – wäre da nicht die offene Frage, was "Vorsteherin der Heilerinnen" in der Praxis nun wirklich bedeutet hat. Ob "die wahre Merit-Ptah" selbst eine Heilerin respektive Ärztin war, lässt sich daraus nicht eindeutig ableiten.

Immerhin liefert die Inschrift zu Peseschet starke Indizien dafür, dass es im Alten Ägypten – wie wohl in den meisten Kulturen der Welt – Heilerinnen gab, auch wenn deren Namen nicht überliefert sind. Aber auch das ist ein Phänomen, das die Zeitalter verbinden dürfte: Während diejenigen, die die tatsächliche Arbeit leisten, anonym bleiben, streift jemand anderes den Ruhm ein. Im Extremfall sogar jemand, den es nie gegeben hat. (jdo, 28. 12. 2019)